Eine Lower Manhattan Institution ist wieder da!

Von Elke (28. Februar 2002)

Auf dem Broadway sehe ich sie bereits, die altbekannten und so schmerzlich vermissten durchsichtigen Plastiktüten, die im inneren eine weitere weiße Tüte beherbergen und auf beiden Tüten prangt: Century 21! Nach fast einem halben Jahr hat heute um 11.00 Uhr der von Touristen und Manhattanites gleichermaßen geliebte Shop seine Pforten wieder geöffnet. Als ich mittags das Geschäft betrete, freuen sich bereits Tausende mit mir und gemeinsam streifen durch das prallgefüllte Bekleidungsgeschäft, das einfach unschlagbar preiswerte Markenware bietet.

century21

Da anscheinend halb Manhattan seit Monaten alte Kleidung auftragen musste, wird fleißig gestöbert und schließlich auch gekauft. Auch ich finde eine extravagante Designer-Jeans und stelle mich schließlich an einer der vielen Kassen an. Geduldig warte ich eine geschlagene Stunde, um endlich bezahlen und das Geschäft verlassen zu können. Vor, und bald auch hinter mir stehen schwer beladene Frauen und Männer, alle mit mindestens einem Dutzend Kleidungsstücken auf dem Arm. Das dauert, bis die Klamotten dann sorgfältig vom Kleiderbügel genommen, zusammengelegt, gescanned und in die Tüte gepackt werden. Der Bezahlvorgang frisst außerdem Zeit. Nichtsdestotrotz hat sich der Einkauf für alle gelohnt und das dokumentieren auch mehrere TV-Sender, die auf jedem der drei Stockwerke vertreten sind. Als ich schließlich das Century 21 nach anderthalb Stunden verlasse, waren bis auf einen einzigen Eingang an der Cortland Street, alle anderen verschlossen und an diesem einen Eingang ging’s dann zu wie vor einer Nobeldisco: fünf Menschen raus, drei rein, sieben Menschen raus, vier Menschen rein, und so weiter.

Das Schönste jedoch war mein Nachhauseweg! Endlich kann ich einen Weg gehen, der mir seit September nicht mehr vergönnt war: die Church Street, direkt an der WTC Site entlang, in die Vesey Street abgebogen und auf den Broadway zu. Die strahlende Sonne taucht alles in ein helles, unwirkliches Licht und macht nicht nur mich mit meiner Century21-Tüte, die Vesey Street entlang schlendernd, glücklich…

Das Zelt in der 80 Centre Street

Von Elke (25. Februar 2002)

Noch immer feiert man keine Party in dem Zelt, das da den Eingang von 80 Centre Street verlängert, doch erhellt sich die Stimmungslage allmählich. Die unbeirrt voranschreitende Zeit war, ist und bleibt die beste Heilerin. Das etwa fünf Kleinbusse fassende Zelt beherbergt all jene Helferinnen und Helfer, die die um Ratsuchenden zunächst abchecken und anschließend Gesprächstermine mit den zuständigen Stellen vereinbaren. Wer einen Termin hat, wartet in der linken Schlange, wer erst noch um einen bittet, steht rechts.

Seit dem zwölften September, sind die Schlangen vor dem Disaster Relief Fund kontinuierlich kürzer geworden und noch immer hätte ich mich da nicht eingereiht, wäre nicht allerorten unaufhörlich von dem vielen Geld die Rede, das man als Downtowner geschenkt bekäme. Das Amerikanische Rote Kreuz würde jeder Person, die im September evakuiert werden musste, bis zu 5.400 Dollar zuwenden! Stimmt das? Wird tatsächlich gar so leichtfertig mit all dem gesammelten Geld umgegangen? Das will ich wissen und brauche dafür zunächst einen Termin: “I am sorry Miss, we don’t have any appointments left”. Da bis zum achten März der Akt der Großzügigkeit über die Bühne gebracht sein muss, habe ich also Pech gehabt. Es gelingt mir jedoch dem freundlichen, etwas überforderten Chinesen einige Information zu entlocken.

