30. Woche

Von Elke

07-22-01
Bereits seit Tagen bilde ich mir eine hellblaue Handtasche ein und wo könnte frau besser danach fahnden als im Century 21 Deparment Store?

elke-wtc

Zugegeben: in diesem Durcheinander ist es schwer, das Gewünschte zu finden, und dennoch oder gerade deshalb macht das Stöbern hier ganz besonders viel Spaß. Namhafte Designerware wird hier zu Tiefstpreisen dargeboten. Wer ein bisschen Zeit mitbringt, kann ein echtes Schnäppchen nach Hause tragen. Und schließlich fand ich tatsächlich eine Tasche, die mir gefiel und doch kein Preisschild trug. Also setzte ich mir eine bestimmte Summe, die ich bereit war, auszugeben und fragte eine der Kassiererinnen: “It’s seven fifty”. Okay, dann nehme ich diese Tasche! “Nothing can beat seven Dollar fifty” – und das ist auch meine Meinung! Dieser Preis ist wirklich nahezu unschlagbar.

Glücklich spaziere ich mit meiner Tasche in der Tasche in der einen Hand, und mit Oliver an der anderen, aus dem Shoppingparadies hin zum großen Platz zwischen den World Trade Center Türmen und gemeinsam lauschen wir der Salsa-Band, die da gerade aufspielt.

07-23-01
Nach bald vier Monaten im Land der Junkfood-, TV- und Fitness-Süchtigen hat es auch mich erwischt. Immerhin das Gesündeste “Übel” von den Dreien! Und so schalte ich jeden Morgen um 7:30h die Glotze ein und lasse mich von meiner persönlichen Trainerin Denise Austin fit, gelenkig, schlanker, schöner, schlauer und was sonst noch machen. Natürlich gibt es nicht nur diese zweimal halbstündige Sendung, sondern auch Videos, DVDs, Bücher und natürlich eine Website.

Und als ob das alles noch nicht reichen würde, macht Denise selbstverständlich auch Werbung für Florida Grapefruitsaft und ihre Anti-Cellulite-Behandlung: “We exercise, we eat healthy and still we have celulite, but there’s hope…” – Na ja, das muss ich ja nicht mitmachen, aber ihre Übungen machen richtig Spaß und tun gut. Außerdem spricht Denise motivierende Worte und macht schlichtweg fit für den ganzen Tag.

07-24-01
Heute gibt’s gleich drei Termine:

Wohnungsbesichtigung
Job-Interview mit einem Recruiter
Party mit anderen Auswanderern
1. Die Eingangshalle mit Doorman lässt trotz heftiger Umbauarbeiten nur Gutes erahnen und der im selben Haus befindliche J&R Eletkro-Shop spielt ungeniert den großen Verführer. Tapfer machen wir uns in den elften Stock auf, nur damit es uns sogleich den Atem verschlägt. Wow! Schön haben es die Maklerinnen hier, aber wir können uns das sicher nicht leisten. Für uns bleibt sicher nur der Blick auf den Hinterhof übrig!

Nachdem wir die Auskunftsformulare vollständig ausgefüllt haben, kann es los gehen. Wir werden von Susan, der Managerin des Ganzen, persönlich herumgeführt und landen zuerst in einem einfachen Studio. Doch Oh! Schreck! Kein Blick in den Innenhof sondern auf die gegenüberliegende, zum eigenen Haus gelegene Häuserwand. Ist das alles, was wir für unser Geld erwarten dürfen? Wir versuchen es erst mal vorsichtig und meinen, dass wir uns “etwas anderes” vorgestellt hätten.

Also führt uns Susan in ein Apartment mit elend langem Gang (länger als die uns bekannten 10 Meter!) und etwas mehr Ausblick, doch noch immer ist die gegenüberliegende Häuserfront das bestimmende Element. “We would like to have a little bit more view.” versuchen wir es erneut, diesmal schon mutiger geworden. Susan erwidert daraufhin, dass sie glaubte, ein “mehr” würde unser Budget nicht zulassen. Wir können sie aber glücklicherweise davon überzeugen, dass die von uns genannte Grenze nicht die absolute, sondern nur eine Schmerzgrenze darstellt. Also zeigt sie uns ein One-Bedroom mit VIEW! Ja! Das ist es – so was hatten wir uns vorgestellt:

Ein kleines Schlafzimmer, ein großes Wohnzimmer mit separater Küche, die aber mit Hilfe einer Durchreiche mit dem Livingroom verbunden ist, sowie einem Bad. Schön. Hier gefällt es uns sehr gut, wenngleich das Apartment doch ein wenig größer sein dürfte.

