Die Stadt, in der die Hilfsbereitschaft niemals schläft

11.9.2002, von Elke

Kaum habe ich die Bar betreten, da umarmt mich Clyde und freut sich riesig, Oliver und mich wohlauf zu sehen. Als Wirt unserer Stammkneipe wusste Clyde, dass mein Mann Oliver und ich vor gerade mal neun Tagen in die unmittelbare Nähe des World Trade Centers gezogen sind. Nur einen Block entfernt. Und was macht ein echter Wirt an solch einem irrsinnigen Tag wie dem 11. September? Er öffnet seine Bar und stellt seinen Gästen Freidrinks auf den Tresen. „Holy Shit, das ist das Wenigste, was ich für meine Gäste tun kann!“.

Denn Clyde Rennies Erwachen an diesem Tag verlief anders als sonst. Zwar schaltete er aus Gewohnheit den TV ein, doch rieb er sich sogleich die von der Spätschicht noch müden Augen: bei dem, was er sah, konnte es sich nur um den neuesten Emmerich oder Cameron handeln. Godzilla und King Kong machen gemeinsame Sache und New York City dem Erdboden gleich. Ohne den ersten Schluck Kaffee interessierte sich Clyde nicht sonderlich für Hollywoods neueste Phantasiegeschichten und zappte durch die anderen Programme. Er versuchte es zumindest, doch blieben die anderen Kanäle dunkel und lediglich Channel 2 sendete Bilder vom brennenden World Trade Center. Dass die anderen Kanäle fehlten, musste mit der Antenne zu tun haben, die sich auf dem Nordturm des World Trade Centers befand. Clyde wusste, dass etwas Schreckliches passiert sein musste und er nicht untätig zu Hause rumsitzen konnte. Also sprang er unter die Dusche und in seine Klamotten und machte sich auf den Weg. In der Broome Street angekommen, nicht weit vom Financial District entfernt, öffnete er seine eigentlich bis 17 Uhr geschlossene Bar bereits um elf Uhr morgens. Und von diesem Moment an strömten Menschen unaufhaltsam in das gemütliche Lokal: sie haben Durst, brauchen eine Toilette, wollen telefonieren, suchen nach Information oder einfach nur nach Gesellschaft. Auch wenn die „Lolita Bar“, die Clyde gemeinsam mit Geschäftspartnerin Katie betreibt am 11. September nicht derart stark frequentiert wurde, wie die vielen Lokale in Midtown, so herrschte auch hier ein aufgeregtes, fassungsloses Kommen und Gehen von älteren und jüngeren Menschen verschiedenster Herkunft. Ganz New York ist nach den Tagen des Unglücks ein gutes Stück näher zusammengerückt.

Einen halben Tag früher bevölkern mit mir zusammen Tausende von Menschen die Straßen von Lower Manhattan, anstatt im Büro zu sitzen und die ersten E-Mails zu beantworten. Für gewöhnlich preisen die Fischhändler in der South Street ihre auf Eis gelegten Muscheln, Schwertfische und Seebarben an, doch an diesem Tag händigen sie Wasserflaschen und feuchte Tücher an die vielen vorüberziehenden Menschen aus. Die Fischhändler geben sich alle Mühe, so was wie Zuversicht auszustrahlen und den Fliehenden zu helfen, die von Asche und Schutt beschmutzt nahe des East River, fernab der hohen Wolkenkratzer Schutz suchen. Ob jemand von ihnen bemerkte, dass es nicht nach Fisch, sondern nach Staub roch? Und wie riecht eigentlich Bauschutt? Der Geruch widersetzt sich jeglicher Beschreibung, da in Krisensituationen das Gehirn den Sinnen befiehlt, alle unnötigen Informationen auszufiltern und Energien für Wichtigeres parat zu halten.

Ich nehme keinen Fischgeruch war und rieche absolut nichts, als ich inmitten der vielen verstörten Menschen auf der mittlerweile für den Verkehr gesperrten South Street vorwärts eile. Über uns ist der „Elevated Highway“ des F.D.R. Drive nur mehr für Polizei- und Rettungsfahrzeuge freigegeben.