Wenn uns beispielsweise Möbel kaputt gegangen oder Lebensmittel verdorben wären, dann hätten wir diese erstattet bekommen. Das bedeutet, wir hätten im September, als wir sowieso noch kein Mobiliar außer unserer Couch besaßen, zu einem Möbelhaus unserer Wahl gehen und ein wenig einkaufen können. Dies haben wir jedoch nicht getan und da uns kein Schaden entstanden ist, bekommen wir auch nichts ersetzt. Das ist aber auch in Ordnung so. Wenn ich mir überlege, dass viele Menschen, wie beispielsweise dieses achtzehnjährige Mädchen aus Staten Island spontan dem Roten Kreuz 500 Dollar überwiesen haben, damit Menschen in Not geholfen wird, dann komme ich mir beim Gedanken, ich hätte ihr gespartes Taschengeld erhalten, reichlich schäbig vor. Zwar ruft diese relativ unbürokratische Art der Hilfe einige Schmarotzer auf den Plan, doch möchte ich nicht dazugehören. Hinein in das Gebäude möchte ich allerdings schon und so spiele ich meine zweite Karte aus: wie sieht es denn mit Unterstützung zur Job-Suche aus?

Erfreut, doch noch etwas für mich tun zu können, notiert sich der junge Helfer meinen Namen, unterschreibt einen Zettel und schon darf ich in das Innere des Gebäudes schlüpfen. Nein, noch nicht ganz, am Ende des Zeltes geht’s erst wieder ins Freie, wo zwei mächtige Bodyguards meinen Passierschein begutachten und mir dann Einlass gewähren. Ich gehe die paar Stufen hinauf, winde mich durch die Drehtüre und stehe vor einem halben Dutzend staatlicher Bediensteter, die meinen Mantel und meine Tasche röntgen wollen. Ich selbst muss ebenfalls durch einen Detektor gehen und werde, als das Ding zu piepsen anfängt, auch noch abgescanned. Safety first und das ist mir ehrlich gesagt ganz recht so! Und schließlich bin ich drinnen!

Nahezu der gesamte Grundriss des Hauses ist ein einziges riesiges Hilfszentrum, vollgestopft mit alten Stellwänden, Schreibtischen und Stühlen. Überall wirbeln hilfsbereite Menschen in verschiedenen Uniformen oder in zivil herum. Nahe am Anfang des ellenlangen Raumes sitzt ein Vietnamese mit neon-gelber Weste. Klar, er soll ja nicht übersehen werden! Er behält meinen kleinen Laufzettel und händigt mir dafür ein zweiseitiges oranges und ein sechsseitiges weißes Formular aus. Von beiden soll ich die jeweils erste Seite ausfüllen. Also lasse ich mich auf einem der mit einem kleinen Schreibpulten versehenen Stühlen nieder, fülle alle erforderlichen Personalangaben inklusive der hierzulande so lebenswichtigen Social Security Nummer aus und beschreibe den Grund meines Besuchs: auch ich zähle mich zu den über 100.000 Menschen, die durch die September-Geschehnisse bedingt, noch immer ohne adäquaten Job dastehen und bitte um Unterstützung. Meine beiden Dokumente übergebe ich einem weiteren Vietnamesen, der die muntere Plauderei dreier Frauen unterbricht und mich an eine von ihnen verweist. Die Lateinamerikanerin führt mich zu ihrem Schreibtisch, ich nehme Platz und sie beginnt, meine Angaben sorgfältig in ihren Computer zu tippen. Als sie fertig ist, druckt sie das Ergebnis aus, ich unterschreibe und weiter geht’s für mich zur nächsten für mich zuständigen Person.

Mittlerweile bin ich als Arbeitssuchende staatlich erfasst und schleiche mit meinem Akt, auf dem nun der orange Laufzettel prangt, um die Trennwand herum, zum nächsten provisorischen Büro. In der ebenfalls behelfsmäßigen Wartehalle beobachte ich drei Mitarbeiter, wie sie gelangweilt Zeitung lesen, an einem Apfel knabbern und einen Kaffee schlürfen. Plötzlich werde ich zu der Afro-Amerikanerin gerufen, die gerade noch verträumt in ihren Apfel gebissen hatte. Ich lege ihr meinen Akt vor, sie blättert darin herum, stellt mir ein paar Fragen und speist mich mit einem Formblatt ab. Wenn ich einen Computer hätte, dann bräuchte ich bloß online gehen, ansonsten in eine der auf dem Blatt aufgeführten Stellen gehen und in den dortigen Systemen nach potentiellen Jobs suchen. Immerhin habe ich jetzt ein Web-Adresse erhalten, die Downtown-Jobsuchenden vorbehalten ist. Nun gut, ich glaube zumindest, dass es sich um eine solche Adresse handelt!

