Momentaufnahme

28.5.2002, von Elke

Das Gute, wie das Böse kündigen sich nicht an und kommen unvermittelt. Bei ersterem muss man zudem gehörig auf Zack sein, um es nicht zu verpassen. Zu schnell ist der besondere Augenblick vorüber. Unbemerkt. Dass New York City die Stadt verkörpert, in der alles möglich scheint, wissen wir spätestens seit Herbst 2001. Nicht nur Tragödien spielen sich hier ab, sondern ebenso die unglaublichsten, berührendsten Momente. Nur bereit sein muss man, denn all zu schnell passé sind sie, die ungewöhnlichen Sekunden. Sie wollen genossen werden, die Augenblicke des Glücks. Des kleinen, leisen Glücks ebenso, wie die des großen, kraftvollen.

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Nicht nur in Los Angeles, rund um Hollywood, sondern auch im Big Apple sind sie zu Hause, die Kino Stars und Sternchen. Wenn man die Augen offen hält, begegnet man immer wieder einem von ihnen. Doch möchte nicht jeder am Liebsten seinem Idol begegnen? Oder wenigstens jemand ganz Bekannten? Jemandem, der mega-in ist?

Bisher war ich recht zufrieden, mit Kevin Bacon im HMV Music Store an der Upper West Side die Alternative Rock Abteilung durchpflügt zu haben. Oder auf der 6th Avenue im Village Olympia Dukakis und auf der Lexington Avenue William Baldwin begegnet zu sein.

Das für mich bisher bedeutsamste Zusammentreffen spielte sich im November 2001 im Metropolitan Museum of Art ab. Wenn Oliver und ich dort nicht sowieso schon zufällig Verwandte aus Hamburg getroffen hätten, was bereits eine echte Sensation war. Und um dieses an sich schon großartige Ereignis zu toppen, stand in gerade mal zwei Meter Entfernung plötzlich Robbie Coltrane neben uns. Zwei Wochen etwa, bevor der Kino-Hype mit “Harry Potter” losging. In solch einem Augenblick scheint die Zeit still zu stehen, weshalb ich gar nicht sagen kann, wie lange wir so mit Robbie Coltrane zusammenstanden. Lange genug aber, um zu wissen, dass ich ihn mega-sympatisch fand. Doch das alles verblasst neben der Begegnung, die ich heute hatte.

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Nach einem Termin in der Upper East Side schlenderte ich die Madison Avenue entlang und betrat auf der Höhe der 76. Straße eines meiner Lieblingsgeschäfte, die Zitomer Pharmacy. Nach geraumer Zeit verließ ich das Geschäft und befand mich wieder auf der eigenartig leeren Madison Avenue. Kein Wunder! Es war ja mitten am Tag, halb fünf Uhr nachmittags. Glücklich, mit meinem soeben erworbenen Geburtstagsgeschenk in der Hand, setze meinen Weg fort. Als plötzlich – wie aus dem Nichts – mir ein Mann energisch einherschreitend, entgegenkommt. DEN kenne ich! Nun ja, aus zahlreichen Filmen kenne ich ihn. Etwa 1,80 meter groß, mit vollem, rötlich-blondem Haar, ohne Brille dafür stoppelig-unrasiert. Gekleidet mit einem schlammgrünen Hemd und dunkler Hose. Als wir auf selber Höhe sind, bemerke ich eine ungeheure Kraft und Faszination, die von ihm ausgeht. Ich gehe weiter und schaue mich um, doch ist er wie vom Erdboden verschluckt. Vielleicht in einem der Antiquitätengeschäfte? So plötzlich wie er aufgetaucht ist, ist er auch wieder verschwunden: Robert de Niro. Einen Moment des Einmaligen, des einzigartigen Glücks habe ich erlebt. Und ich weiß, alles ist möglich!

P.S. Die Fotos: so strahlt, wer (=ich) soeben was Einzigartiges erlebt hat. Das Foto von Robert De Niro stammt vom Frühjahr 2002 und so ähnlich sah er gestern auch aus. Natürlich habe ich kein Foto gemacht! Nicht nur, weil ich keine Kamera dabei hatte, sondern weil ich jedem Menschen seine Privatsphäre gönne, besonders und gerade auch den “öffentlichen” Personen. Solch einem faszinierenden Menschen wie Robert de Niro zu begegnen, die nahezu spirituelle Kraft, die er ausstrahlt, lässt sich auch nicht zu Pixeln komprimieren. Diese Power lässt sich lediglich um ein Vielfaches vermindert in Worten fassen und für immer in Erinnerung behalten. In meiner Erinnerung.

Wir machen New York so sauber wie München!

von Oliver

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Nein, wir haben noch nicht genug. Nach dem Bronx Zoo Clean-up am 20. April, wollen wir auch noch das South Street Seaport Museum auf Hochglanz bringen und melden uns deswegen auch hier zum Member Clean-up an. Das Ganze hat einen großen Vorteil: statt mit der Subway einmal durch die ganze Stadt zu fahren, müssen wir diesmal lediglich ein paar Schritte Richtung East-River gehen. Dafür sieht es diesmal auch richtig nach Arbeit aus: statt ein paar Stunden ist gleich ein ganzer Tag angesetzt – wir sind gespannt, was da so alles passieren wird.