Obwohl mich eine innere Stimme weiter drängt, bleibt Oliver auf Höhe der Brooklyn Bridge plötzlich stehen, und schaut zurück. Auch ich drehe mich um. Vom Lower Manhattan dominierenden World Trade Center kann ich nur den immer großflächiger brennenden Nordturm erkennen. Links daneben verdeckt eine fette, milchigweiße Wolke, den Südturm und nimmt ihn vollständig für sich ein. Ich weiß nicht, was die Riesenwolke zu bedeuten hat. Auch kann ich zu dem Zeitpunkt gar nicht wissen, dass der Süd-Tower bereits eingestürzt ist und sich in der korpulenten Wolke seine pulverisierten Überreste befinden.

Alles und jeder wurde von gewaltigen Kräften zermahlen: Glühbirnen, Laserdrucker, Kopiergeräte, Schreibtische, Kühlschränke und auch Menschen. Über 100.000 Menschen halten sich für gewöhnlich pro Tag auf dem Gelände des World Trade Centers auf. Frauen und Männer aus New York, New Jersey sowie vielen anderen Städten und Staaten, die in den Bürotürmen arbeiten. Geschäftsleute und Touristen, die im „Windows on the World“ im 104. Stock Aussicht und Menü genießen. Menschen, die in den World Financial Centern shoppen oder sich im Wintergarten bei einem Snack von den Strapazen des Alltags erholen.

Plötzlich muss ich daran denken, wie mir im Kino damals die Augen überquollen und die Tränen unaufhaltsam strömten, als es hieß “und dies war das letzte Mal, dass die Titanic Tageslicht sah”, doch blieben meine Augen jetzt trocken – von Staub und Schmutz geradezu ausgetrocknet. Woher sollte ich auch wissen, dass ich das World Trade Center soeben zum letzten Mal in Natura gesehen habe? Es bleibt keine Zeit, so lange zu verweilen, bis sich die Wolke am Südturm lichten könnte, da diese innere Stimme, der Wille zum Überleben, zum Weiterziehen aufruft.

Am 2. September 2001 erst haben Oliver und ich unser frisch renoviertes Apartment mit Blick auf das World Trade Center bezogen. Fünf Tage danach feierten wir mit unseren New Yorker Freunden eine lebenslustige Party und nur weitere vier Tage später flüchten wir aus unserem Paradies. Wir schätzen uns glücklich, unsere bisherige Studentenbude in der Lower East Side noch bis zum Ende des Monats gemietet zu haben und genau dorthin wollen wir, um Unterschlupf zu finden.

Eine Dreiviertelstunde vorher hielt ich mich noch unter dem schweren Mahagonischreibtisch in Olivers Büro verkrochen, weil das Gebäude in der 44 Wall plötzlich durchgeschüttelt wurde. Erst Stunden später würde ich erfahren, dass die Erschütterung vom einstürzenden Südturm verursacht worden war. Um zu wissen, was denn eigentlich los ist, muss ich aber den vermeintlich sicheren Platz verlassen und aus dem geschlossenen Fenster schauen: draußen ist es neblig grau und es sieht so aus, als ob die gesamte Straße brennen würde. Doch ich will nur eines, ich will hier raus! Das dachten sich auch die vielen Menschen, die im World Trade Center arbeiteten. Und unter denjenigen, die es geschafft haben, dem Inferno zu entkommen, befinden sich nicht wenige, die auch neun Monate später die Subway meiden und stattdessen Manhattan nur mehr per Bus durchqueren. Dass sie das aber noch immer tun können, verdanken sie ihrem Instinkt, dem “ich will hier raus!”. Nicht alle, die im Südturm arbeiteten, rannten zu den Fenstern und starrten fassungslos auf die Geschehnisse des Nordturms oder ließen sich von Abteilungsleitern wie brave Schafe zurück an die Arbeitsplätze scheuchen. Viele waren ziemlich bockig und nahmen ihr Schicksal selbst in die Hand und haben sich dadurch gerettet.