Also zeigt uns Susan noch eines – und DAS gefällt uns unheimlich gut. Das ist es nun wirklich! Beseelt ziehen wir wieder von dannen und trauen uns gar nicht so richtig uns zu freuen. Nein, nein, wir haben da doch eh keine Chance. Jeder spricht doch immer davon, wie schwierig es ist in New York eine Wohnung zu finden. Als AusländerInnen ohne Credit History können wir ja noch nicht mal einen Handy-Vertrag abschließen. Wie sollen wir dann eine Wohnung bekommen? Unmöglich! Oder?

2. Nach diesem herrlichen Erlebnis, traf ich mich mit einer Art Recruiter, den ich auf der PC Expo kennengelernt hatte. Auch wenn dieses Treffen bisher nichts ergeben hat, war es dennoch sehr interessant.

start-abroad

3. Den Abschluss eines höchst interessanten und aufwühlenden Tages bildete eine Party in einer Bayerischen Wirtschaft. Was? Eine bayerische Gaststätte mitten im East Village? Nun, da es ein Freibier gibt und wir nach wie vor gerne neue Menschen kennen lernen, machen wir uns auf in die 8th Street, Ecke Avenue C und staunen nicht schlecht, als wir beim “Zum Schneider” ankommen. Hier ist’s echt zünftig! Und wir können zwischen verschiedenen Bieren wie beispielsweise Spaten, Weihenstephaner, Paulaner und Schneider Weisse wählen. Hm – lecker und ganz schön stark so ein Schneider Weisse im übrigens Original-Weißbierglas. Dass dieses bayerische Schmankerl mit sieben Dollar tief in den Geldbeutel greift, tut der Stimmung erst mal keinen Abbruch. Die Initiatoren der Party sind zwei Brüder aus Deutschland, die sich schon länger in New York aufhalten und hier diverse Internet-Businesses betreiben: eine Seite für Auswanderer und eine Event-Seite.

Als die Party ihren Höhepunkt erreicht, verlassen wir die gastliche Stätte und treten den Heimweg an.

07-25-01
Bisher haben wir um die vielen Starbucks, die die kleinen kuscheligen Cafés vertrieben haben, immer einen großen Bogen gemacht, doch gibt es natürlich immer ein erstes Mal. Bei meinem ersten Date mit Doris schlürfe ich einen ungesüßten Eistee im Starbucks am Astorplatz. Ein herrlicher Ort, um sich angeregt zu unterhalten und besser kennen zulernen.

Als ich Doris noch nach Hause begleite, staune ich nicht schlecht, wie schön man in New York wohnen kann. Nein, nicht die fantastische Lage und der Schnitt der Wohnung allein, sondern die geschmackvolle Einrichtung laden zum Verweilen ein.

Zurück in der Wirklichkeit kämpfe ich mit einer Luftfeuchtigkeit von 97%, gegen die unser kleiner Ventilator natürlich nichts bewirken kann. Aber so eine natürliche Sauna ist bestimmt gar nicht einmal ungesund…

07-26-01
Das Aufregendste an diesem Tag ist das Webgrrls Meeting. Drei E-Commerce-Gründerinnen berichten: Courtney Pulitzer davon, wie sie ihre Parties “Cocktail with Courtney” ins Leben gerufen hat. Syl Tang wie sie ihren Städteübergreifenden Hipguide gegründet und Dany Levy wie sie auf “Daily Candy” kam. Befremdlich war die Ernüchterung der drei Ladies darüber, dass sie jetzt im Gegensatz zu den beiden vergangen Internet-Boom-Jahren arbeiten müssten. So etwas aber auch! Kommen die Aufträge nicht mehr in den Schoß gefallen?! In der Hoffnung, dass die nächsten Webgrrls Meetings wieder interessanter sind, verlasse ich gemeinsam mit Victoria und Sonia den Ort des Geschehens.