Mehr können die jetzt anscheinend wirklich nicht für mich tun und so schickt man mich zum Exit-Interview. Ich irre ein wenig hilflos zwischen den vielen American Red Cross und Salvation Army Tischen herum und entdecke schließlich die Schreibtische der Exit-Interviewer. Zum wiederholten Male gebe ich meine inzwischen zu einer echten Akte angewachsenen Dokumente ab und führe das Abschluss-Interview. Der Chinese, den ich aufgrund seines Akzents nur schwer verstehe, stellt mir nochmals Fragen nach meinem Anliegen, ob mir weitergeholfen wurde, ob ich weitere Hilfe beantragt habe oder beabsichtige zu beantragen. Meine ebenfalls durch Akzent für ihn schwer verständlichen Antworten tippt er sorgfältig in seinen schicken Laptop ein, während mir sein neben ihm sitzender afro-amerikansicher Kollege freundlich zuzwinkert. “Yes I got everything I needed. Thank you very much. Good Bye” Schließlich bekomme ich ein “Exit-Document” in die Hand gedrückt und kann damit dem Ausgang entgegen eilen. Doch bevor ich durch die einzig nach draußen führende No-Return-Drehtür gehen kann, muss ich mein Exit-Schreiben von zwei attraktiven Polizisten prüfen lassen. Jetzt darf ich das Gebäude verlassen, nach Hause eilen und die URL testen. Vielleicht ist die ja mehr als 5.400 Dollar wert – Geld, das ich mir mit meiner eigenen Arbeit selbst verdiene!

8. Woche

Von Elke

Sonntag, 17. Februar

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Es hat wieder geöffnet, das World Financial Center und so statten wir ihm einen Besuch ab. Zwar ist es heute einen Tick zu kalt und zu windig, um ausgiebig spazieren zu gehen, doch hinüber zum WFC ist es nicht weit und einen Kaffee im startbereiten Starbucks Coffee Shop kann man schon mal trinken. Anschließend spazieren wir mit dem obligatorischen Pappbecher in der Hand den Hudson Richtung Battery Park hinunter, und den East River in Richtung Seaport wieder hinauf. Auch den Seaport, bzw. den MacMannaman unterstützen wir ein wenig und kehren auf ein Bier ein, bevor wir zu Ken’s (Surprise)-Geburtstagsparty aufbrechen.

Mittwoch, 20. Februar

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Seit kurzem gehöre ich dem “Executive Board” unserer “Tenants Association” an, das sich heute trifft. Zwar haben wir den Mietstreik beendet und halbwegs erreicht, was wir wollten, doch gibt es noch immer genug zu tun. Zum Beispiel muss unser Gebäude vollends instand gesetzt und unter anderem die fehlenden Feuerwehrlöscher und -schläuche (11. September!) ersetzt werden. Oder wir als Downtown-Wohnende wollen uns absolut sicher sein, dass uns hier keine gesundheitliche Schäden drohen, weshalb ein kontinuirliches Testen der Luftverhältnisse & Co. unabdingbar sind. Meine Aufgabe ist es nun, unsere Mietervereinigung in dem Downtown-Zusammenschluss, der Lower Manhattan Tenant Coalition, zu vertreten. Und plötzlich bin ich als deutsche Immigrantin in New Yorker Lokalpolitik involviert!

Samstag, 23. Februar
Es ist Frühling in New York und uns steht der Sinn nach Sonne, Strand und Meer! Also lassen wir uns von der New Yorker Metro sicher nach Coney Island bringen, wo wir einen langen Strandspaziergang genießen und nicht müde werden, uns über Gott und die Welt auszutauschen. Nach einem kurzen Besuch im Aquarium – diesmal bei den Seepferdchen – fahren wir erholt wieder nach Manhattan zurück und verbringen einen gemütlichen Samstagabend bei köstlichem Essen und passendem, süffigen Rotwein.