Wo einen Tag zuvor noch Chaos und Verderben herrschte, dominiert am 12. September die Stille: der südliche Teil von Manhattan ist wie ausgestorben. Kein Motor heult am Washington Square, kein Auto quält sich durch die Straßen, keine Studenten plappern munter, selbst die sonst fröhlich zirpenden Amseln halten ihren Schnabel. In dieser Idylle wohnt Doris Lambertz in einem Apartment eines alten Brownstone Hauses. Auch wenn wir mittlerweile gute Freundinnen sind, so waren wir am 11. September bloß flüchtige Bekannte und trotzdem wollte Doris etwas tun. So bot sie mir und Oliver eine Unterkunft bei sich an. Also verbrachten Oliver und ich die Nacht vom 11. auf den 12. September zwar in unbekannter, doch uns wohlgesinnter Umgebung. Am nächsten Morgen erfahre ich aus den TV-Nachrichten, dass sehr viele Gebäude rund um das World Trade Center gleichfalls zusammengestürzt oder zumindest schwer beschädigt sind. Doch hoffe ich, dass mein um 1890 gebautes Büro- und Apartmentgebäude noch steht, das sich lediglich einen Block von der Katastrophe entfernt befindet. Das Fernsehen zeigt Bilder, die wenig erkennen lassen. Die Südspitze Manhattans versinkt unter einer alles verdeckenden, monströsen schwarz-grauen Wolke aus Rauch, die entsetzlich stinkt, doch ist Geruchs-TV noch nicht erfunden.

Da sie noch immer mehr tun will, als nur Oliver und mir ein vorübergehendes Zuhause zu bieten, bricht Doris am Morgen des 12. September zeitig auf. Mit „Ich gehe Blut spenden“ entschwindet sie in ein nahegelegenes Krankenhaus. Dass überhaupt keine Blutkonserven benötigt werden, weiß sie genauso wenig, wie die vielen Krankenstationen die sich für Hunderte von Verletzten rüsten. Doch gab es keine Verletzten. In dieser Katastrophe ging es ausschließlich um Leben oder Tod. Dazwischen gab es nichts! Ohne über TV oder Internet weitere Informationen zum neuesten Stand der Dinge erhalten zu haben, verlasse ich gemeinsam mit Oliver die herbstliche Ruhe am Washington Square. An vielen Stellen sind Wachposten positioniert und die Nationalgarde macht ihrem Ruf alle Ehre und schützt Lower Manhattan vor seinen Bewohnern und die Bewohner vor Situationen, auf die sie nicht gefasst sind. Gleichgültig wie schwer die Gründe eines jeden Einzelnen wiegen mögen, es gibt kein Durchkommen, dafür aber was anderes: „Can I get you something? Coffee, Soda, Bagels, something else?“ ruft eine Mit-Vierzigerin aus ihrem dicken Geländewagen den Polizisten und Soldaten zu. Und sie ist nicht die einzige, die für die Diensthabenden etwas tun möchte. Die Anonymität der Großstadt hat einer großflächigen Hilfsbereitschaft Platz gemacht.

Nach einigen Stunden in denen Oliver und ich mehrfach von West nach Ost und umgekehrt gelaufen sind, schaffe ich es schließlich zwei Polizisten in der Lower East Side mittels einer an mich gerichteten Postkarte und Olivers amerikanischen Pass davon zu überzeugen, dass sie uns zu unserer vorherigen Bleibe in der Orchard Street lassen. Unser eigentliches Ziel ist es aber, zu unserer zwölf Blocks weiter südlich liegenden neuen Wohnung zu gelangen, um uns mit frischen Klamotten, Waschzeug, Kosmetika sowie anderen persönlichen Dingen zu versorgen.

Einige „You can’t get through” und noch mehr Meilen später, hilft uns Sergeant „Wunder“ weiter. Und einem Wunder kommt es auch gleich, dass wir endlich unter Geleitschutz zweier drahtiger Streifenpolizisten zum Eingang unseres Gebäudes eskortiert werden, das wir einen Tag zuvor gegen 9:15 Uhr morgens im Eiltempo verlassen hatten.

