17. Woche 2001

Von Oliver

Zweieinhalb Wochen New York erschienen uns wie eine Ewigkeit, aber auch die sind irgendwann vorbei und am Mittwoch erwartet uns der Rückflug nach München. Elke erwartet dazu noch eine Deadline für ihr Buch – deswegen haben wir wenig Zeit, um uns um New York zu kümmern.

Am Mittwoch hatte ich noch ein Bewerbungsgespräch in Downtown – auf dem Heimweg kam ich noch an Filmaufnahmen in Little Italy vorbei. Für die Dreharbeiten wurde extra die Mulberry Street um einen Block verlegt. Hier erwartet man bei Filmaufnahmen natürlich Hollywoodstars und so wartete ich 20 Minuten um vielleicht jemand zu sehen, den ich kenne. Leider rannten nur die üblichen Filmleute aufgeregt hin und her und es war absolut nicht zu erkennen, was da gedreht wurde.

Zum Mittagessen gingen wir dann zu Rosario, der einfach frech an seinen Laden schreibt, dass er die beste Pizza der Stadt hat. An diesem Tag beschloss Rosario, seine Gäste mit einer Dokumentation zu beglücken, die ihn im Kampf mit einem großen Pizzakonzern zeigt (vielleicht Ray’s Pizza?). Der Gag: die Dokumentation war in Deutsch und wir waren die einzigen, die verstanden, um was es da ging. Auf jeden Fall ist Rosario schon seit 29 Jahren in New York, die Pizza und die Lasagne sind wirklich gut und auch recht preiswert.

16. Woche 2001

Von Elke

Die Ostertage sind kaum merklich an uns vorübergegangen. Wären wir nicht doch noch am Sonntag durch Little Italy spaziert, man hätte von Ostern nichts mitbekommen. Doch auf die Italiener oder italienischen Amerikaner ist Verlass! Osterhasen und Ostereier überspannen die Straßen. Nein, Einzahl ist wohl eher angebracht, denn Little Italy besteht ja nur mehr aus der Mulberry Street. Dort reiht sich dann auch ein Lokal an das andere und Heimweh nach Italien lässt sich dort wohl ein wenig kurieren. Hier locken Vino rosso, pizza und pasta typica italiana und wer noch mehr braucht, kann sich in einem der vielen Andenkenlädchen eindecken.

Doch nicht wir!

Ausgerechnet am Ostersonntag wollten wir mal wieder eigene Küche genießen, der aber noch jegliche Zutaten fehlten. In diesem Fall war nun wiederum auf die Asiaten Verlass. Den Ostersonntag ignorierend, wurde mit allen erdenklichem Obst und Gemüse sowie Fisch und Fleisch gehandelt. Wir entschieden uns für eine Jahrespackung Thai-Reis, Sesamöl, Sojasoße, zwei blauweiße Porzellanschalen, Ingwer, Knoblauch, Chilli, Broccoli, Asia-Spinat und Pilze. Die Zubereitung auf dem heimischen Gasherd machte Spaß und geschmeckt hat es zudem.

Noch nicht lange in Amerika und schon haben wir mehrere Lieblingssender. So zeigte AandE.com die zweite Folge seiner Eigenproduktion “Horatio Hornblower”, ein Seeabenteuer, das wir nicht verpassen wollten. Derzeit sind wir natürlich fremden Abenteuern gegenüber ganz besonders aufgeschlossen.

Am Ostermontag galt es ein neues Viertel zu erkunden: Hells Kitchen! Das ist die Gegend westlich vom Times Square. Ken, ein Freund von Ian, lud zu seiner Housewarming Party ein. Wir wussten bereits, er würde ein tolles Apartment einweihen wollen, doch wussten wir nicht, wie toll. Ein Concierge meldete uns bei Ken an. Und dann befanden wir uns im Appartment, im 29. Stock und kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Das da draußen war Manhattan! Das Empire State Building, und ganz unten das World Trade Center, östlich davon der Hudson und so war natürlich auch New Jersey in Sichtweite. WOW! Die Sonne war gerade am Untergehen und der Wechsel von Tag zu Nacht mitzuerleben.

Nicht alle Tage können mit überwältigenden Neuigkeiten angereichert sein, wenngleich der erste größere Supermarkt-Einkauf durchaus ein Erlebnis sein kann.

Wieso steht auf dieser Packung mit Cheddar “It’s 100% Cheese”? Aha, weil auf dieser hier “Made With 40% real Cheese” steht. Da ich gar nicht wissen will, was die restlichen 60% sind, greife ich zum “Real Cheese”. Ähnlich sieht’s bei den Milchprodukten aus: Low Fat Joghurt, Low Fat Butter, Low Fat Whatever. Wo bitteschön finde ich 3,5% linksdrehenden Joghurt mit Biokulturen? Muss ich wohl in ein Dairy Products Fachgeschäft gehen, hier jedenfalls finde ich nur Joghurt, der aus Soja und Gelatine und noch so anderen Dingen besteht. Dafür hat er halt kein Fett. Auch kann ich in diesem an sieben Tagen rund um die Uhr geöffneten Supermarkt aus zig verschiedenen Marken von Fleischzartmachern, Salzersatzstoffen, Geschmacksverstärkern und so fort wählen. Andererseits gibt es gerade in New York ja superfrische Produkte, von bislang unbekannter Qualität. Diese kauft man halt nicht im Supermarkt, sondern in Chinatown oder wenn man etwas mehr Geld übrig hat in einem der v vielen Delis und kleinen Groceries. Wie so oft auch hier wieder: alles eine Frage des Geldes und der Einstellung.