07-27-01
Wir wollen ins Kino! Gleich mit vorne dabei sein und mitreden können. Also machen wir uns auf zum Union Square, nur um dann festzustellen, dass es keine Karten mehr gibt. Das Witzige an der Situation war aber, dass wir just geradewegs in unseren New Yorker Freund Ian gerannt sind, den seine restlichen Freunde schon verschollen geglaubt hatten. Hier stand er nun in voller Blüte vor uns und im Besitz zweier Eintrittskarten…

07-28-01

elke-seaport
Ach! Was hatte uns die am Dienstag besichtigte Wohnung gut gefallen! Ob wir vielleicht doch eine Chance haben? Einen Versuch ist’s doch wert, oder? Warum sollen wir nicht die für den Kredit-Check notwendigen 60 Dollar einfach mal investieren und schauen, was dabei raus kommt? Wie heißt doch gleich dieses schöne Sprichwort? “Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.” Und steckt da nicht ein großes Korn Wahrheit drin? Tja, so ziehen wir uns adrett an: ich mit weißem Etui-Leinenkleid mit großen Blumen drauf und Oliver mit passendem weißen Leinenhemd und Blue Jeans. Ein schönes Paar!

park-row-building

Unsere übliche Route spazieren wir Downtown, kehren im Staples ein, um Kopien zu machen und all unsere Unterlagen in eine schöne Mappe zu stecken. Draußen auf der Straße, genauer gesagt auf dem Broadway Ecke Park Row, werfen wir wieder einen Blick auf unser Traumhaus und betreten dann das Landmark Building, wo wir von einem Doorman freundlich begrüßt werden.

Wir fahren in den 11. Stock und treffen dort auf Susan’s Mitarbeiterinnen, die uns erst mal einen Platz anbieten. Glücklicherweise kommt Susan bald, sieht uns, begrüßt uns supernett und empfiehlt uns dann einer ihrer Maklerinnen. Wir erzählen unsere Geschichte, dass wir schon mal da waren, uns sehr für die Apartments interessieren und uns momentan nicht entscheiden können, welches wir wollen. Gemeinsam mit Cindy – wir nennen sie jetzt mal so – besichtigen wir das 1 Bedroom mit der Bar-Kitchen. Schön! Anschließend führt sie uns in “my absolutely favorite aparment” und JA! das ist es. Hier wollen wir wohnen. Wir sehen uns um, entdecken drei eingebaute Kleiderschränke, ein komplett neu-renoviertes Marble-Bath, und eine geräumige, geschmackvolle, offene Küche. Als wir uns ganz sicher sind, dass wir dieses Apartment gerne mieten würden, gehen wir mit Cindy wieder hinunter in den elften Stock und füllen die notwendigen Papiere aus, die uns unserem Ziel – hoffentlich! – ein Stück weit näher bringen. Die ausgefüllten Schriftstücke überreichen wir Susan und sie strahlt Zuversichtlichkeit aus.

southstreet-seaport

Beschwingt verlassen wir unser womöglich zukünftiges Wohnhaus und erkunden die Nachbarschaft.

Am Abend dann laufen wir wieder zum Union Square, nur um unsere Sitzplätze und auch alle anderen Sessel des Movietheaters besetzt vorzufinden. So hatten wir uns das nicht vorgestellt. Nach einer längeren Auseinandersetzung mit mehreren Verantwortlichen, befinden wir uns schließlich doch irgendwann in einem Kinosaal, in dem “Planet of the Apes” halt eine Stunde später beginnt. Und eigentlich hätten wir uns dieses Erlebnis sowieso ganz sparen können. Auch wenn die atmosphärische Umsetzung großartig geraten ist, so bleibt die ganze Story doch sonderlich obskur und bisweilen sogar langweilig. Da kann auch der von mir durchaus verehrte Mark Wahlberg nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Film nur dürftig ist. Einige sagen “Meisterpiece” doch einige schlichtweg nur “Crap” und wir schließen uns der letztgenannten Gruppe der Kinogänger an. P.S. Die Website ist aber nichtsdestotrotz einen Besuch wert und der kostet auch keine zehn Dollar. Your opinion rules!

29. Woche

Von Oliver

wonderwheel-elke-s

Auch wenn es weiter östlich wahre Traumstrände auf Long Island gibt, bleibt Coney Island unser liebstes Ausflugsziel. Es ist ja auch gar so einfach: lediglich in den herrlich klimatisierten F-Train steigen und 40 Minuten später ist man da. Und wenn man nicht in Coney Island, sondern eine Station früher in der West 8th St. aussteigt, dann spart man sich auch den abtörnenden Weg durch die Budengasse mit all ihrem abblätterndem Charme. Stattdessen kommt man direkt beim New York Aquarium raus und landet somit direkt am Strand.

