Ohne Wasser, ohne Strom – die Zeit scheint still zu stehen

33. Woche 2003 von Elke

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“Laptops run on batteries!” frohlockte mein Kollege Zlatin aus dem Cubicle nebenan, als es kurz nach vier Uhr nachmittags plötzlich dunkel und still wurde in unserem Büro. Regungslos verharrten wir für einige Schrecksekunden, doch dann stürzten wir in Richtung Küche, zu den Fenstern und sahen nach draußen: weitere ratlose Köpfe zeigten sich da in den gegenüberliegenden Fenstern und die aufgeregt hupenden Autos wiesen auf fehlendes Ampellicht hin. Kein Strom! Für wie lange? Hat jemand ein Radio? In einer Firma, die zu 100% von und mit dem Internet lebt eine etwas altmodische Frage. Und schon dreht Liam, im Cubicle rechts von mir sitzend, sein Transistorradio lauter und ich höre nicht nur mich aufatmen: kein Terroranschlag! Lediglich der größte Stromausfall in der Geschichte Amerikas. Weite Teile der Ostküste sind betroffen… so richtig zuhören mag ich nicht. Das für mich Entscheidende wurde bereits gesagt.

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Verdammt! das Mobiltelefon mag einfach keine Verbindung herstellen und die Office-Telefone haben mit den Computern und dem Licht ihren Geist aufgegeben. Wie nur kann ich Oliver erreichen? Was ist unser Notfallplan? Einer meiner Kollegen versucht mich zu überreden, mit ihm und anderen nach Downtown zu marschieren, da ich in dem Chaos Oliver sowieso niemals finden würde. Doch irgendwie fühle mich mit Liam und seinem Radio sicherer und verlasse schließlich gemeinsam mit dem Management als letzte das Büro und führe unseren Trupp die 15 Stockwerke durch die innen gelegene Feuertreppe in die Helligkeit nach draußen an.

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Unten angelangt, vergingen keine fünf Minuten und ich blicke in ein vertrautes und geliebtes Gesicht – Oliver hatte sich auf den Weg gemacht, mich abzuholen. Welch ein Glück, dass wir beide in Midtown arbeiten! Die Führungsriege meiner Firma lädt uns erstmal alle auf ein – noch kühles – Bier an, damit wir uns von dem Schock erholen und sammeln können. Dann machen sich Peter, Steve und Rob mit ihren Autos in die Vororte von Manhattan auf, während Liam sich in die Upper Westside durchschlägt und Oliver und ich unseren Weg nach Downtown antreten. Überall dasselbe Bild. Menschentrauben die die Fahrstraßen eroberten und unter der Hitze stöhnend sich vorwärts bewegen.

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Gemeinsam haben Oliver und ich sechs Dollar, die wir nicht leichtfertig an irgendwas verschwenden wollen, da natürlich die Geldautomaten auch kein Geld mehr ausspucken. Wir kommen an einer Citibank vorbei, in deren Vorhalle einige Menschen gefangen sind. Weitaus unangenehmer hatten es sich sicherlich diejenigen, die sich zum Zeitpunkt des Stromausfalls gerade in der Subway befanden. Ich höre einen Feuermann “now we have all” sagen und Umstehende die frohe Nachricht, dass alle gerettet sind, kommentieren. Am Union Square lassen sich Greenpeace-Anhänger nicht von ihrer Mission abhalten und gehen frohen Mutes auf Stimmenfang. Heute scheinen sich auch mehr Menschen für solche üblicherweise als unnötig erachteten Dinge wie Umweltschutz zu interessieren… Kürzlich erst mit einer ordentlichen Spende eine Umweltschutzorganisation unterstützt, ziehen wir weiter.

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Ich sehe bieneneifrige Straßenhändler, die verkaufen, was sie haben und anscheinend kann auch keine der dargebotenen Waren abwegig genug sein, um nicht ihre Käufer zu finden. Oder wie im Falle der flachen, mit Glitzerblümchen bestickten Chinaschlappen, die Käuferinnen. Fröhlich schnatternd und vor Wonne aufstöhnend probieren Stöckelschuhgeplagte New Yorkerinnen die Schlappen an. Alle hundert Meter findet solch ein spontaner Schuhverkauf statt, den ganzen Broadway hinab. Glücklicherweise muss ich die sechs Dollar nicht in Schuhe investieren, da ich nicht erst seit dem 11. September die Stadt mit Schuhen erobere, in denen ich auch bequem mehrere Stunden laufen kann!

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Dennoch freue ich mich, nach über zwei Stunden endlich unser Building zu erreichen, um mich dann im Stockdunkeln die Nottreppe in den 18. Stock hinaufzuschleppen. Oben angelangt, wird die Hoffnung auf ein wenig Erfrischung sogleich getrübt, da der Wasserhahn nur mehr ein paar einsame Tropfen hergibt und dann vollends seinen Dienst verweigert. Ich nehme das letzte kühle Bier aus dem Kühlschrank, tausche die völlig nassen Klamotten gegen trockene und die Sommerlatschen gegen Turnschuhe ein, schnappe mir eine Taschenlampe und Kerze und gehe wieder die 18 Stockwerke nach unten. Wieder auf der Straße begegnet uns ein Nachbar dem ich die Kerze im Glas samt Streichhölzern in die Hand drücke und der sie dankbar annimmt.