Vergleiche drängen sich mir auf und mir ist, als befinde ich mich am Morgen des 11. September abwechselnd in einem Hollywood-Thriller oder in einer Zeitmaschine mit Ziel Dresden Frühjahr 1945! Doch gibt es kein Entrinnen aus dem Horrorszenario, keinen Knopf, um den Film auszuschalten, keinen Hebel, um die Maschine zu stoppen. Zwar nur Komparsin, muss ich mitspielen und das Beste aus der Situation machen. Die parallel zum Broadway verlaufende Nassau Street ist mit Papier gepflastert. Überall liegen Schriftstücke herum, die aus dem World Trade Center herausgeschleudert wurden. Gedankenverloren hebt Oliver eines der Blätter auf und steckt es in die Tasche seines Laptops, um es einen Monat später wieder herauszukramen. Die Balkendiagramme auf dem absurderweise fast druckfrisch wirkenden Papier waren vermutlich von einem Mitarbeiter einer der beiden großen Versicherungsmakler, die sich im World Trade Center befanden, errechnet worden. Hatte es der Verfasser und ursprüngliche Besitzer dieses Excel-Sheets geschafft, dem Inferno zu entfliehen? Ist er aus einem der Tower gesprungen, um nicht bei lebendigen Leib zu verbrennen? Das Stück Papier schweigt beharrlich und gibt die Geschichte seines Schöpfers nicht preis.

Doch schon am Nachmittag des 12. September stehe ich endlich vor meinem neuen Zuhause und werde überschwänglich von unserem Doorman begrüßt, der einen schlichten Atemschutz aus Zellstoff trägt.

Roop Bhoodai freut sich riesig, Oliver und mich zu sehen. Über drei Stunden hat er gebraucht, um an seinen Arbeitsplatz zu gelangen, wozu er sonst gerade mal dreißig Minuten benötigt. Doch Pflichtbewusstsein und Hilfsbereitschaft gingen ihm, wie vielen anderen seiner Mitmenschen dieser Tage über die persönlichen Bedürfnisse. Wie selbstverständlich war Roop morgens aufgebrochen, um seinen Kollegen Nic Reeger abzulösen. Nic hatte das Gebäude nicht verlassen, das vom World Trade Center lediglich durch die kleine Saint Paul’s Kapelle getrennt ist. Er fühlte sich für das Haus, sein Building, verantwortlich und durchpflügte jedes einzelne der 24 Stockwerke, klingelte und klopfte an alle 200 Türen und vergewisserte sich, dass alle Bewohner evakuiert waren. Nur er blieb und wartete bis sein Kollege kam.

Der südamerikanische Cop sperrt die Türe zu unserem Apartment auf und vergewissert sich mit seinem Kollegen, dass wir nicht mit einer unliebsamen Überraschung konfrontiert würden. Nach diesem Sicherheitsscheck, durften auch wir in unsere Wohnung, die sich genauso präsentierte, wie wir sie verlassen hatten. Der blonde Polizist postiert sich am Fenster, während der dunkelhaarige seinen Lunch verzehrt. Unser Apartment sieht gut aus und es ist lediglich ein wenig Staub durch eines der Fenster gedrungen, der das Sofa sowie einen Teil des Fußbodens überzogen hat. Was das bisschen Staub wirklich ist, welche Substanzen der graue World Trade Center Puder enthalten würde, kann ich zunächst nur erahnen. Die Polizisten waren über den kurzen Moment der Ruhe froh und verschafften sich von unserem 18. Stock aus, einen Überblick über das darunter liegende Chaos.

Wie jedes Jahr im September beginnt um diese Zeit das neue Semester an den vielen New Yorker Universitäten und Tausende junger Menschen warten darauf, ihrer angestrebten Karriere ein Stück näher zu kommen. Da viele seiner Kollegen außerhalb von New York festsitzen und New York nicht erreichen können, muss schließlich Tom Taylor mehrere Einführungsvorlesungen halten. Am Freitag, den 14. September 2001 steht er vor vielen jungen, fragenden, verängstigten Gesichtern und muss das Erklären, was keiner erklären kann. Als Professor für Psychologie kommt er nicht umhin, zu den Geschehnissen des 11. September Stellung zu nehmen.