Okay, auch wenn der richtige New Yorker eigentlich nicht nach Coney Island geht, bleiben immer noch genug Menschen übrig, um einen breiten, langen Sandstrand vollständig zu füllen. Da so gut wie jede Gruppe ihren eigenen Ghetto Blaster dabei hat, geht es bei der Suche nach einem freien Platz auch um Musik: Man hat die Wahl zwischen Latin, R&B und Hip Hop. Meistens zwei bis drei verschiedene Lieder gleichzeitig. Coney Island ist übrigens auch Standvergnügen pur: Wer einen im Fitnesstudio gestählten Körper hat, führt den woanders vor – hier wird der junkfood-geformte Körper mit Bierbauch stolz zur Schau getragen.

shark-s

Es ist Sonntag und der Stand ist so voll, dass man kaum das Meer sehen kann. Es reicht für ein kurzes Bad und ein Nickerchen in der Sonne, denn dann verziehen wir uns ins New York Aquarium, wo es neben viel Fisch auch eine saubere Toilette und eisgekühlte Cola gibt. Diesmal besuchen wir gezielt das Hai-Aquarium, das zwar lange nicht so groß ist, wie die in Florida oder Hongkong, aber immer noch beeindruckend genug. Die Ozeanherrscher ziehen ruhig ihre Runden und schauen einem direkt in die Augen, bevor sie wieder im graugrünen Dämmerlicht verschwinden. Dazwischen schwimmen kleiner Fische, die wohl so eklig schmecken, dass sie von den Haien in Ruhe gelassen werden. Angeblich sind die kleineren Fische übrigens gefährlicher als die Haie, da diese zu satt und zu cool sind, um sich mit Menschen abzugeben, sollte mal einer in den Pool fallen.

Am Montag treffen wir zur Happy Hour Natascha und ihren russischen Freund Armen. Glücklicherweise bietet die Lolita kein Essen an, was dazu führt, dass einen der Hunger rechzeitig wieder heraustreibt und man so nicht in Versuchung kommt, zu versumpfen. Mittwoch bin ich auf einer Geschäftsreise nach Boston, wobei ich von der Stadt leider nicht viel mehr mitbekomme als den Flughafen.

Vielmehr passiert dann bis zum Wochenende dann nicht mehr, was zwar das Diary-Schreiben erschwert, aber ein gutes Zeichen dafür ist, dass wir uns ganz gut eingelebt haben.

Freitags machen wir eine neue Entdeckung in unserem geliebten 10th-Street Block in der 2nd Avenue. Dort ist neben dem Ryans das Bandito. Dies ist ein recht gutes mexikanisches Lokal mit Riesenportionen, günstigen Preisen und Tischen auf der Strasse. Nur so viel: Schon beim ersten Getränk gibt es eine grosse Schüssel mit Nachos und ein Schälchen Salsa!. Später gehen wir dann noch in eine Bar, die in einer Baulücke untergebracht ist und irgendwie ein karibisches Flair verströmt. Der Name war leider nicht herauszufinden.

theatre

Am Samstag machen wir uns auf, einen kleinen und sehr abgelegenen Teil der Theaterhaupstadt New York kennenzulernen. Natascha schlägt einen Besuch des Beckman Theatre vor, einem Off-Off-(und vielleicht nochmal Off-)Broadway-Theater, in dem eine zusammengewürfelte Truppe Shakespeare’s Mitsommernachtstraum aufführt (übrigens eine von drei Aufführungen dieses Stücks an diesem Abend – und die einzige die Eintritt gekostet hat). Den von Natascha im Vorfeld gehörig gedämpften Erwartungen hat das Stück entsprochen. Zudem sind wir uns ziemlich sicher, keinen zukünftigen Hollywood-Superstar gesehen zu haben. Immerhin gibt’s nach dem Stück noch ein paar Drinks mit Freunden von Natascha und einem der Schauspieler in einem ganz netten Laden im Theater District. Den Abschluss findet der Abend und die Woche dann im Welcome to Johnson’s, einer ganz abgefahrenen Dive-Bar bei uns um die Ecke.

28. Woche

Von Elke

Sonntag, 8. Juli
Warum nicht mal wieder in ein Lokal gehen und dort einer Band lauschen? Irgendeiner Band? Womöglich einer Schülerband? Besser nicht! Also lieber erst mal checken!

