100 Centre Street – ein Tag am Gericht

17.11.2002 – Von Oliver

Nach dem amerikanischen Rechtssystem hat jeder Angeklagte das Recht, die Verhandlung vor einer Jury „normaler Bürger“ auszutragen, ganz gleich, ob es sich um einen Autounfall oder eine Milliardenklage gegen einen Großkonzern handelt. Das erfordert natürlich eine riesige Anzahl von potentiellen Geschworenen, so dass jeder amerikanische Staatsbürger verpflichtet ist, alle vier Jahre die so genannte „Jury Duty“ zu schieben. Dabei handelt es sich um eine staatsbürgerliche Pflicht, die ähnlich wie die Wehrplicht, nur symbolisch bezahlt wird. Ob der Arbeitgeber den Lohn während der Jury Duty bezahlt, bleibt diesem überlassen, das einzige, was nicht passieren darf, ist, dass man den Job wegen Jury Duty verliert – ob man aber vielleicht durch den Verdienstausfall bankrott geht, das interessiert den Staat nicht.

Wir haben uns natürlich vorher bei unseren Freunden informiert, was da auf mich zukommen würde – und erfahren, dass es normalerweise nur ein paar Tage dauert – es kann aber auch Fälle geben, die ein, zwei, drei Wochen und, ja, auch in manchen Fällen Monate dauern. Als ich mich also am Morgen auf den Weg zu 100 Centre Street, in den Supreme Court des New York County (sprich Manhattan), mache, bewegen Elke und mich nur ein Gedanke: dass ich so schnell wie möglich wieder raus komme.

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Als potentieller Juror trifft man sich in einem Warteraum im 15. Stock des Gebäudes, der den typischen Charme von amtlichen Räumen ausstrahlt: abgewetztes Mobiliar und zahllose Schilder, auf denen steht, was man nicht tun darf und was man tun muss. Die Stühle stehen angeordnet wie im Wartesaal eines Flughafens und bieten Platz für etwa 300 Wartende. An einer Seite steht ein riesiges Pult, hinter dem der Jury Clerk agiert.

Und wir wären nicht in Amerika, wenn sich dieser nicht mehr als Master of Ceremony, denn als trockener Amtsschimmel versteht. Während ich mit 300 nicht besonders ausgeschlafenen (wir haben 8:30 am Morgen) Menschen jeden Alters, Hautfarbe und sozialer Schicht aufgeregt, genervt, erwartungsvoll oder angstvoll nach vorne blicke, begrüßt uns der Jury Clerk so, als ob es eine große Ehre ist, an diesem Tag, einen Beitrag zum Rechtsstaat zu liefern. Ja, das ist es auch, aber welchen Preis muss man dafür persönlich zahlen? Nach der Ansprache sehen wir ein Video zur Einstimmung, eine Geschichte des Gerichts, das – wir sind in Amerika – effektvoll mit einem nachgestellten mittelalterlichen Prozess beginnt, bei der die Unschuld des Angeklagten dadurch nachgewiesen wird, dass er mit gefesselten Händen in einem Fluss ertrinkt (der Film hat ein Happy End, da Freunde den Armen noch rechtzeitig aus dem Wasser ziehen können). Anschließend wird uns die Prozedur erklärt: ganz profan steht auf dem Pult eine Lostrommel, in der unsere Namen sind. Benötigt ein Richter eine Jury, dann werden Namen aus der Trommel gezogen je nach Prozess bis zu 100.

Eigentlich gewinne ich bei solchen Tombolas nie etwas, aber diesmal, bingo, bin ich bei den ersten 100 dabei, die zu Judge McLaughlin in den Gerichtssaal geschickt wurden. Der Court Officer führt uns in den Saal und weist uns die Plätze im Zuschauerraum an. Wie uns vorher erklärt wurde, führt der Richter in seinem Saal eine Art diktatorische Herrschaft und das Mittel dazu heißt, wie man aus den einschlägigen Filmen weiß, „Missachtung des Gerichts”, was mit saftigen Strafen belegt wird. So ist es auch möglich, dass der Richter 100 erwachsene Menschen mit einem recht langatmigen Vortrag über das Rechtssystem und die Aufgaben einer Jury strapaziert, ohne dass ein Muckser im Publikum zu hören ist.