Während die einen jungen Menschen in Vorlesungen sitzen, versammeln sich andere an markanten Plätzen und halten Mahnwachen ab. Der Union Square an der Grenze zum abgesperrten Gebiet wurde ebenso wie der Washington Square kurzerhand zur Gedenkstätte erklärt. Der Fußballfeld große Union Square war übersät mit Schnittblumen, Friedhofskerzen, Gedichten, amerikanischen Flaggen, Suchmeldungen, Vermisstenportraits sowie Opfergaben und Erinnerungsstücken. Auf dem Platz, an dem sonst Mütter ihre Kinderwägen vorwärts schieben, an dem drei Mal die Woche die Farmer von außerhalb Markt abhalten und wo Hundebesitzer ihre Lieblinge innerhalb einer Abzäunung frei laufen lassen können, auf diesem Platz war auf einmal alles anders. Auf Filmrollen und Speicherkarten festgehalten, fand sich die Szenerie ein paar Wochen später auf schaurig-schönen Postkarten wieder, die ein wenig an die 68er Studentenbewegung erinnerten.

Für gewöhnlich sagt man den New Yorkern eine gewisse Ruppigkeit im Umgang miteinander nach. Alle sind so beschäftigt und kaum jemand hat Zeit für den anderen. Manhattan verlangt es seinen Bewohnern ab, dass sie immer vorwärts streben und nicht nachlassen. Und obwohl gerade New York wegen seiner Anonymität von vielen geschätzt wird, so sind seine Bewohner in den Tagen nach dem 11. September 2001 für einige Zeit zusammengewachsen. Es war fast so, als ob jeder einen jeden kannte und jeder sprach mit jedem oder hätte es einfach tun können. Klar ist auch, dass so ein Zustand in einer 8 Millionen-Stadt nicht andauern kann, weshalb dieses Zusammenhaltsgefühl auch bald wieder dem geschäftigen Treiben gewichen ist.

Möglicherweise war jedoch gerade hier die Hilfsbereitschaft größer als an den meisten anderen Orten dieser Welt, oder wie es Clyde auf den Punkt bringt: „New Yorkers are rude, because that’s such a busy town, which makes you go. But if someone really needs help, people help.” New York treibt mit seiner Geschäftigkeit einen jeden an, doch wenn jemand wirklich Hilfe braucht, ist ein jeder bereit zu helfen und etwas zu tun!

Schließlich können wir am 20. September nach elf Tagen der Vertreibung wieder zurück in unser Apartment. Die Untersuchungen hinsichtlich Luftqualität und Gebäudestabilität haben ergeben, dass wir wieder einziehen können. Also mache ich mich Richtung Downtown auf, um wieder “Zuhause” zu wohnen. Ich schleppe die schwere Tasche die vielen Stufen der Station “Brooklyn Bridge” nach oben, wo es mir fast den Atem raubt. Diese nach Verbranntem stinkende Luft wurde als gesundheitlich unbedenklich deklariert? Doch das Schlimmste ist gar nicht einmal so sehr das, was man riecht, sondern die Partikel, die sich dem Geruchssinn verschließen, denn Asbest, Quecksilber, Metalle und andere pulverisierte Teile kann man nicht riechen, sehr wohl aber einatmen. Und die Staubteilchen, die den Fußboden meines Apartments überziehen, stammen vom World Trade Center, das nicht mehr existiert. Von Wahnsinnigen zerstört und über 3000 Unschuldige aus ihrem Leben gerissen und getötet. Ich aber darf mich glücklich schätzen, zu leben und die Tragödie nicht nur überstanden, sondern auch miterlebt zu haben. Auch wenn seit dem Terroranschlag neun Monate vergangen sind, vergeht kein Tag, an dem ich nicht mehrfach an den Tag erinnert werde, der nicht nur mein Sicherheitsdenken für immer ins Wanken gebracht hat. Zwar gilt noch immer, dass die Zeit alle Wunden heilt, doch für uns in Downtown New York ist das vom ehemaligen Bürgermeister Giuliani beschworene „back to normal“ noch immer nicht Realität. Wenn ich aus meinem Fenster schaue, werde ich nie wieder die stolzen World Trade Center Türme sehen. Zwar sind die abgebrannten Stümpfe und rauchenden Überreste einem seit kurzem sauber aufgeräumten Baugrund gewichen, doch wird es ein „normal“, so wie wir es kannten, nie mehr geben. Und trotzdem gilt für Menschen wie Clyde Rennie oder mich noch immer: „New York City is where I am happy and this is where I want to live“. Auch trinke ich ein Glas Whiskey am Liebsten in Clyde und Katie’s „Lolita Bar“ und ungebrochen ist meine Liebe zur Stadt New York und seinen Menschen trotz alledem: I love NY more than ever!