OKAY – es gibt tatsächlich einen Laden, der What oder whatsoever mit Fragezeichen heißt! Und so pilgern Oliver und ich an diesem Sonntagabend ins “Café Wha?”: über die Houston drüber, die Bowery in die Dritte entlang, abgebogen in die zweite und so lange gelaufen, bis wir irgendwann in der Mac Dougal Street angekommen sind. Hoppla, hier waren wir doch schon mal?!

Damals, als wir mit Brigitte, Richard, Ian, Renee, Wally und Ken eigentlich ins “Smalls” wollten?! Nun gut, da wir neu in dieser Stadt sind und uns dieser Laden von Natascha ausdrücklich empfohlen wurde, wagen wir uns in den Keller. Unsere neue Freundin sitzt bereits an einem der Tische nahe der kleinen Bühne. Wir gesellen uns dazu und der Abend nimmt sogleich einen amüsanten und kurzweiligen Verlauf.

Irgendwann beginnt die mehrköpfige Band loszulegen und ein farbiger Sänger gibt sein Grammy-Repertoire zum Besten. Wir sind begeistert! Das Ganze beginnt ja sehr viel versprechend und reißt erst mal auch nicht ab. Einer der drei Gitarristen gibt nach und nach ein Solo. Die beiden Bassisten nicht ausgelassen, geschweige denn die beiden Keyboard-Spieler. Jeder für sich vertritt eine andere Sparte und dennoch harmonieren alle 12 und bilden gemeinsam eine BAND! Sehr ungewöhnlich und sehr außergewöhnlich das Ganze!

Montag, 9. Juli
Weshalb nur nimmt alles Schöne ein Ende? Immerhin gab es eine Verlängerung: offiziell war mein vierwöchiger Workshop bereits vergangene Woche vorbei, aber es wurde noch ein fünfter Abend dran gehängt, da es viel Terminverschiebungen und damit verbundenen Ärger gab. Heute also sollte die Abschiedsparty stattfinden. Anscheinend hat das Wort “Party” im Deutschen eine grundlegend andere Bedeutung, denn die Party für etwa 50 weibliche Gäste bestand aus zwei grünen Salaten, bloßem Baguette und stillem Wasser. Auch wurde nicht etwa nach den Vorträgen das Buffet gestürmt und die Getränkeauswahl genossen, sondern währenddessen. Na dann Prost!

Immerhin ging heute ein sehr erfolgreicher Workshop zu Ende, bei dem ich nicht nur die ehemalige Präsidentin von Sixdegrees.com (Randy Epstein, heute www.myredshoes.com), eine der beiden Kursleiterinnen, kennen gelernt habe, sondern auch viele weitere interessante Frauen.

Dienstag, 10. Juli
Wieso nur musste Mr. Mak sein Geschäft schließen? Weiß er denn gar nicht, wie viel Manhattanites nun hungrig umherirren und sich durch die verschiedensten Varianten von Oberst-Leutnant über Oberst bis hin zum General Tso essen? Wenn sie den General doch nur wieder entdecken würden!

Heute jedenfalls haben wir ihn nicht gefunden. Nach dem schrecklichen Erlebnis im Lucky Restaurant vorsichtig geworden, testeten wir ein Restaurant um die Ecke in der Allen Street. Oliver bestellte seinen geliebten Tso und ich ließ es bei asiatischem Gemüse bewenden. Nicht nur, dass dieses Essen für Take-Away-Asiaten recht teuer war, es schmeckte auch nicht sonderlich gut. Immerhin bekam es uns im Gegensatz zu Lucky’s Food besser. Aber es bleibt dabei: das Congee Village ist weder eine Empfehlung und erst recht kein Ersatz!

Mittwoch, 11. Juli
Wer kann Mr. Mak ersetzen? Das fragt sich wie so viele andere auch heute wieder Katie aus der Lolita. Da wir uns ja bereits aus der kleinen Weltstadt mit Herz in die andere Weltstadt mit noch mehr Herz gewagt haben, nehmen wir den Auftrag an, nach einem Ersatz zu fahnden.

grand

Und so machen wir uns auf den Weg in die Grand Street, aber nicht in Richtung Broadway, sondern in die entgegengesetzte Ecke. Dort gibt es Golden Forest.

Wir bestellen “den Tso” und ein Shrimp Curry. Die Verkäuferin nahm eine Plastiktüte, entfaltete eine braune Papiertüte, stellte die Papiertüte samt einen Boden in die Plastiktüte, gab zwei Faltkartons voll Reis hinein, und später folgte noch das warme Essen. Sie fragte, welche Soda wir gern hätten und vergaß auch die Fortune Cookies nicht. Das Ganze für die bei Mr. Mak üblichen elf Dollar irgendwas.