15. Woche 2001

Von Oliver

Wir sind ja nicht das erste Mal in New York, aber dieses Mal ist es natürlich etwas Besonderes. Das beginnt schon mit den vier Gepäckstücken plus 2 Laptops, ein absoluter Rekord für uns.

Am Flughafen wollte uns dann auch gleich ein netter Herr weismachen, dass kein New Yorker Taxi soviel Gepäck mitnehmen würde und wir deswegen unbedingt sein inoffizielles “Hotel-Taxi” nehmen müssten.

Am liebsten hätten wir gesagt: “Sie sind der, vor dem uns alle gewarnt haben”, denn nicht nur alle Reiseführer, sondern auch eine Durchsage im Terminal weist darauf hin, dass man nur die echten Yellow Cabs nehmen sollte. Das haben wir dann auch eisern getan und sind für $40 ($30 Flatrate + Toll + Tip) zu unserer neuen Heimat gekommen.

Okay, in New York lebt man anders als in München. Unser Apartment ist ziemlich klein und nicht unbedingt luxuriös, aber das wussten wir ja. Und mit ein bisschen Einrichtung lässt sich da bestimmt viel machen. Als Bonus haben wir auch ein paar moderne Gemälde bekommen, die dem Zimmer Atmosphäre geben.

Trotz der durchgemachten Nacht konnten wir – dank des Jetlags – gleich am Abend der Ankunft die Gegend erkunden. Wie wir schon geahnt hatten, ist die Lower East Side eine beliebte Gegend zum Ausgehen. Ein Club reiht sich an den anderen und Samstags gibt es dort sogar echte Türsteher – Schwarze im Schrankformat mit Anzug – und die dazugehörenden Schlangen von Nachtschwärmern.

Bei der ersten Gelegenheit haben wir gleich ein Faltblatt von Bürgermeister Giuliani bekommen, in dem interessante Tipps zur persönlichen Sicherheit auf der Straße, zuhause und sonst wo stehen. Danke! Nach einer Woche denken wir allerdings, dass die zahllosen Polizeiwagen, die die Lower East Side Tag und Nacht durchkreuzen, dafür sorgen, dass man sich einigermaßen ungezwungen in der Stadt bewegen kann. An diesem ersten Abend haben wir übrigens auf die hippen Clubs verzichtet und sind in unsere alte Stammkneipe Nice Guy Eddie’s gegangen, wo wir uns davon überzeugen durften, dass die Halbe wirklich $5 kostet.

Überhaupt die Preise. Ein erster Überblick bestätigt alles Schreckliche, was man über New York hört – es ist einfach schweineteuer. Aushalten kann man es nur, wenn man aufhört Dollar, in D-Mark umzurechnen und sich immer wieder einredet, dass ein Bier oder ein Essen in Manhattan eben einfach mehr wert ist, als sonstwo auf der Welt (An Thailand wollen wir hier lieber nicht denken…)

Den Rest der Woche haben wir dann mit Streifzügen durch die Stadt verbracht. Nach Norden, die Avenues hoch Richtung Central Park, nach Süden, den Broadway nach unten Richtung Battery Park und World Trade Center. Wir haben ein Sushi-Picknick im Central Park genossen und schöne Wohngegenden in Soho und Greenwich Village angeschaut.

Bei dieser Gelegenheit haben wir uns auch ausgestattet mit Geschirr (besonders gut in Chinatown), mit verschiedenen Adaptern und Kabeln um unsere Geräte anzuschließen und Kleinigkeiten für den Haushalt. Elkes Lieblingsläden sind dabei Odd-Job, eine Art Trödler mit allen möglichen Produkten und Duane Reade, New Yorks allgegenwärtiger Drogeriemarkt.

Großes Vergnügen bereiten uns natürlich die Öffnungszeiten der Geschäfte. Wochenenden oder Feiertage gibt es fast nicht. Viele Läden haben bis spät in die Nacht oder sogar rund um die Uhr auf. Zwar haben wir noch nicht herausgefunden, wie sich das auf’s Preisniveau niederschlägt, aber man fühlt sich von dem Druck befreit bestimmte Dinge zu bestimmten Zeiten erledigen zu müssen. Keine Getränke oder kein Klopapier mehr – kein Problem, das gibt es an der nächsten Ecke auch noch um Mitternacht.

Am Montag haben wir gleich endlich Ian, mit dem wir seit Wochen im E-Mail-Verkehr stehen, persönlich kennengelernt. Er wohnt ebenfalls in einer recht kleinen Wohnung in der Upper East Side. Am Dienstag haben wir ihn dann in seinem Büro an der 5th Ave. abgeholt und einen ersten Eindruck von der Arbeitswelt in New York gewonnen: es sieht nicht viel anders aus als bei uns!

Einen Eindruck konnten wir auch von der amerikanischen Bürokratie gewinnen. Als erstes braucht man eine Social Security Number (SSN), ansonsten ist man sozusagen nicht existent und kann nicht einmal ein Bankkonto eröffnen, das man wiederum benötigt, um seine Rechnungen zu zahlen oder jemals eine Wohnung mieten zu können. Glücklicherweise befindet sich eine Zweigstelle der Social Security Administration direkt um die Ecke von unserer Wohnung in der Delancey St.. Im Prinzip ist alles ganz einfach – man muss nur ein Formular ausfüllen und abgeben. Wenn man aber über 18 ist und noch nie eine SSN besessen hat, dann muss man eine Nummer ziehen, warten und sich einem Interview unterziehen, dessen Sinn sich einem eigentlich nicht erschließt. Auf jeden Fall ist der Antrag durch und wir müssen nur noch 2 Wochen auf die SSN warten….