Dann wird es konkret und die Jury wird ausgewählt, indem Staatsanwalt, Verteidigung und natürlich der Richter sich auf zwölf Personen einigen, die dann für den gesamten Prozess zur Verfügung stehen müssen. Und dieser Prozess dauert, nach einer groben Schätzung des Richters, ungefähr drei Wochen.

Um die Prozedur zu vereinfachen, werden aus den 100 bereits ausgewählten Menschen, Gruppen zu je 20 Leuten ausgelost, die dann echte Gerichtsluft schnuppern dürfen und es sich in der Jury Box, jene 2 reihige Tribüne auf der rechten (oder linken) Seite des Gerichtssaales bequem machen dürfen. Zu Beginn müssen wir reihum 10 persönliche Fragen beantworten, die den Anwälten einen ersten Eindruck vermitteln sollen.

Staatsbürgerliche Pflicht, Beitrag zum Rechtssystem hin oder her, das Spiel heißt für die meisten der 20 „Wie winde komme ich möglichst schnell wieder aus der Jury Box, ohne das Gericht zu missachten“. Der erste, ein arbeitsloser Programmierer, der gerade von der Uni abgegangen ist, hat einen 15 Tage alten Sohn – keine Chance. Ein anderer erwartet sein Kind in 15 Tagen, schon besser: „You are excused“, sagt der Richter und schickt ihn zurück in den Warteraum. Überhaupt keinen Grund hat der Journalist, der vor dem Abschluss eines wichtigen Projekts steht. Kein Englisch zu verstehen ist dagegen eine gute Entschuldigung. Oder sich dumm zu stellen (absichtlich oder unabsichtlich) und auf die Frage „Würden sie einen Angeklagten für schuldig erklären, wenn seine Schuld bewiesen ist?“ keine klare Antwort zu wissen.

Der Letzte in der Reihe findet dann den besten Weg zurück in den Wartesaal: er antwortet auf die Frage „Können sie fair und unparteiisch sein?“ mit einem klaren Nein und darf sofort gehen. Sein Ersatzmann, der sofort ausgelost wird, kann das auch. Erst der dritte nimmt seine Aufgabe ernst und erklärt sich als fair und unparteiisch.

Überhaupt ist das mit dem Ernst so eine Sache. Natürlich will keiner drei oder mehr Wochen mehr oder weniger unbezahlt im Gerichtssaal verbringen und sich mit Mord, Unglück und Elend beschäftigen. Und so ist die Versuchung groß, sich als dumm, charakterschwach, vorbelastet oder voreingenommen darzustellen, nur um so schnell wie möglich wieder draußen auf der Straße zu sein und mit seinem normalen Leben weiterzumachen.

Auf der anderen Seite sitzt allerdings die Angeklagte, ein mittlerweile 18-jähriges Mädchen, die mit dreizehn einen Taxifahrer in Harlem erschossen und beraubt hat. Für sie ist das alles kein Spaß, ob sie nach einer offensichtlich grauenvollen Kindheit irgendwann noch die Chance hat, ein halbwegs normales Leben zu führen, oder ob sie das Volk von New York für längere Zeit hinter Gitter steckt (die Todesstrafe steht hier nicht zur Diskussion). Und deswegen bin ich hin- und hergerissen zwischen dem Impuls, einem langen Prozess und den damit verbundenen persönlichen Schwierigkeiten einfach aus dem Weg zu gehen und der Hoffnung, dass die Angeklagte einen fairen Prozess erhält, auch wenn es mich als Geschworenen erfordert.

In der zweiten Runde sind dann die Anwälte dran mit einem Frage und Antwortspiel. Die Staatsanwältin weist darauf hin, dass es im wirklichen Gericht deutlich anders zugeht, als in Serien wie “Law and Order” oder “Perry Mason”. Stimmt nicht, finde ich: zwar wird natürlich der langwierige Prozess der Juryauswahl nicht gezeigt, aber der Richter, der den Verteidiger immer wieder mit Strenge und Sarkasmus maßregelt, könnte wirklich aus dem Fernsehen sein.