7. Woche

Von Elke

Donnerstag, 14. Februar

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Der Titel “Stadt der Liebe” gebürt heute ganz sicher weder Paris noch Venedig, sondern einzig und allein New York! Auf dem Broadway haben kurzerhand fliegende Händler ihre Warenlager aufgeschlagen und bieten Pralinen, kleine Stofftiere, rote Rosen oder sonstigen Kleimkram feil. Natürlich stets kombiniert mit einem Liebs-roten Herz. Restaurants und Konditoreien erleben Hochkonjunktur und wer nicht schon längst einen Tisch reserviert hat, der findet heute bestimmt keinen mehr. Vor den Confiserien à la Godiva stehen die Menschen – hauptsächlich Männer – bis auf die Straße Schlange, nur um der Geliebten eine süße Überraschung bereiten zu können. Ich entscheide mich statt Süßkram für Bodenständiges, erwerbe Lammfilets und lasse meiner Kreativität freien Lauf. Herauskommt ein Menü das bei Ruccola-Kirschtomaten-Salat mit Mozarella-Herzen anfängt, bei Pizza-Kräcker in Herzform und Rosmarin Lammfilets weitermacht und schließlich mit einer Flasche Sekt endet. Angereichert wird unser persönlicher Valentinstag durch einen sagenhaften Ausblick auf das ganz in rot angestrahlte Empire State Building!

Samstag, 16. Februar

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Auch wenn gestern der sprichwörtliche Riesenpickel auf der Nase, respektive Nasenwurzel, ein Thanks-God-It’s-Friday Weggehen verhindert hatte, so können wir ja nicht das ganze Wochenende zu Hause bleiben, bloß weil ich mich nicht in die Öffentlichkeit traue. Wofür gibt es schließlich Sonnenbrillen?! Glücklicherweise ist meine Brille gerade groß genug, um mein geschwollenes linkes Auge zu verdecken und in New York stört sich niemand daran, dass ich mich auch in geschlossenen Räumen hartnäckig weigere, die dunklen Gläser abzunehmen. Doch zunächst geht’s in’s Freie, wo wir den Central Park durchqueren.

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Nachdem wir ausgiebig den zauberhaften Frühlingstag genossen haben, kehren wir in einem Irish Pub, dem Longans, ein. Dort bestellen wir die Hausspezialität und sind begeistert! Es macht einfach Spaß, an der Bar zu sitzen, guten Wein zu trinken und mundgerechte Brothappen in Käse-Fondue zu tauchen. Und mit $9.50 ist das Vergnügen sogar recht günstig und wir hinterher pappsatt. Da der Tag jedoch noch jung ist, beschließen wir in’s Kino zu gehen, doch nicht in irgendein Kino, sondern in das Paris Theater in der 58. Straße, Ecke Fifth Avenue. Dort läuft Amélie, die französische Oscar-Hoffnung. Wie für Amerika üblich läuft der Film im französichen Original-Ton, mit englischen Untertitel. Wir sind überrascht, wie gut unser Schulfranzösisch noch funktioniert und wieviel Atmosphäre dieser wahrhaft sehenswerte Film hat. Für uns steht fest, “And the Oscar for best foreign film goes to ‘Amélie’!”.

6. Woche

Von Elke

Sonntag, 3. Februar

In den USA zahlt man weitaus weniger Steuern als in Deutschland! Dass dieses sich hartnäckig haltende Gerücht nicht stimmt, wissen wir spätestens seit Juni 2001. Und da Oliver einiges an Zucker zum großen blau-weiß-roten Steuerkuchen beigetragen hat, möchten wir immerhin ein kleines Stückchen von dem Süßzeug wiederhaben. Deshalb konsultieren wir heute Anya, die für Ihre Hilfe wiederrum ein etwas kleineres Stückchen unserer Steuerschnitte abbekommen wird. Zudem wollen wir nicht erst warten, bis uns der für alle Amerikaner gültige Stichtag, der 15. April 2002 zur ultimativen Abgabe unserer Steuererklärung zwingt, sondern diesmal sind wir bei den Early Birds!

