Odyssee Green Card- letztes Kapitel!

30. Januar 2003 von Elke

“Do you swear to say the truth and nothing but the truth?” fühle ich mich nahezu ein wenig überrumpelt und antworte wahrheitsgemäß mit “Yes!” und darf mich setzen. In dem kleinen Büro, in das gerade einmal vier Stühle samt Schreibtisch sowie ein Aktenschrank passen, nahmen auch mein Anwalt und Oliver Platz. Mir gegenüber saß Mr. Francisco, der INS-Officer, der über mein weiteres Bleiben in den Vereinigten Staaten von Amerika befinden durfte. Dieselben Beamten der Immigrationsbehörde (INS), die am Flughafen alle Neuankömmlinge über ihre Absichten befragen, dürfen als “job enrichment” (= Bonus) auch immer mal wieder Dienst im riesigen INS-Gebäude am Broadway tun und BewerberInnen für die Greencard interviewen.

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Dort am Seiteneingang in der Worth Street, müssen alle Besucher die Metalldetektoren durchwandern und dürfen erst dann passieren, wenn diese grünes Licht geben. Im 8. Stock angelangt, begrüßt mich der am Eingang des Warteraums positionierte Beamte mit einem “good luck” und ich geselle mich zu etwa 200 Menschen, die hier bereits um 8 Uhr morgens versammelt sind. Doch wo bleibt mein Anwalt? Der da drüben? Nee, der gefällt mir nicht! Ich kenne meinen INS-Anwalt nämlich gar nicht, da mein eigentlicher Anwalt sowohl den weiten Weg von der Upper East Side nach Downtown scheut als auch sein schnuckeliges Büro nicht gegen Beamtenmuff einzutauschen gewillt ist. Der da? Oh nein, bitte einen, der ein bisschen mehr her macht! “Elke”? “Yes”? “Stay in line and wait!” – Aha, das wird also Mr. Bernstein sein, der sich erst mal gar nicht weiter um mich kümmert, sondern eifrigst mit seinen Kollegen fachsimpelt. Also warte ich, bis ich vorne am Schalter an der Reihe bin, um zu unteschreiben und meine Unterschrift mit einem Fingerabdruck zu besiegeln. Einen Abdruck aller zehn Finger musste ich bereits im November 2002 über mich ergehen lassen. Auch durfte ich nicht zu meinem heutigen Termin erscheinen, ohne zuvor bei einem vom INS genehmigten Arzt gewesen zu sein. Deshalb verbrachte ich einen Samstagvormittag im Januar damit, mich röntgen, gegen diverse Immunschwächekrankheiten untersuchen und gegen allerhand abwendbare Krankheiten impfen zu lassen.

Der Anwalt weist mich daraufhin, dass wir hier heute gut und gerne den gesamten Tag zubringen könnten und fängt an Shakespeare’s “King Lear” zu lesen. Nach einer Weile fragt er mich, ob gebildete Deutsche Schwierigkeiten beim Lesen von Goethe, Schiller, Schopenhauer hätten. Ich verneine, und ehe ich noch die Gelegenheit habe, das weiter auszuführen, höre ich, wie mein Name aufgerufen wird und Hoffnung macht sich breit, vielleicht doch gegen Mittag die wenig gastliche Stätte verlassen zu können. Die deutsche Frau mir gegenüber wünscht uns noch viel Glück und beim Betreten des Büros von Mr. Francisco nickt mir der Anwalt zu, soll heißen: alles wird gut.

Ab jetzt laufen die Ermittlungen des FBI und nur wenn diese wunschgemäß negativ verlaufen, gibt es abschließend den heißersehnten Stempel in den Reisepass. Die eigentliche Karte, die so grün gar nicht ist, wird von einer extra Behörde ausgestellt, und per Post etwa 4 bis 6 Monate nach dem Interview zugestellt. Hoffentlich klappt das diesmal mit der Adressänderung besser. Mein Anwalt hatte sich ja auch köstlich amüsiert, dass ich quasi einen Steinwurf von der Einwanderungsbehörde hingezogen bin. Dass dies gerade mal sieben Tage vor New Yorks größter Tragödie passiert war, verschweige ich ihm. Überhaupt wurde ich von eben jenem geschwätzigen Juristen gebrieft nur auf genau die mir gestellten Fragen mit “Ja” oder “Nein” zu antworten. Vielleicht auch mit einem bisschen mehr, sofern es die Situation erforderte, doch sollte ich meinen Rededrang heute zügeln, Und um das liebste Anti-Sprichwort eines alten Freundes zu bemühen: “Ein Bild sagt mehr als Tausend Worte”, (‚Anti’ deshalb, weil es eben nicht stimmt. Mit wohlgewählten Worten lässt sich durchaus gleichfalls eine bildliche Dichte erreichen!) sollte ich laut meines Anwalts die mitgebrachten Fotoalben auf den Schreibtisch des Officers legen.

Interessiert blätterte der grauhaarige Mitfünfziger mein kleines Reise-Fotoalbum durch. Mein edles, großes habe ich Zuhause gelassen. Fertig mit den Hochzeitsfotos, macht er sich an das große Album mit den Fotos aus den letzten zehn Jahren – eine bunte Mischung. Schließlich entscheidet sich der hoffentlich gütige Herr für ein Foto aus dem Standesamt: Oliver und ich unterschreiben die Hochzeitsurkunde. Er nimmt das Foto und legt es sorgsam zu den anderen Akten. Dann, völlig unvermittelt und so ganz unzeremoniell öffnet er seine Schreibtischschublade, bringt ein Stempelkissen mit Stempel zu Tage, holt meinen Reisepass aus den vielen Unterlagen hervor, schlägt ihn auf einer freien Seite auf, tunkt den Stempel ein und drückt ihn auf die freie Stelle. Da steht nun rot auf grün: “Processed for I-551. Temporary evidence of lawful admission for permanent residence valid until XXXX employment authorized.” Woohoo – das wars! Der Spuk ist vorbei und ich habe meinen Stempel und das ach so wichtige Kärtchen wird mir in den nächsten Monaten zugeschickt werden…

Ein bisschen weniger Hollywood als im Film “Green Card” ist’s bei mir zugegangen, doch aufregend genug war es auch, bis ich alle notwendigen Papiere, Belege und Beweise zusammen hatte und natürlich bis der ersehnte Termin Zustande kam. Jetzt aber endlich kann ich’s mit “Sting” ein wenig abgewandelt halten: “I’m an alien, I’m a legal alien, I am a German girl in New York”! And I LOVE it!