Der South Street Seaport genießt als Sehenswürdigkeit in deutschen Reiseführern einen eher schlechten Ruf. Das liegt vor allem am Einkaufszentrum, das sich über die historischen Gebäude in der Fulton Street bis zum Pier 17 erstreckt. Dort sind dieselben Ladenketten beheimatet, die man in jeder Mall von Alabama bis Wyoming in den USA findet: GAP, Body Shop, Godiva und wie sie alle heißen. Dazu gibt es noch eine Food Plaza von titanischen Ausmaßen, in der man Fast Food aus fast allen Ecken der Welt in kantinenartiger Atmosphäre genießen kann.

Trotzdem ist der Seaport ein fantastischer Platz in New York! Der Pier 17 ist nämlich auch voller “richtiger” Restaurants, die meisten mit sonnenbeschienener Terrasse und einem atemberaubenden Blick auf den East River, Brooklyns Skyline und dem massiven Häusergebirge der Water Street in Manhattan. Von hier aus hat man das World Trade Center übrigens nie gesehen, wodurch die Downtown-Skyline noch so intakt und massiv erscheint wie früher. An schönen Abenden unter der Woche treffen sich auch die vielen Angestellten aus Downtown in den Stehbars an der Fulton Street und bieten somit etwas, was die meisten Reiseführer dem Seaport absprechen – ein authentisches Stück New York.

Außer dem Einkaufszentrum gibt es noch das Museum am Seaport, dessen auffälligste Ausstellungsstücke zwei riesige Segelschiffe aus dem 19. und frühen 20 Jahrhundert bilden. Die Mission des Museums ist die Bewahrung eines kleinen Teils der Geschichte von New York als Hafenstadt. Abgesehen vom eher hässlichen Terminal an der Westside, wo die Kreuzfahrtschiffe und die QE2 anlegen, existiert nämlich fast kein Hinweis mehr auf die Seefahrertradition von Manhattan: der große Hafen von New York ist schon lange nach New Jersey umgezogen!

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Wir treffen uns also zum “Spring Launching” auf der Peking, einem der größten Segelschiffe, die jemals – in Deutschland übrigens – gebaut wurden. Auf dem Mitteldeck wird ein üppiges Frühstück in Form von Bagels, Muffins und Croissants aufgedeckt, bevor die Arbeit eingeteilt wird. Elke darf auf die Ambrose, ein kleineres Schiff, das man gleichfalls besichtigen kann. Ich habe leider die Niete gezogen: den Carfloater, ein verrostetes Schwimmpier, das zwischen der Peking und der Wavertree, dem anderen großen Schiff vor sich hin dümpelt. Also heißt es mal wieder Müll aufsammeln, von dem keiner weiß, wie er dort hingekommen ist. Danach müssen wir tonnenweise Rost aufkehren, der mit Sicherheit auch vom toxischen Staubgemisch aus dem World Trade Center durchsetzt ist. Deswegen sind schlichte Atemmasken angesagt, um zumindest den größten Dreck aus der Lunge zu halten. Wie auch beim Bronx Zoo gilt – die schlechteste Arbeit ist zuerst fertig. Deswegen sind wir nach dem Lunch – Sandwiches und Salate – schon fast arbeitslos. Wenn nicht Richard, der Director of Volunteers, uns nach alter seemännischer Tradition zum Kehren eines blitzsauberen Decks verdonnert hätte.

Am Ende gibt es aber doch noch was Sinnvolles zu tun: das Polieren der Messingbullaugen. Leider gesellt sich auch noch ein etwas merkwürdiger Mann zu uns, der sichtlich durch das Polieren nicht ausgelastet war: er musste uns mehrfach berichten, dass er nicht nur in sämtlichen Waffengattungen der US Army gedient hat, sondern auch 11 Jahre an der NYU und der Columbia University Geschichte studiert hat. Das machte ihn scheinbar auch zum Computerspezialisten, denn er erklärt uns zudem die Prinzipien der Datensicherheit in Banken. Hanebüchener Unsinn, der nicht nur mich, sondern auch die Frau am Bullauge neben mir, die Zähne zusammenbeißen lässt – sie arbeitet in der IT Abteilung einer großen Bank.

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Gegen vier war es dann überstanden. Glücklicherweise sind Hobbyseeleute besser im Feiern als Zoologen, denn es gab ein großen Fass “Sam Adams” und Pizza von Lisa’s in der Fulton Street. Zwar lichten sich die Reihen schnell, aber der harte Kern schleppt das Bierfass immer der Sonne nach über das Deck und hätte wohl auch noch bis in die Nach gefeiert, wenn einen der aufkommende kalte Wind nicht doch von Deck vertrieben hätte.

