Places to Be: Lolita Bar

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Wenn wir die Lolita betreten, meistens am frühen Abend nach einem besonders erfolgreichen oder frustrierenden Tag, ist es eine Art Heimkommen in ein gemütliches Wohnzimmer. Zwischen den Wänden aus unverputzten Ziegelsteinen stehen flache Tische, eine Vielzahl verschiedener Stuehle sowie Sessel und Sofas. Auf den Tischen und auf der Bar stehen Kerzen, an der Mauer hängen Bilder (von wechselnden Kuenstlern) und aus den Lautsprechern kommt Musik, die auch in unserem Plattenschrank stehen könnte.

Die Lolita Bar ist am frühen Abend eine Neighborhood Bar, die die meisten Gäste als Erweiterung ihrer eignen, engen New Yorker Appartments betrachten. Man trinkt ein Bier oder einen Drink, liest ein Buch oder chattet mit Bartender Ken ueber Musik oder flirtet mit den Barfrauen Anna und Sue. Mark, der Manager aus dem Museumshop des Lower East Side Tenement Museum, in dem für beide Teile von Men in Black gedreht wurde, ist fast jeden Abend da – manchmal mit Kollegen aus dem Museum, manchmal alleine, wo er Gedichte schreibt, liest oder sich mit den anderen Stammgästen unterhält.

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Gegründet wurde die Lolita Bar von Leah, Katie und Clyde in der Absicht, eine Bar zu betreiben, die garantiert nicht hip ist. Und was hip ist, wussten zumindest Katie und Clyde von ihren Jobs in der Musikindustrie. Die Lolita sollte genau das werden: ein Ort zum Wohlfuehlen, mit guter Musik und gelegentlichen Events mit DJ und Livebands. Die Lolita ist ein Ort fuer kleinere Feiern und wird gelegentlich für eine größere Ereignis wie die Lauchparty der Rap-Band Jurassic 5 gebucht.

Nach Ende der Happy Hour um 8 Uhr lässt die Gemuetlichkeit allerdings rapide nach. Das Publikum wird – vor allem am Wochenende – jünger und es wird oft unmöglich einen Platz zu finden. Die sonst so gelassenen Barkeeper rennen immer hektischer hinter der Bar hin und her und raus, um die Tische wieder abzuräumen.

Wie es alle diese Leute in die Lolita zieht, bleibt für uns allerdings ein Geheimnis, denn der Ort an der Ecke von Broome und Allen Street ist doch ein paar Blocks vom Zentrum des Nachtlebens der Lower East Side entfernt. Clyde hat uns erzählt, dass er darauf spekuliert, dass sich das Kneipenviertel nach Süden hin über die Delancey Street ausbreitet. Ob das nach eineinhalb Jahren wirklich der Fall lässt sich schwer sagen – zwar öffnen auch südlich der Delancey die eine oder andere Boutique, aber es dominiert immer noch die einmalige Mischung zwischen jüdischen Groß- und Einzelhändlern, spanischen Lebensmittelgeschäften und den Ausläufern des sich ständig vergrößernden Chinatown.

Uns verbindet mit der Lolita ein Stück gemeinsamer Geschichte, denn die Bar hat ein paar Wochen aufgemacht, bevor wir in unsere provisorische Wohnung im selben Block, in der Orchard Street um die Ecke gezogen sind. Trotzdem hat es einige Zeit gedauert bis wir die Lolita entdeckt haben, weil wir in dem doch für New-York-Neulinge recht bedrohlichen Viertel unsere Kreise nur langsam erweitert haben und uns hauptsächlich in den belebteren Nordern der Lower East Side und das East Village orientiert haben. Als wir dann doch eines Nachmittags die Broome Street entlangschlenderten, fielen uns die zwei jungen Frauen auf, die heftig ueber eine Standtafel diskutierten, die eine späte Happy Hour um 10 Uhr abends ankündigte. Das haben wir am selben Abend auch noch ausprobiert und habe seitdem die Lolita Bar zur Erweiterung unserer kleinen Wohnung erklärt.

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Seitdem haben wir dort eine Menge erlebt: zum Beispiel unser erstes Barbeque am Memoria Day, der traditionellen Eröffnung der Sommersaison, eine feuchtfröhliche Geburtstagsfeier bis um 4 Uhr Morgens, eine Independence-Day-Feier und ein lauschiger Heiligabend-Nachmittag.

Kneipen wie die Lolita scheinen sich übrigens zu lohnen – schon seit längerer Zeit kuemmern sich Clyde und Katie nur noch um die Verwaltung, so dass sie leider nur noch selten in der Bar zu finden sind. Genauso haben wir unsere Immigrantenwohnung in der Orchard Street verlassen und sind Richtung Downtown gezogen. Trotzdem, die Lolita besuchen wir noch regelmäßig und wer dort am Freitagabend hingeht, hat gute Chancen, uns zu treffen.