Fußballfieber in New York?

8.7.2002, von Oliver

Je weiter das Jahr vorangeschritten ist, desto mehr haben wir uns Gedanken über die bevorstehende Fußball-Weltmeisterschaft gemacht. Normalerweise bedeutet das 4 Wochen lang Fußball total: Live-Übertragungen in verdunkelten Zimmern zu unmöglichen Zeiten anschauen, sich Gedanken über die Aufstellung der Mannschaften von Portugal oder Senegal zu machen und natürlich – zumindest in den letzten 8 Jahren – kräftig über die Deutsche Mannschaft zu schimpfen.

Aber wie wird das wohl in Amerika sein, dem bekanntlich einzigen weißen oder zumindest hellgrauen Fleck auf der Karte des Weltfußballs? Werden wenigstens die wichtigsten Spiele übertragen? Bekommt man überhaupt was mit, außer im deutschsprachigen Internet? Wie sich herausstellt, waren unsere Befürchtungen umsonst: ESPN, der größte amerikanische Sportkanal, zeigte alle Spiele live und auch die New York Times quetscht ein paar Spalten WM in ihren Sportteil. Für mehr reicht es nicht, denn die WM findet zeitgleich mit dem Finalspielen der NBA (Basketball, dieses Jahr Los Angeles Lakers gegen New Jersey Nets, also ein lokales Ereignis) und der NHL (Eishockey, das hier einfach Hockey heißt). Dazu gibt es die endlose MLB-Saison (Baseball) und die Basketball-Frauen, die auch immer beliebter werden. Sogar die Fußball-Liga MLS wird nicht für die WM unterbrochen – die Mannschaften müssen halt ohne ihre Nationalspieler auskommen.

Erstaunlicherweise waren wir nicht die Einzigen: Je näher die WM heranrückte, desto mehr Aufregung war in unseren Stammkneipen Lolita und Paris zu spüren. Das lag natürlich hauptsächlich an den irischen Barkeepern Ken und Barry, aber auch deren amerikanische Kollegen mussten zugeben, dass sie – zumindest die WM – ganz gerne anschauen. Vielleicht liegt das daran, dass die Fußball-WM die größte Sportveranstaltung der Welt ist – nicht der Superbowl, nicht die Olympiade, sondern Soccer begeistert die meisten Menschen auf der Welt. Und da schmerzt es natürlich, dass das Team USA zusammen mit Senegal, der Türkei und Südkorea als die Underdogs im Viertelfinale genannt werden.

Auf der anderen Seite sind viele New Yorker keine gebürtigen Amerikaner und freuen sich natürlich, dass ihre Nationen es der Weltmacht USA einmal zeigen können. Bitter nur, dass der Fußballgott diesmal die Hierarchien im Weltfußball kräftig durcheinander schütteln wollte und sich da nur ans Sportliche gehalten hat: den eigentlich favorisierten Mexikanern hätte man wirklich den Sieg über den übermächtigen Nachbaren gegönnt.

Den Deutschen wird – fußballerisch gesehen – im Ausland mit erstaunlicher Ehrfurcht begegnet. Unsere Beteuerungen, dass die deutsche Nationalmannschaft so schlecht sei wie noch nie, wurden lächelnd abgewunken. Und während sich die Deutschen Runde für Runde nach vorne gewurschtelt haben, kamen wir zunehmend in Erklärungsnöte. Nach dem 1:0 gegen die USA, war hier fast Erleichterung zu spüren: deutsche Effizienz hat amerikanische Spielfreude geschlagen, wenigstens das ist noch so wie immer.

Die Begegnung Deutschland-USA hat natürlich für ein Spotlight auf die Deutschen in New York im Allgemeinen und das „Zum Schneider“ in der Ave. C im Speziellen geworfen. Dort nämlich sollen rauschende Fußballfeste gefeiert worden sein – samt Bier und Würstchen zum Frühstück und einer Schlange vor dem Eingang, die einmal um den Block reicht. Das war so kurios, dass es für einen Artikel in der Times und ein Fernsehteam gereicht hat.

Begleitet wird die WM hier – wie wohl jedes Mal – von Spekulationen, wann Soccer in Amerika – einer Nation, in der sogar Sportfischen live übertragen wird – endlich abhebt und breites Zusachauerinteresse findet. Für die Abneigung der Amerikaner gegen den Lieblingssport des Rests der Welt findet man viele Erklärungen: zu langsam, zu wenige Tore, der Raumgewinn im American Football als traditionelles Element der amerikanischen Kultur oder die mangelnde Möglichkeit Werbung während eines Spieles einzublenden. Wir sehen das einfacher: In einer Nation, in der es mit Football, Baseball, Basketball und Hockey schon 4 große Mannschaftssportarten gibt, die eng verfolgt werden, ist einfach wenig Platz für eine weitere. Alleine im Baseball spielt jede einzelne Mannschaft fast täglich von April bis Oktober – wann sollte man denn dann eigentlich noch Fußball schauen?

Trotzdem es geht voran mit Soccer: Nach unsere nicht repräsentativen Umfrage in New York, haben sich erstaunlich viele Menschen mit der WM beschäftigt. Es wurde von Videoleinwänden in Kantinen und übernächtigten Kollegen erzählt. Und uns wurde nach deutschen Siegen gratuliert, nach dem Finale das Beileid ausgesprochen und dazwischen wollte jeder unsere Einschätzung für das nächste Spiel hören.

Ob die Fußballbegeisterung hier anhält? Wir werden es bis 2006 sehen…