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“Bitte entschuldigt das Durcheinander, ich bekomme nächste Woche neues Parket verlegt” begrüßt uns Anya im legeren Freizeitdress. Etwas verunsichert lassen wir uns neben ihr und ihrem mit Tax-Programm bestücktem Mac nieder. Doch schon nach wenigen Minuten sind etwaige Bedenken wie weggeblasen und wie wir später feststellen dürfen, haben wir in Anya eine kompetente Steuerexpertin gefunden. Braucht vielleicht jemand gerade US-steuerlichen Rat? Wir empfehlen Anya unbedingt weiter!

Wer beschäftigt sich schon gerne mit Steuern? Und das an einem Sonntag? Also muss wenigstens für den Abend eine passende Erholung her! Welch ein Glück, dass gerade heute “Super Bowl” angesagt ist. Neben netten musikalischen Einlagen und diverser Spässchen von Paul McCartney, Musik von den an die Heroen des 9/11 gedenkenden irischen Benefiz-Rockern U2 oder von Britney-Pepsi-Spears wurde so ein braunes Lederei über den Rasen getragen. Doch das verlief nicht ohne Hindernisse. Den Verlauf der spannenden Geschichte, besonders die vielen interessanten Beiträge welches Auto ich am Sichersten fahre, welchen Kaffee ich am genüsslichsten trinke oder mit welchem Medikament ich mich am wirkungsvollsten aufputsche, habe ich leider nicht mehr mitverfolgen können, da ich statt Medienrummel mein Fieber auskurieren musste. Ganz ohne Advil, Bayer, Aleve und Konsorten. “Übrigens haben nicht die haushohen Favoriten, sondern die New England Patriots gewonnen.” Na bitte, diese Info konnte mir also Oliver auch noch am nächsten Morgen bieten.

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Freitag, 8. Februar

Nach erholsamen Spaziergängen am Hudson River und Battery Park, gönnen wir uns heute ein wenig Abwechslung in unserer Stamm-Bar und holen bei unserem Stamm-To-Go köstliche chinesische Spezialitäten ein. Schnell in ein Taxi gesprungen, den Fahrer mit unserem guten Dinner hungrig gemacht und dann sofort vor die Glotze, denn heute ist fernsehen angesagt: die 19. Olympischen Winterspiele beginnen. Und nicht nur das, sondern sie finden auch noch im eigenen Land statt. Nun gut, nicht in meinem gebürtigen Heimatland, aber in meinem selbsterwählten, neuen Heimatland.

Samstag, 9. Februar
Die Sonne lacht und im Bronx Zoo waren wir auch schon lange nicht mehr. Also geschwind die Subway Nummer zwei bestiegen, eine Stunde Richtung Norden gefahren und sich dann im Bronx Zoo erholt. Abends probieren wir dafür nach so viel vermeintlich Altbekanntem etwas Neues aus und trinken eine herrliche Flasche Wein und essen Hausmannskost in Harvey Keitel’s Lokal “Bubby’s”. Im nahegelegenen “Walkers” lassen wir den Abend mit etwas Olympiade 2002 ausklingen.

5. Woche

Von Oliver

Noch die Nachwirkungen der wilden Nacht Samstags im Conolly spürend, vergeht der Sonntag bis auf einen Spaziergang zum Southstreet Seaport sehr ruhig. Elke nutzt diese Zeit, um per Internet die New Yorker Juweliere nach einer seltenen Uhr für die Dortmunder abzugrasen und um nach Ausflugsmöglichkeiten à la “Mohegan Sun” zu stöbern.

Tags drauf stürzt sich Elke mit den beiden auf die Einkaufstour durch die Geschäfte von Manhattan. Das geht dann auch Dienstags so weiter, bis das Treiben am Abend ein jähes Ende findet und wir ein Lehrstück in punkto Freundschaft, Geld und die unselige Beziehung zwischen den beiden erhalten.