Anschließend machen Oliver und ich uns auf durch die allmählich dunkel werdenden Straßen zu unserem koreanischen Deli Jubilee Dort ein ungewohntes Bild: eine Schlange von gut zwei Dutzend Menschen wartet geduldig darauf paarweise eingelassen zu werden. Meine Wartezeit vertreibe ich mir mit einem vergnüglichen Plausch mit einem Asiaten, der für eineinhalb Jahre in Garching bei München gelebt hat und derart fließend Deutsch spricht, wie ich hoffe eines Tages Englisch sprechen zu können! Als Oliver und ich endlich an der Reihe sind, gibt es keine Batterien mehr, doch Wasser können wir so viel kaufen, wie wir tragen können. Wir entscheiden uns für vier Gallonen. Mit Taschenlampe und den vier Gallonen bestückt, hecheln wir diesmal weitaus weniger flott erneut die Stufen zum 18. Stock hinauf.

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Wieder in unserem Apartment angelangt, reiße ich alle Fenster auf, plündere den Kühlschrank und breite alles auf dem Couchtisch aus. Es ist ruhig da draußen. Nur hin und wieder macht sich eine Feuerwehrsirene bemerkbar oder heult ein Motorrad auf. Es hat was im Kerzenschein Wein zu trinken, Käse und Schinken zu naschen und sich Geschichten zu erzählen, wenn nur nicht das Wasserproblem wäre. Jede Idylle wird zerstört wenn die Grundbedürfnisse wie der Gang auf die Toilette zu einem Akt werden. In der Hoffnung, dass am nächsten Morgen “alles wieder gut” sein würde, legen wir uns schlafen. Heute einmal erhellt das Woolworth Building nicht unser Schlafzimmer und da natürlich die Klimaanlage nicht funktioniert und die Stadt ein wenig ruhiger geworden ist, schlafen wir bei offenem Fenster.

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Gegen acht Uhr morgens quäle ich mich schweißgebadet aus dem Bett, bereit unter die kühle Dusche zu springen! Doch wird aus diesem Wunsch nichts. Ein Anruf in der Lobby beim Doorman ergibt, dass es gegen 12 Uhr soweit sein könnte. Ungeduscht will ich nicht die zwei Stunden zu Fuß nach Midtown laufen, nur um dann vor vermutlich geschlossener Bürotüre zu stehen. Ein Anruf ergibt dann auch, dass viele Teile Midtowns, zumindest auch unser Office-Building noch auf Strom warten. Es wird Mittag. Es wird zwei. Und mittlerweile habe ich alle liegengebliebenen New York Times gelesen, meine Ablage erledigt, selbst die unangenehmen Dinge ordentlich organisiert und dann zur Aufheiterung das seit bald fünf Jahren fällige Fotoalbum unserer Hochzeitsreise erstellt. Mein Blick bleibt immer wieder an den Atlantikfotos hängen, selbst die Erinnerung an die Windstärke 10 erscheint auf einmal reizvoll. Immerhin hatten wir damals im Oktober Wasser – an Board der QE2 und auch um uns rum. Doch hier und jetzt werden unsere Gallonen bald knapp.

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Es ist fünf Uhr nachmittags und Zeit für einen Schluck Rotwein! Drei Flaschen haben wir noch… Wie lange noch wollen wir warten? Ich kann mich im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr riechen und Oliver muss es ähnlich gehen. Und so nehmen wir die Einladung seines Kollegen freudigst an, seine Dusche zu benutzen. Bill wohnt in SoHo und dort soll es schon seit Mittag wieder Strom und somit auch Wasser geben. Wasser! Schnell in irgendwelche Klamotten gesprungen, etwas Wimperntusche auf die Wimpern geklatscht, die 18 Stockwerke nach unten gekrochen und die 18 Blocks zu Bill marschiert. Die linke Seite des Broadways erstrahlt bereits im Lichterglanz, während die rechte, oder geographisch korrekt die östliche noch immer im Dunkeln liegt.

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Frisch geduscht und wieder ganz Mensch, ziehen wir mit Bill und Mike in ein französisches Restaurant um die Ecke. Dort wird meine gute Laune weiter aufgebaut und nach einem mitternächtlichen Anruf in unserem Building wieder vollends hergestellt: wir haben Strom UND Wasser und das bereits seit 8Uhr, das heißt “nur” 28 Stunden später! Glücklich strebe ich mit Oliver an meiner Hand der Park Row entgegen, lasse mich vom Fahrstuhl nach oben bringen, um schließlich mit einem kühlen Bier in der Hand auf’s Sofa zu fallen. Der Blick nach draußen offenbart eine Stadt, die aufgehört hat zu schlafen und wieder im vollen Glanz erstrahlt – New York City, die fantastischste Stadt der Welt!

Übrigens: Die Fotos von unterwegs sind mit meinem kleinen Palm Handheld, Zire 71 geknippst, da ich für gewöhnlich keine Kamera mit mir rumschleppe. Doch für die Momentaufnahmen habe ich ja nun den “Zire”. Die letzten drei Fotos sind mit unser üblichen Kamera aufgenommen. Es ist schwer, zu sehen, was nicht zu sehen ist, nämlich kein Licht in den Fenstern (und kein Wasser in den Leitungen…). Alle Fotos sind vom 14. August 2003.