Auf jeden Fall gibt die zweite Runde nochmal genug Möglichkeiten dem Prozess zu entkommen. Der Junge mit dem 15-tägigen Sohn und mein Sitznachbar, versuchen nachzuholen, was sie bei der ersten Runde versäumt haben und erklären, dass ihnen jetzt doch noch eingefallen sei, dass sie eigentlich unfair und parteiisch seien. Ein Mädchen hat Probleme mit Gewaltverbrechen, weil eine enge Freundin von ihr bei einen bewaffneten Raubüberfall verletzt war. Ob wir Probleme damit haben, dass die Angeklagte dreizehn Jahre alt war, als das Verbrechen verübt wurde? Oder ob uns Bilder von einem Menschen etwas ausmachen, der durch einen Schuss in den Kopf getötet wurde.

Nach zwei Stunden ist es vorbei und wir müssen vor dem Gerichtssaal warten, bis uns der Court Officer mitteilt, wer ausgewählt wurde. Die zwanzig tigern aufgeregt vor der Türe herum, bis schließlich die Nachricht kommt: Keiner wurde genommen, wir sollen es aber nicht persönlich nehmen. Wir nehmen es nicht persönlich, eine Woge der Erleichterung geht durch die Reihen und alle gehen wieder nach Hause.

Zwei Tage später (das Gericht hat wegen des Wahltages in ganz Amerika einen Tag zu), sitzen wir dann alle wieder im Warteraum und warten. Der Jury Clerk ist wieder blendender Laune uns verspricht uns, dass es heute einige Verhandlungen geben wird. Nein, bitte nicht. Allerdings, sagt er eine Weile später, ist es ziemlich voll hier, also schickt er bald eine Menge Leute nach Hause. Tut er aber nicht, sondern lost zwei Mal 25 für eine Verhandlung aus. Ich bin nicht dabei. Nach der Mittagspause ist es erst ruhig, obwohl uns der Jury Clerk verspricht: „We’re soon bursting into action“. Und so ist es auch: eine Auswahl nach der andern, die Lose schlagen links und rechts, vor mir und hinter mir ein, aber ich bleibe verschont.

Das war’s dann auch: Unter heftigem Beifallklatschen verteilt der Jury Clerk die Zertifikate, die einen von der Jury Duty für 4 Jahre befreien. Wir verlassen den Warteraum so schnell wie möglich und verteilen und auf der Straße in alle Richtungen.

Nochmal einen Blick zurück auf das wuchtige Gebäude an der 100 Centre Street: ich bin froh, dass ich draußen bin, aber auch dankbar, einmal einen Einblick in eine Welt zu bekommen, mit der die meisten Menschen nichts zu tun haben wollen. Eine Welt, die vielleicht Recht im Sinne der Gesetze bringen kann, doch merkwürdigerweise nichts gegen die Ungerechtigkeit des Lebens ausrichten kann, die eine 13-jährige dazu treibt, für ein paar Dollar einen Menschen umzubringen.

Places to Be: Lolita Bar

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Wenn wir die Lolita betreten, meistens am frühen Abend nach einem besonders erfolgreichen oder frustrierenden Tag, ist es eine Art Heimkommen in ein gemütliches Wohnzimmer. Zwischen den Wänden aus unverputzten Ziegelsteinen stehen flache Tische, eine Vielzahl verschiedener Stuehle sowie Sessel und Sofas. Auf den Tischen und auf der Bar stehen Kerzen, an der Mauer hängen Bilder (von wechselnden Kuenstlern) und aus den Lautsprechern kommt Musik, die auch in unserem Plattenschrank stehen könnte.