Denn irgendwie war eine Gegenleistung für Elkes Zeit vereinbart und da eine Stadtführung durch Dortmund in absehbarer Zeit nicht in Frage kommt (been there, done that!), war eigentlich ein Einkaufsbummel in unserem sprichwörtlichen Haus- und Hofgeschäft J&R geplant. Leider fiel den beiden dort ein, dass das doch trotz Budweiser-Taschengeld alles ziemlich teuer ist und dass man sich für das viele schöne Geld ja auch selber was Nettes kaufen kann. Das gab eine kurze Diskussion, bevor die beiden dann für immer im Manhattener Stadtdschungel verschwunden sind. Schade, weil die beiden ansonsten eigentlich ganz nett waren, schade auch um Elkes zwei verlorene Tage. Nicht schade um die verlorene Belohnung – die können wir uns zum Glück gerade noch selber leisten, was wir ein paar Wochen später auch getan haben. “Stop me next time, when I’m trying to help somebody” hat Captain Archer von der Enterprise passenderweise angemerkt, als er einer klingonischen Offizierin vergeblich helfen wollte ihr Schiff zu retten.

Aber das Leben geht weiter, und es gibt in New York mindestens so viel zu erforschen, wie im Weltall und deswegen machen wir uns noch am Dienstag daran, das Rätsel der Burger in der Paris Bar zu ergründen. Man erinnert sich: der Verzehr von zwei mittelmäßigen Hamburgern hatte uns zwei Wochen schlaflose Nächte bereitet. Ein einmaliger Ausrutscher des Kochs? Nein, wieder liegt das Hackfleisch wie Kieselsteine im Magen. Diesmal sind wir aber schlauer und schütten zwei Jägermeister hinterher, die – wie immer – sofort Erleichterung bringen.

Am Mittwoch findet Elke endlich Zeit, um das Thema Travel Permit zu lösen. Dies ist ein Dokument, das Elke garantiert, dass sie wieder in die USA einreisen kann, nachdem sie das Land verlassen hat. Beantragt haben wir das schon im Juni, fällig war es im September und ist in den damailigen Wirren wohl untergegangen. Elke ist erfolgreich, zu einem hohen Preis: sie bringt neben den amtlichen Dokumenten auch noch eine saftige fiebrige Erkältung mit.

Erst am Freitag erholt sie sich so weit wieder, dass wir die Freitagabend Happy Hour in der Lolita Bar zelebrieren können (allerdings mit mehr Diet Coke als Campari Soda). Als weitere Medizin gibt es dann noch was aus der Abteilung super-spicy vom Golden Forrest – ist ja bekanntlich gut für die Atemwege. Samstags steht dann mal wieder der Spaziergang nach Uptown auf dem Programm. Eigentlich ist das so gedacht, dass wir bei uns das Haus verlassen und uns dann mehr oder weniger auf dem Broadway bis nach Midtown bewegen. Wie immer allerdings, bleiben wir zwischen Union Square und Flatiron im Punch hängen bevor wir wieder umdrehen.

Abends machen wir dann aber doch noch zwei Entdeckungen: das Pongsri Thai Restaurant in der Bayard St. bietet Thai-Küche, wie wir sie in Thailand kennen gelernt haben. Gleich daneben ist Winnies Pub mit drei hübschen Chinesinnen hinter der Bar und einem Publikum, das so gemischt ist, wie man sich das von der Lage zwischen Chinattown und dem Gerichtsviertel erwarten kann. Dazu gibt es ein Karaoke, wo sogar langmähnige Rocker ihre Show zum besten geben. Wir werden diese Lokale sicher noch genauer beobachten und hier weiter berichten.

4. Woche

Von Oliver

Sonntag wollen wir meinem Vater unseren alten Wirkungskreis zeigen und marschieren durch Chinatown auf die Lower East Side in die Orchard Street. Dort befindet sich das Lower East Side Tenement Museum, dessen Besuch aus drei Gründen schon lange auf dem Programm stand: Erstens haben wir fünf Monate lang nebenan gewohnt, zweitens arbeitet unser Freund Mark aus der Lolita Bar dort und drittens sitzt mein Chef im Board of Directors.