Sollte das etwa bedeuten, dass? Dürfen wir zu hoffen wagen, einen neuen Mr. Mak gefunden zu haben?

Mit großen Schritten und klopfenden Herzen treten wir den Heimweg an. Der kleiner Hocker als Tisch gedeckt und das chinesische Essen zelebriert!

Hmmm – ja! Das ist General Tso – so wollen wir ihn haben. Und das Curry erst…

Wir sind glücklich Mr. Mak, der für uns jetzt Golden Forest heißt, wieder zu haben.

Donnerstag, 12. Juli

mercer
Was spricht eigentlich dagegen, liebgewonnene Gewohnheiten, beizubehalten? Soll man nicht die Feste feiern wie sie fallen – oder “work hard, party hard” wie die Amerikaner und Max Cartellieri (ciao.com) sagen? Der dritte Paycheck ist auf dem Konto und wir wollen auch dieses dritte, schnuckelige Stück Papier mit den Dollarzeichen herzlich willkommen heißen!

Also brechen wir ins East Village auf und landen schließlich nahe der Houstonstreet, in der Avenue A in einem karibischen Lokal namens “Mekka”. Wir genießen “Crabcakes”, “Salat mit gegrillter Hähnchenbrust, Ananas und Himbeerdressing” sowie “Spicy half Chicken mit Süßkartoffeln”. Alles ist sehr lecker, gar nicht teuer und wird von einer schwarzen Schönheit serviert. Wer preiswert, karibisch essen möchte, der ist hier gut aufgehoben. Ein bisschen störend empfanden wir den Lärmpegel, doch drifte ich hier bereits in unseren Guide der NYC Ausgehtipps ab.

Freitag 13. Juli
Wann waren wir das letzte Mal im Kino?

Und ist Freitag nicht Kinotag? Nein, günstiger ist das Kino am letzten Werktag der Woche nicht, doch laufen da immer die neuen Filme an. Der, den wir uns ausgesucht haben, läuft aber schon ein bisschen länger. Ich gehe auch eher widerwillig mit, doch weiß ich ja bereits, in welche(n) Film(e) mich Oliver im Herbst begleiten wird (muss). Und so schauen wir gebannt der durchaus attraktiven Angelina Jolie zu, wie sie als leibhaftig gewordene Adventuregame Figur gefährliche Abenteuer besteht. Leider sind die zu bestehenden Herausforderungen weder besonders interessant noch besonders herausfordernd, doch alles in allem macht die wunderschön Oxford-Englisch sprechende Angelina Jolie alias Lara Croft ihre Sache sehr gut und die Filmproduzenten haben auch ein Einsehen mit den ZuschauerInnen und halten das Spektakel angenehm kurz.

Samstag 14. Juli

picnic-elke
Wo genossen wir unser letztes Picknick? Und hatten wir überhaupt schon jemals eines im Central Park veranstaltet? Nein? So traf es sich gut, dass wir eine kleine “Website Redaktionskonferenz” abhalten wollen und diese lässt sich am Besten im Freien einberufen.

Also fahren wir mit der Subway bis zur 52nd Street und erwerben bei “Klein Delikatessen” ein paar leckere Kleingikeiten und in einem Liquorshop noch den fehlenden Montepulciano.

Auf der Sheep Madow angelangt, legten wir unsere grünen Stranddecken aus, packten die Weingläser mitsamt mitgebrachter Arbeit aus und ließen es uns ein paar Stunden mit anregenden Gedankengängen und Gesprächen gut gehen. Das Ergebnis gibt es zwar leider trotz gesetzter Deadlines noch nicht zu sehen, aber es kommt. Versprochen!

Nach getaner Arbeit und geleerter Flasche spazieren wir ein wenig durch den Park, lauschen einem Sommerkonzert, spazieren zu PJ Carney’s, liefen weiter bis zu “Bandito” im East Village und dann nach “Hause” in die Lolita um diesen wunderschönen Tag noch angemessen zu beenden.

27. Woche

Von Oliver

rain

Eine der angenehmsten Seiten von New York (weitere folgen später) sind die Ladenöffnungszeiten. Ein Wochenende wird um so vieles relaxter, wenn man z.B. auch Sonntag nachmittag einkaufen kann. Das tun wir an diesem Sonntag auch- bei Canal Jean, einem der bekanntesten Klamottenläden von New York, und bei Staples, einer ganz netten Kette von Büroläden.