Die Lolita Bar ist am frühen Abend eine Neighborhood Bar, die die meisten Gäste als Erweiterung ihrer eignen, engen New Yorker Appartments betrachten. Man trinkt ein Bier oder einen Drink, liest ein Buch oder chattet mit Bartender Ken ueber Musik oder flirtet mit den Barfrauen Anna und Sue. Mark, der Manager aus dem Museumshop des Lower East Side Tenement Museum, in dem für beide Teile von Men in Black gedreht wurde, ist fast jeden Abend da – manchmal mit Kollegen aus dem Museum, manchmal alleine, wo er Gedichte schreibt, liest oder sich mit den anderen Stammgästen unterhält.

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Gegründet wurde die Lolita Bar von Leah, Katie und Clyde in der Absicht, eine Bar zu betreiben, die garantiert nicht hip ist. Und was hip ist, wussten zumindest Katie und Clyde von ihren Jobs in der Musikindustrie. Die Lolita sollte genau das werden: ein Ort zum Wohlfuehlen, mit guter Musik und gelegentlichen Events mit DJ und Livebands. Die Lolita ist ein Ort fuer kleinere Feiern und wird gelegentlich für eine größere Ereignis wie die Lauchparty der Rap-Band Jurassic 5 gebucht.

Nach Ende der Happy Hour um 8 Uhr lässt die Gemuetlichkeit allerdings rapide nach. Das Publikum wird – vor allem am Wochenende – jünger und es wird oft unmöglich einen Platz zu finden. Die sonst so gelassenen Barkeeper rennen immer hektischer hinter der Bar hin und her und raus, um die Tische wieder abzuräumen.

Wie es alle diese Leute in die Lolita zieht, bleibt für uns allerdings ein Geheimnis, denn der Ort an der Ecke von Broome und Allen Street ist doch ein paar Blocks vom Zentrum des Nachtlebens der Lower East Side entfernt. Clyde hat uns erzählt, dass er darauf spekuliert, dass sich das Kneipenviertel nach Süden hin über die Delancey Street ausbreitet. Ob das nach eineinhalb Jahren wirklich der Fall lässt sich schwer sagen – zwar öffnen auch südlich der Delancey die eine oder andere Boutique, aber es dominiert immer noch die einmalige Mischung zwischen jüdischen Groß- und Einzelhändlern, spanischen Lebensmittelgeschäften und den Ausläufern des sich ständig vergrößernden Chinatown.

Uns verbindet mit der Lolita ein Stück gemeinsamer Geschichte, denn die Bar hat ein paar Wochen aufgemacht, bevor wir in unsere provisorische Wohnung im selben Block, in der Orchard Street um die Ecke gezogen sind. Trotzdem hat es einige Zeit gedauert bis wir die Lolita entdeckt haben, weil wir in dem doch für New-York-Neulinge recht bedrohlichen Viertel unsere Kreise nur langsam erweitert haben und uns hauptsächlich in den belebteren Nordern der Lower East Side und das East Village orientiert haben. Als wir dann doch eines Nachmittags die Broome Street entlangschlenderten, fielen uns die zwei jungen Frauen auf, die heftig ueber eine Standtafel diskutierten, die eine späte Happy Hour um 10 Uhr abends ankündigte. Das haben wir am selben Abend auch noch ausprobiert und habe seitdem die Lolita Bar zur Erweiterung unserer kleinen Wohnung erklärt.

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Seitdem haben wir dort eine Menge erlebt: zum Beispiel unser erstes Barbeque am Memoria Day, der traditionellen Eröffnung der Sommersaison, eine feuchtfröhliche Geburtstagsfeier bis um 4 Uhr Morgens, eine Independence-Day-Feier und ein lauschiger Heiligabend-Nachmittag.

Kneipen wie die Lolita scheinen sich übrigens zu lohnen – schon seit längerer Zeit kuemmern sich Clyde und Katie nur noch um die Verwaltung, so dass sie leider nur noch selten in der Bar zu finden sind. Genauso haben wir unsere Immigrantenwohnung in der Orchard Street verlassen und sind Richtung Downtown gezogen. Trotzdem, die Lolita besuchen wir noch regelmäßig und wer dort am Freitagabend hingeht, hat gute Chancen, uns zu treffen.