A Day in the City: T-Day

5.12.2002 von Oliver

Der amerikanische Feiertagskalender funktioniert anders als der deutsche. Zum einen gibt es kaum religiös motivierte Feiertage, weil bei der hier praktizierten, strengen Trennung von Kirche und Staat, keine Religion bevorzugt werden darf. Zum anderen sind Feiertage nicht „gesetzlich“, sondern eine Sache zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Jede Firma gibt jedes Jahr ihren eigenen Feiertagskalender heraus, der sich zwar an gewissen Standards, wie gewerkschaftlichen Regelungen oder den Börsenfeiertagen orientiert, aber letztlich der Großzügigkeit der Firma überlassen ist. So geben einige Firmen Fenstertage oder jüdische Feiertage frei, während andere knausriger sind, und sich auf die großen Feiertage wie July, 4th, Weihnachten beschränken. Auf einen Tag konvergiert der amerikanische Kalender allerdings für alle: Thanksgiving. Diese Tag hat für Amerikaner eine mystische Bedeutung als Familientag und als Auftakt für die Holiday Season, wie die Weihnachtszeit hier religionsfrei heißt.

Thanksgiving beginnt in New York mit der traditionellen Macy’s Parade, die sich von der 86th Street über Central Park West und Broadway bis zum Herald Square hinzieht. Marschieren tun neben verschiedenen, sorgfältig ausgewählten Marching Bands vor allem riesige, aufgeblasene Comicfiguren. Welche Figuren neu sind und welche ausgemustert werden, ist Gegenstand einer tagelangen Diskussion. Dieses Jahr hat Macy’s die Muppets wiederbelebt und so durfte Kermit, der Frosch, das erste Mal seit langer Zeit wieder über die New Yorker Straßen fliegen.

Letztes Jahr haben wir die Parade live miterlebt, dieses Jahr ziehen wir es wegen der beißenden Kälte vor, das Spektakel vor dem Fernseher mitzuerleben, was den großen Vorteil hat, dass man auch die Shows auf dem Herald und Times Square miterleben kann, was live nur extremen Frühaufstehern oder Macy’s Angestellten und deren Familien und Freunden möglich ist.

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Nach der Parade machen wir uns dann auf den Weg in die Upper Eastside wo wir erstaunt feststellen, das sich die Stadt, die niemals schläft, in einem erstaunlichen Zustand befindet: sie macht ein Nickerchen. Fast alle Geschäfte sind geschlossen, die Straßen sind menschen- und autoleer. Als wir völlig durchgefroren nach einer Kneipe suchen, stellen wir erstaunt fest, dass ein Großteil der Pubs und Cafes ebenfalls die Stühle auf die Tische gestellt hat.

In der 2nd Ave. finden wir dann schließlich Fitzpatricks Pub, in der eine äußerst freundliche Barkeeperin diejenigen bedient, die sich keinen Truthahn in Großmutter’s Haus servieren lassen können oder wollen. In den Fernsehern läuft das Thanksgiving Footballspiel, das ebenfalls zur Tradition des Festtages gehört. Genauso wie die Werbung in den Spielpausen (von denen American Football praktischerweise sehr viele hat), die auf die Sonderangebote am Freitag nach Thanksgiving hinweisen. An diesem Tag, an dem sehr viele frei haben, versuchen die Geschäfte die Leute teilweise schon um sechs Uhr morgens mit Early-Bird Angeboten in die Läden zu locken.

Nach einem Bier werden wir hungrig und weil wir alles richtig machen wollen, wollen wir natürlich wie alle anderen Turkey essen. Das ist nicht weiter schwer, denn alle Restaurants, die auf haben, bieten auch Truthahn an. Selbst das traditionelle, deutsche Lokal Old Heidelberg macht hier keine Ausnahme. Wir finden dann allerdings Viands Restaurant, einen Diner an der Ecke zur 86th St. doch passender.

Wie wir dann anhand von gerahmten Zeitungsartikeln feststellen, ist Viands eine Turkey-Oase für einsame Städter an Thanksgiving und Weihnachten. Für knappe $14 bekommt man eine riesige Portion saftigen Truthahn mitsamt Füllung und Soße, einem Teller Gemüse mit den unvermeidlichen Süßkartoffeln sowie einen Pumpkin Pie zum Nachtisch. Nach dem Essen geht es uns dann wie vielen Millionen Amerikaner: wir sind gestopft voll und können uns noch kaum bewegen. Als Deutsche kennen wir allerdings ein Heilmittel dagegen: zurück im Fitzpatrick trinken wir ein Stamperl Jägermeister, was uns zumindest ermöglicht, bis nach Hause zu kommen, wo wir dann das tun, was alle Amerikaner tun: auf das Sofa fallen und den Rest des Abends vor dem Fernseher verbringen.