Als wir dort wieder rauskommen, hat das Wetter in Regen umgeschlagen – ein Ereignis, das man nach den heißen Tagen der letzten Woche richtig geniesst. Wir tun das in einer Bar namens “The Vig”, wo man nett am Fenster sitzt, auf die nasse Straße schaut und die neue Tricky hören kann.

Montag abend wird uns dann mal wieder das Loch bewusst, das Mr. Mak hinterlassen hat. Wir sind so orientierungslos, dass wir bis in die 2nd Avenue pligern, um dort im Ovo Pizza zu essen. Leider sind dort Gläser und Besteck dreckig, d.h. wir müssen wohl die Bewertung nochmal überdenken…

Dienstag abend ist für mich der Anfang von einem 5 tägigen Urlaub. Meine Firma hat die beiden “Fenstertage” in einem Akt der Großzügigkeit freigegeben. Wir haben dann gelernt, dass solche Tage in den USA – im Gegensatz zu Deutschland – nicht vom eigentlichen Urlaub abgezogen werden. So relativiert sich der wenige Urlaub hier doch etwas. Bei der Gelegenheit habe ich auch mitbekommen, dass in unserer Firma die jüdischen Feiertage frei sind – lang lebe die multikulturelle Gesellschaft!

Während wir also in der Lolita Bar bei einem Drink über unsere Pläne für die nächsten Tage diskutieren, stellt uns Wirt Clyde Natascha vor, eine deutsche Schauspielerin die für ein paar Monate in NYC arbeitet und in einer Brooklyn’er WG in noch bescheideneren Verhältnissen als wir lebt. Bevor wir Gefahr laufen, die Untehaltung auf Deutsch zu sehr zu genießen, gesellt sich glücklicherweise Richard, ein weiterer Lolitasüchtiger, dazu und wir reden über das gehasste Lieblingsthema der New Yorker: den Immoblienmarkt.

Zitat Marc, ein weiterer Lolita-Stammgast: “I’m looking forward to the moment when I’ll meet friends and we’re talking about something else than real estate”. Auf jeden Fall ist die Stimmung sehr gut und wir freuen uns schon auf ein Wiedersehen beim Indepencence Day Barbequeue.

id4-bbq

Das findet Mittwoch um 2 Uhr nachmittags statt und wir treffen auch einigermaßen pünktlich gemeinsam mit Ken im Hinterhof ein. Später stoßen auch Renee und Wally und unsere zweite Besucherin aus München, die Maia hinzu. Die Sonne brennt, der Grill lodert und die Hamburger und Hotdogs schmecken so gut, dass wir das Bier aus Plastikbechern (die Lolita hat keine Freischanklizenz!) gut tolerieren können.

Später treibt uns die Hitze dann wieder hinein in die Bar, wo wir Natascha und einen ihrer acht Mitbewohner treffen. Der gestern erst näher kennengelernte Richard legt heute Musik auf. Ziemliche gute Musik, aus der Abteilung Kruder & Dorfmeister und Ähnliches. Allerdings dürfte sein DJ Engagement ein eher einmaliges Ereignis bleiben, da das Soundformat der Lolita normalerweise zwischen Velvet Underground und Pixies, glücklicherweise mit ein bisschen Björk gewürzt, liegt.

richard

Mittwoch – das hat man uns versichert – ist für den Independence Day ein schlechter Tag. Die New Yorker haben entweder Urlaub und entfliehen der Stadt oder müssen am nächsten Tag wieder arbeiten, was die Feierlaune schon ein wenig einschränkt. Am frühen Abend – auf unserem Weg zu Kens Appartment – summt die Stadt jedoch wie ein Bienenstock. Leider klappt das mit dem Feierwerk nicht so, wie wir uns das vorgestellt haben: das kleinere in New Jersey ist zu weit entfernt, um beeindruckend zu sein. Das große, von Macy’s veranstaltete, ist leider von der Midtown-Skyline verdeckt. Auch vom Dach im 35. Stock ist nicht viel mehr zu sehen – nur der flackernde Himmel verrät, dass dort wirklich etwas Gigantisches abgefackelt wird. Immerhin schießen wir ein paar nette Fotos vom Dach aus, solange bis die Feuerwerk Rauchschwaden Manhattan in einen dichten Nebel hüllen.

elke_oliver_4th

Die Party bei Ken ist noch in vollem Gang, als wir uns wieder in Richtung Lower Eastside abgesetzt haben, um noch einen Absacker in der Lolita zu nehmen. Dort hätten wir das Spektakel übrigens vom Dach eines Hauses in der Allen Street gut sehen können. Pech gehabt! Dies gilt auch für Clyde, der hinter der Theke Dienst schieben musste.