Wir, natürlich beim harten Kern dabei, lernen noch einen emeritierten Professor kennen, der Führungen durch das Museum macht und ansonsten Spezialist für Moby Dick ist. Außerdem ist da noch Frank, der jeden Samstag bei der Renovierung der Wavertree mithilft. Wenn alles gut geht und sich Sponsoren finden, soll dieses Schiff aus dem 19 Jahrhundert nämlich wieder seetüchtig gemacht werden. Eine spannende Sache, finden wir und überlegen uns, ob wir da nicht auch mitmachen sollten – weit haben wir es ja nicht.

Pretty with Pink

Von Elke

Mit wachsender Faszination besuche ich die allmonatlich stattfindende Pink Slip Partys, wenngleich ich das rosafarbene Armband endlich gegen ein blaues tauschen möchte. Allison Hemming, CEO der Hired Guns, einer Marketing und Creative Consulting Agentur, veranstalte im Juli 2000 in New York die erste aller noch folgenden Pink Slip Partys. Und seitdem ruft sie jeden letzten Mittwoch im Monat in den angesagtesten Clubs der Stadt zur großen Dot.com-Feier auf.

Die gefeuerten Ex-Dotcoms knüpfen auf den Parties neue Kontakte zu Gleichgesinnten, oder zu Personen, die ihnen beruflich weiterhelfen können. So mancher Kontakt führt direkt oder auf Umwegen zu einem Job, markiert den Beginn einer wunderbaren neuen Freundschaft oder verhilft schlicht zu einem Saufkumpan, mit dem es sich gemeinsam über die F***** Companies herziehen lässt.

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Auf der Party vom April 2002 warb beispielse Philip J. Kaplan für sein neues Buch. Alle Anwesenden, die ihm in drei Sätzen von ihrem Dot.com-Rausschmiss erzählten, bekamen ein “F’d Companies” mit persönlicher Widmung. Logisch, dass auch ich ihm meine Story, in wohlüberlegten drei Sätzen, erzählte. Ebenfalls klar, dass Philip ganz begeistert war, jemanden aus München zu treffen, das er selbst schon mal besucht hatte. Entsprechend fiel seine Widmung aus: “Elke, thanks for coming by – good luck! München rocks!” Und nach der Lektüre seiner mit großem Insiderwissen geschriebenen Dot.com-Abrechnung bestätige ich gerne: Kaplan rocks! Übrigens fand die April-Party im schicken Spa statt, in dem sonst nur die Schönsten, Reichsten, Trendigsten der Stadt Einlass finden. Und Dot.coms haben da ja auch einmal dazugehört…

Doch wie erfahren die zwischen 300 und 700 Gäste von der nächsten Pink Slip Party? Über ihr ureigenstes Medium! Auf den Seiten der Hired Guns registriert man sich für die Parties sowie den monatlichen Newsletter, in dem auch immer mal der ein oder andere interessante Job verzeichnet ist. Nach erfolgreicher Registrierung, reiht man sich dann so gegen sieben in die anderen Party-Gäste, die alle ein fluoriszierendes Armband tragen. In Pink für die Job-Suchenden, in Blau für die Supporter (die mit ‘nem Job) und grün für alle Recruiter, Human Ressources Manager oder andere Gestalten, die irgendwie einen Job oder einen guten Tipp zu vergeben haben. Damit das Ganze nicht so steif abläuft, gibt’s auch reduzierte Drinks, das Fläschchen “Bud” einmal nicht für 6 sondern für nur 3 Dollar. Für die Clubs geht die Rechnung trotzdem auf, denn wer geht sonst schon an einem Mittwoch Abend um 7 Uhr in eine Disko?

Das Konzept der Pink Slip Party zieht natürlich Kreise und so wird auch in anderen Städten Amerikas und Europas der Dot.com-Tod gefeiert, wenngleich nicht immer mit demselben großen Erfolg, wenn man der Presse glauben mag. So steht in einem Heise-Artikel, dass bei der ersten deutschen Pink-Slip Party, die im Mai 2001 in Berlin stattfand, wenig Party-Stimmung aufgekommen war. Anders doch in Amerika, wo das Konzept Nachahmer gefunden hat. Wer nicht bloß mit Recruitern sprechen oder sein Résumé beurteilen lassen will, sich von Finanzberatern wie Morgan Stanley weiterhelfen lassen oder einfach feiern will, der kann die Parties der Layoff Lounge besuchen. Allerdings kosten diese Veranstaltungen 10 Dollar Eintritt, wofür es aber auch ein “mehr” an Karriereinfos gibt.

Auf der Pink Slip Party hingegen gibt’s bis etwa 9 Uhr Abends die Möglichkeit der eigenen Karriere einen neuen Kick zu geben und anschließend ist Partieeeeee angesagt! Und “pink” ist die Party deshalb, weil in Amerika ein Arbeitgeber, der einen Arbeitnehmer kündigt, diesem einen “pink slip” aushändigt. In Amerika gibt’s also keine blauen, sondern rosa Entlassungspapiere und seit 1915 findet sich der Begriff auch offiziell im “Oxford English Dictionary” wieder, wenngleich seine genaue Entstehung weiterhin unklar ist. Klar hingegen ist, dass auch im Mai wieder eine Pink Slip Party stattfindet, die ich besuchen werde. Und schön wär’s, wenn ich diesmal sagen könnte: “the blue bracelet please!”