Besuch – nicht nur vom Sommer

24. Woche 2003 von Elke

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Nach bald zwei Jahren wieder in der Stadt! Am 9. September 2001 ist sie nach mehrmonatigem Aufenthalt in New York wieder nach Deutschland geflogen und seitdem haben wir uns auch nicht mehr gesehen. Doch jetzt ist sie endlich wieder da: Natascha! Und weil’s zu zweit gleich nochmal so schön ist, hat sie Sascha mitgebracht…

Foto vom 4. Juli 2003 auf einem Rooftop in Brooklyn.

Interessantes gab’s heute auch bei mir im Job, durfte ich doch die erste Baby Shower meines Lebens miterleben, die noch dazu als “Surprise” geplant war. Bisher kannte ich diese Art eine werdende Mutter zu feiern nur aus Filmen oder Serien. ( Anmerkung: wenn in einer Serie plötzlich Babies auftauchen, dann ist dies ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Serie “definitely jumps the shark” = d.h. nicht viele weitere Folgen durchhalten wird…)

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Einer der Konferenzräume präsentierte sich auf einmal im zarten Babyrosa und “It’s a girl”-Sprüchen. Füer eine jede gab es das individuell bestellte Sandwich, sowie einen 16-inch Kuchen von Mrs. Fields der Lieblingsbaeckerei der New Yorker. (Meinen Geschmacksnerven verweigert sich der Suesskram jedoch.) Wie unschwer zu erahnen, war dies ein “girls only event” von dem sich meine männlichen Kollegen ganz schoen ausgeschlossen fühlten. Aber da müsst Ihr Männer durch…

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Den krönenden Abschluss einer sommersatten Woche bildete ein Tag am Meer. Ein Tag am Strand von Fire Island, wovon wir bereits des öfteren schwärmten. Fire Island ist noch immer wunderschön und als Geheimtipp jedem Manhattan-Sommerbesucher dringend ans Herz zu legen.

Künstliche und reale Welten

Dienstag, 13. Mai

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Abgesehen der für meine Green Card vorgeschriebenen Untersuchungen, hatte ich das amerikanischem Gesundheitssystem bisher nicht weiter kennengelernt. Doch komme ich nicht mehr umhin, einen Zahnarzt, gleich ob männlich oder weiblich, aufzusuchen. Glücklicherweise bietet mein Arbeitgeber in dem “bonus package”, d.h. Nebenleistungen, die in Deutschland immer als selbstverständlich hingenommen werden, eine zahnärztliche Versicherung an. Also gucke ich mir jemanden aus, der nicht nur in der Nähe meiner Wohnung praktiziert, sondern auch dem Netzwerk meiner Versicherung angeschlossen ist.

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Die Praxis hatte ich bereits vergangene Woche betreten, um mich zu vergewissern, dass es dort freundlich und nett zugeht zwecks Angstabbau! Und als ich dann am Dienstag zur Untersuchung dort auftauche, bin ich ganz ruhig und kann den erforderlichen Prozeduren gelassen entgegen sehen. Ja, ich habe sogar noch Ruhe und Zeit, ein paar Fotos mit meinem neuen kleinen Handheld zu nehmen (ein drei Wochen altes Highlight). Yep, mit einem Palm Handheld, der in seiner neuesten Version eine Kamera integriert hat. Alle Fotos auf dieser Seite sind diesmal mit dem Zire 17 erstellt. Natürlich taugt der Palm Zire 71 in erster Linie zur praktischen Datenorganisation, doch weist er noch andere nützliche Funktionen auf und ist ein absolut empfehlenswertes Gerät.

Donnerstag, 15.Mai

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Das echte Highlight der Woche ist aber weniger der Besuch bei meinem neuen, schicken, spanischen Zahnarzt Juan (kommen da nicht wilde Assoziatonen auf?!) sondern der eines Lichtspielhauses, sprich dem Loews an der 34th street. Vier Jahre hatten wir Zeit, uns mit der Frage What is the Matrix zu beschäftigen und heute sollte sie endlich weitergeführt werden, die Geschichte um The One, der erst in der Matrix so richtig aufblüht. Und natürlich Trinity, Morpheus und den unvermeidlichen Agent Smith, sowie viele neue Charaktäre wie beispielsweise Link, Zee oder Niobe.