Am Donnerstag machen wir uns dann auf nach Midtown, wo wir unsere WCS-Mitgliedschaft nutzen, um einen Blick in den Central Park Zoo zu werfen. Der ist zwar klein, aber ungemein liebevoll gestaltet. Das erste Mal besuchten wir ihn während unserer Hochzeitsreise und so ist es für uns ein Wiedersehen mit Gus, dem Eisbären, den Pinguinen und der Rodrigez-Fledermaus, die im Tropenhaus frei herumfliegt. Die Eisbären übrigens sind zu beneiden – sie können die Hitze in einem mit Eis gekühlten Pool bekämpfen – ein Vergnügen, das sonst nur reichen New Yorkern vorbehalten ist. Auf dem Weg zurück nach Hause machen wir noch ein paar Einkäufe in der 5th, um mal wieder auf die dunkle Seite der amerikanischen Dienstleistungsgesellschaft zu stoßen: trotz klar angemeldeter Kaufabsicht, werden wir 15 Minuten vor Ladenschluss aus einem Geschäft getrieben, weil der eine Verkäufer gerade einen Kunden hat und der andere schon in den Dienstschluss gegangen ist.

fire-island

Freitag nehmen wir dann (wie angekündigt) die zweite angenehme Seite von New York in Angriff. Dass New York tatsächlich am Meer liegt haben wir zwar schon in Coney Island mitbekommen, dass es aber auch Weltklassestrände gibt, kannten wir bisher nur vom Hörensagen. Fürs erste wurde uns Fire Island empfohlen, eine lange, schmale Insel vor der Südküste von Long Island. Dort kommt man von der Penn Station unter dem Madison Square Garden mit der Long Island Railway relativ bequem und günstig hin. Von unserer Haustüre bis zum Strand dauert die ganze Reise etwa drei Stunden, eine wunderschöne Fahrt mit einer Fähre miteingeschlossen.

Fire Island selber ist eigentlich ein einziger langer Strand mit einem Streifen Pinienwald dahinter. Dort kann man auch schmalen Holzwegen zwischen Sanddünen und duftenden Baumen umherwandern und die extravaganten Ferienhäuser bewundern, die sich – zumindest in der Ecke wo wir waren – reiche New Yorker Schwule dorthingebaut haben. Die Arroganz der Einwohner von Fire Island ist wohl sprichwörtlich und als Tagestourist wird man einfach ignoriert. Sei’s drum – es ist wunderschön dort und das im lokalen Supermarkt gekaufte Picknick am Strand war ein echtes Erlebnis. Dass wir in der Hafenbar, die bisher teuersten Drinks ($25 für zwei kleine Bier und Weine) in New York bekommen haben ist dann zu verschmerzen.

Den locker gesponnenen Plan, irgendwo eine Unterkunft zu finden geben wir auf, und während Scharen von Männern, teilweise noch im Anzug, auf der Insel für das Wochenende eintreffen, schließen wir uns den wenigen Unglücklichen an, die die Fähre zurück in Richtung Sayville nehmen müssen. Da wir genug Zeit haben, sparen wir uns die halsabschneiderischen Taxis und spazieren durch eine propere Vorgartensiedlung zum Bahnhof, während uns Schwärme von Glühwürmchen den Weg weisen.

elke_oldtimer

Zum Abschluss geraten wir in Sayville noch in ein kleines Straßenfest. Zwar ist die zur Feier des Tages aufspielende Band unsäglich schlecht, dafür lassen eine Reihe renovierter Oldtimer den amerikanischen Traum aufleben.

oliver-futon

Samstag ist dann ein weiterer großer Tag für uns: wir schmeißen die zwei alten Matrazen raus und installieren ein neues Bett. Das mit dem Rausschmeißen geht in New York übrigens ganz einfach: man stellt sie einfach in den Hausflur, wo sie dann von einer der Müllabfuhren abgeholt werden. Die erste komfortable Nacht seit langem feiern wir dann ausgiebig in Edward Morans Grill in der Battery Park City.