Nachdem wir die Wartezeit mit einem Spaziergang durch die Orchard Street und das East Village sowie einem Kaffee in einem merkwürdigen chinesischen Stehcafe in der Ludlow Street verbracht haben, geht es los mit der Führung, die im Tenement Museum obligatorisch ist. Unser Guide Jennifer erklärt uns anhand von einigen originalgetreu wiederhergestellten Apartments das Leben der Einwanderer zur Zeit der vorletzten Jahrhundertwende. Da ist zum Beispiel die deutsche Einwanderin Natalie, deren Mann zum Zigarettenholen gegangen ist und die anschließend ihre drei Kinder alleine durchbringen musste. Die Lebensverhältnisse von damals sind natürlich vor allem für Amerikaner vom Lande, wo man große Häuser mit viel Platz hat, schockierend. Der Manhattanite ist eher von den Mieten um $10 beeindruckt, nicht wenige hätten für die winzigen Apartments heute $1500 oder mehr bezahlt. Allerdings würde man sie heute natürlich auch nicht zu acht oder mehr bewohnen.

Für den Abend steht der Besuch im Aqua Grill, einem der besten Fischrestaurants der Stadt, auf dem Plan. Zu Vorspeise beschließen wir, unser Wissen über Austern aufzufrischen und bestellen eine Zusammenstellung von 22 verschiedenen Austern von den kanadischen und amerikanischen Küsten. Und ja, man kann den Unterschied zwischen atlantischen und pazifischen sowie Kaltwasser- und Warmwasseraustern schmecken – aber wohl nur, wenn man sie direkt hintereinander isst. Als Hauptspeise gibt es natürlich Fisch und der ist lecker und nach New Yorker Standards gar nicht mal so teuer. Dazu kommt aufmerksamer, unaufdringlicher Service – den Aqua Grill kann man nur empfehlen!

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Montag steht dann die Kultur auf dem Programm. Es ist Martin-Luther-King Day, für mich wie für viele andere ein Feiertag. Leider hat das Metropolitan Museum trotzdem zu, deswegen gehen wir weiter zum Guggenheim, wo es eine Ausstellung über Brasilien und Norman Rockwell, einem amerikanischen Maler gibt. Besonders letzterer gefällt uns überraschend gut, da viele seiner Bilder politische und gesellschaftliche Ereignisse aus dem letzten Jahrhundert mit karikaturistischem Witz aufgreifen. Den Abschluss des Tags bildet ein Festmahl aus dem Wok des “Golden Forest” bevor wir alle recht erschöpft früh ins Bett gehen.

Nach einer ruhigen Woche geht es am Freitag zur Afterwork Party ins Roxy zwischen der 11. und 12. Avenue. Das ganze sieht ein bisschen nach gigantischer Disko auf dem Lande aus und auch die günstigen $3-Drinks sind bereits weggetrunken, als wir kamen, so dass wir schnell wieder gehen. Wenn schon Geld ausgeben, dann lieber in der Lolita, wo es allerdings so voll ist, dass wir auch dort nicht lange bleiben.

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Am Samstag nehmen wir schließlich den vierten New Yorker Zoo im Prospect Park in Brooklyn in Angriff. Es ist wunderschönes Wetter und der Park bildet tatsächlich eine Alternative zum Central Park, in dem es ja beim ersten Sonnenschein brummt wie in einem Bienenstock. In Brooklyn dagegen hat man viel Ruhe und wir genießen das. Das Wildlife Center im Park gehört auch zum WCS, weswegen wir freien Eintritt genießen. Im Gegensatz zum Central Park Zoo und Bronx Zoo, ist das Prospect Park Wildlife Center mehr auf Kinder ausgelegt. So kann das Brooklyner Stadtkind dort eine echte Kuh oder ein paar Schafe und Ziegen anschauen oder streicheln. Dazu gibt es Austellungen, wo man Tiere malen, viel über die verschiedenen Lebensräume in der Natur lernen und sich selber als Tierforscher betätigen kann.

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Abends wartet dann der nächste Besuch im Hilton am Times Square auf uns. Per Internet sind zwei Dortmunder an Elke herangetreten, um sie um Stadtführer- und Dolmetscherdienste zu bitten. Die beiden hatten eine Reise nach New York, samt einem dicken Taschengeld plus Shopping-Geld gewonnen und wollen damit auf Schnäppchenjagd gehen. Wir führen die beiden ins Conolly, wo es irische Hausmannskost und viel zu viele Sam Adams