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Bereits am 5. Mai hatte ich bei Fandango Karten für die Vorstellung am 15. Mai um 7:15pm online reserviert. Nach Arbeitsschluss begebe ich mit einem kleinen Umweg über einen Deli (Abendessen für Oliver und mich) gleich in die 34th street, Ecke 8th Avenue, fahre mit der Rolltreppe in den 2. Stock und staune nicht schlecht, über die etwa 100 Menschen, die bereits vor mir anstehen, um einen guten Platz zu erhaschen. Es ist gerade mal halb Sieben und wir werden eingelassen. Hurra! Ich hab ihn, meinen Lieblingsplatz, und als etwa eine Viertelstunde später auch Oliver eintrifft, geht’s auch bald los das Kinovergnügen: The Matrix Reloaded. Um niemandem etwas zu verraten, höre ich mit dem Berichten bereits wieder auf und rate Fans nur eins: nicht so viel drüber lesen, sondern ANSCHAUEN! Es lohnt sich…

Action im Bryant Park

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Endlich lacht auch in Manhattan die Sonne wieder, nachdem wir sie so fleißig nach Deutschland ausgeliehen haben. Und so begebe ich mich zu meiner Mittagspause, bzw. “lunch break”, in den Bryant Park. Nicht jedoch ohne vorher in einem Deli ein wenig gedünsteten Broccoli und Lachs eingeholt zu haben. In der New York Times hatte ich bereits davon gelesen, als ich ihn jedoch leibhaftig sehe, läuft ein kleiner Schauer der Begeisterung über meinen Rücken: ein rotbrauner Falke schwingt da majestätisch seine Flügel und lässt sich auf dem nächstgelegenen Baum nieder. Foto vom Falken. Hat er den Tauben ihren Aufenthalt im Park auch ordentlich verleidet? Denn das ist seine Hauptaufgabe! Aus verschiedensten Gründen darf den Tauben nicht der Gar ausgemacht werden, weshalb nach alternativen Methoden gesucht werden muss, ihrer Herr zu werden. Der herbeieilende Falkner passt auf, dass der Falke sich nicht ängstigt (echt wahr!) und er seiner Mission gerecht wird. Das Pilotprojekt läuft noch einige Wochen und falls es erfolgreich ist, werden in Manhattan wohl noch mehr Raubvögel zu sehen sein.

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Woher hat der Bryant Park seinen Namen? Nachdem ursprünglich auf dem Gelände des Parks George Washingtons Truppen gekämpft hatten, wurde 1853 darauf der Glaspalast zur ersten Weltausstellung erbaut, der jedoch 1858 komplett niederbrannte. 1884 schließlich wurde das Gebiet Bryant Park genannt. Damit wurde der Dichter, Redakteur und maßgeblicher Befürworter des Central Parks, William Cullen Bryant (1794-1878), geehrt.
Heute findet im Bryant Park unter anderem das HBO Sommer Festival, sprich Open Air Kino statt, zu dem sich Hunderte von Menschen einfinden. Und immer laden die gepflegte Grünfläche sowie die vielen Stühle und Tische zum lauschigen Verweilen

Hollywood in Downtown Manhattan

City Hall Park

9 Uhr morgens bis 16 Uhr nachmittags

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Blockbuster verwöhnt, hätten mir die Veränderungen längst auffallen müssen: ein Baugerüst am Woolworth Building, das eben noch für Coca Cola Vanille wirbt, erscheint plötzlich in dezentem grün. Vor Manhattans bestem Computerstore und unserem Eingangsportal machen sich besonders große Lastwagen breit. Die kleine, namenlose Gasse, die nach dem 11. September mit toten Ratten gepflastert und Müll zugeschüttet war, erstrahlt aufgeräumt und wie geschleckt…

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… als Oliver vom sonntäglichen Bagel-Kauf wiederkommt, fügt sich auf einmal alles zusammen: im City Hall Park wird gefilmt!
In freudiger Aufregung, schauen wir aus unserem 18. Stock hinunter in den Park samt Broadway und sehen sie, die typischen Filmrequisiten. Weiße, schwarz und Silberne Leinwände in Übergröße. Scheinwerfer, die den Flutlichtern auf Ground Zero Konkurrenz machen. Eine unmotiviert herumstehende Bahnhofsuhr. Ein goldenes Moped, beladen mit Pizzakartons für den Mega-Hunger. Kleiderständer, Mikrophone, Regiestühle mit Beschriftung, ein Schwenkkran mit Kamera, ein herausgeputzter Hotdogwagen inklusive geschniegeltem Verkäufer.

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The Amazing Spiderman (2004) wird hier gedreht. Schnell das Fernglas herausgekramt und gecheckt, ob er auch da ist, oder bloß sein Stuntdouble. Und ja, er ist’s, auch wenn sein best buddy leider fehlt…
Trotzdem werfen wir immer wieder einen Blick nach unten und beobachten, wie Tobey Maguire auf dem goldenen Moped sitzend, mit blauer Jacke, Jeans und dickrandiger Brille bestückt, zunächst auf die mittlerweile etwas motiviertere Standuhr blickt, sich dann einen roten Helm aufsetzt und eine kleine Runde dreht. Die kleine Runde dreht er mindestens ein Dutzend mal, bevor sich Sam Raimi zufrieden gibt. Weniger zufrieden blickt eine junge Brünette drein, die sich auf Tobey’s Stuhl langweilt. “Hey, that’s Spider-Man!”
Am späteren Nachmittag rauscht die Hauptcrew wieder ab und die Second Unit rückt an, um von der Beeckman Street aus die namenlose Gasse zu filmen, in der sich hübsch aufgereiht, echter Filmmüll in schon längst nicht mehr existierenden Blechmülltonnen türmt. Für die kommenden Tage ist unser Building mit der an die Beekman Street angrenzenden Pace University* mit kräftigen Drahtseilen verbunden, an denenen eine flexible Kamera aufgehängt, wilde Kamerafahrten filmt. In diese Aufnahmen wird wohl später Spiderman, sein Gegenspieler oder wer oder was auch immer digital eingefügt. Auf den fertigen Film sind Oliver und ich schon jetzt mächtig gespannt…

  • Im zweiten Bild von unten, das zimtfarbene, verzierte Gebäude. Im Hintergrund das Municipal Building.

Odyssee Green Card- letztes Kapitel!

30. Januar 2003 von Elke

“Do you swear to say the truth and nothing but the truth?” fühle ich mich nahezu ein wenig überrumpelt und antworte wahrheitsgemäß mit “Yes!” und darf mich setzen. In dem kleinen Büro, in das gerade einmal vier Stühle samt Schreibtisch sowie ein Aktenschrank passen, nahmen auch mein Anwalt und Oliver Platz. Mir gegenüber saß Mr. Francisco, der INS-Officer, der über mein weiteres Bleiben in den Vereinigten Staaten von Amerika befinden durfte. Dieselben Beamten der Immigrationsbehörde (INS), die am Flughafen alle Neuankömmlinge über ihre Absichten befragen, dürfen als “job enrichment” (= Bonus) auch immer mal wieder Dienst im riesigen INS-Gebäude am Broadway tun und BewerberInnen für die Greencard interviewen.

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Dort am Seiteneingang in der Worth Street, müssen alle Besucher die Metalldetektoren durchwandern und dürfen erst dann passieren, wenn diese grünes Licht geben. Im 8. Stock angelangt, begrüßt mich der am Eingang des Warteraums positionierte Beamte mit einem “good luck” und ich geselle mich zu etwa 200 Menschen, die hier bereits um 8 Uhr morgens versammelt sind. Doch wo bleibt mein Anwalt? Der da drüben? Nee, der gefällt mir nicht! Ich kenne meinen INS-Anwalt nämlich gar nicht, da mein eigentlicher Anwalt sowohl den weiten Weg von der Upper East Side nach Downtown scheut als auch sein schnuckeliges Büro nicht gegen Beamtenmuff einzutauschen gewillt ist. Der da? Oh nein, bitte einen, der ein bisschen mehr her macht! “Elke”? “Yes”? “Stay in line and wait!” – Aha, das wird also Mr. Bernstein sein, der sich erst mal gar nicht weiter um mich kümmert, sondern eifrigst mit seinen Kollegen fachsimpelt. Also warte ich, bis ich vorne am Schalter an der Reihe bin, um zu unteschreiben und meine Unterschrift mit einem Fingerabdruck zu besiegeln. Einen Abdruck aller zehn Finger musste ich bereits im November 2002 über mich ergehen lassen. Auch durfte ich nicht zu meinem heutigen Termin erscheinen, ohne zuvor bei einem vom INS genehmigten Arzt gewesen zu sein. Deshalb verbrachte ich einen Samstagvormittag im Januar damit, mich röntgen, gegen diverse Immunschwächekrankheiten untersuchen und gegen allerhand abwendbare Krankheiten impfen zu lassen.

Der Anwalt weist mich daraufhin, dass wir hier heute gut und gerne den gesamten Tag zubringen könnten und fängt an Shakespeare’s “King Lear” zu lesen. Nach einer Weile fragt er mich, ob gebildete Deutsche Schwierigkeiten beim Lesen von Goethe, Schiller, Schopenhauer hätten. Ich verneine, und ehe ich noch die Gelegenheit habe, das weiter auszuführen, höre ich, wie mein Name aufgerufen wird und Hoffnung macht sich breit, vielleicht doch gegen Mittag die wenig gastliche Stätte verlassen zu können. Die deutsche Frau mir gegenüber wünscht uns noch viel Glück und beim Betreten des Büros von Mr. Francisco nickt mir der Anwalt zu, soll heißen: alles wird gut.

Ab jetzt laufen die Ermittlungen des FBI und nur wenn diese wunschgemäß negativ verlaufen, gibt es abschließend den heißersehnten Stempel in den Reisepass. Die eigentliche Karte, die so grün gar nicht ist, wird von einer extra Behörde ausgestellt, und per Post etwa 4 bis 6 Monate nach dem Interview zugestellt. Hoffentlich klappt das diesmal mit der Adressänderung besser. Mein Anwalt hatte sich ja auch köstlich amüsiert, dass ich quasi einen Steinwurf von der Einwanderungsbehörde hingezogen bin. Dass dies gerade mal sieben Tage vor New Yorks größter Tragödie passiert war, verschweige ich ihm. Überhaupt wurde ich von eben jenem geschwätzigen Juristen gebrieft nur auf genau die mir gestellten Fragen mit “Ja” oder “Nein” zu antworten. Vielleicht auch mit einem bisschen mehr, sofern es die Situation erforderte, doch sollte ich meinen Rededrang heute zügeln, Und um das liebste Anti-Sprichwort eines alten Freundes zu bemühen: “Ein Bild sagt mehr als Tausend Worte”, (‚Anti’ deshalb, weil es eben nicht stimmt. Mit wohlgewählten Worten lässt sich durchaus gleichfalls eine bildliche Dichte erreichen!) sollte ich laut meines Anwalts die mitgebrachten Fotoalben auf den Schreibtisch des Officers legen.

Interessiert blätterte der grauhaarige Mitfünfziger mein kleines Reise-Fotoalbum durch. Mein edles, großes habe ich Zuhause gelassen. Fertig mit den Hochzeitsfotos, macht er sich an das große Album mit den Fotos aus den letzten zehn Jahren – eine bunte Mischung. Schließlich entscheidet sich der hoffentlich gütige Herr für ein Foto aus dem Standesamt: Oliver und ich unterschreiben die Hochzeitsurkunde. Er nimmt das Foto und legt es sorgsam zu den anderen Akten. Dann, völlig unvermittelt und so ganz unzeremoniell öffnet er seine Schreibtischschublade, bringt ein Stempelkissen mit Stempel zu Tage, holt meinen Reisepass aus den vielen Unterlagen hervor, schlägt ihn auf einer freien Seite auf, tunkt den Stempel ein und drückt ihn auf die freie Stelle. Da steht nun rot auf grün: “Processed for I-551. Temporary evidence of lawful admission for permanent residence valid until XXXX employment authorized.” Woohoo – das wars! Der Spuk ist vorbei und ich habe meinen Stempel und das ach so wichtige Kärtchen wird mir in den nächsten Monaten zugeschickt werden…

Ein bisschen weniger Hollywood als im Film “Green Card” ist’s bei mir zugegangen, doch aufregend genug war es auch, bis ich alle notwendigen Papiere, Belege und Beweise zusammen hatte und natürlich bis der ersehnte Termin Zustande kam. Jetzt aber endlich kann ich’s mit “Sting” ein wenig abgewandelt halten: “I’m an alien, I’m a legal alien, I am a German girl in New York”! And I LOVE it!

Die Stadt, in der die Hilfsbereitschaft niemals schläft

11.9.2002, von Elke

Kaum habe ich die Bar betreten, da umarmt mich Clyde und freut sich riesig, Oliver und mich wohlauf zu sehen. Als Wirt unserer Stammkneipe wusste Clyde, dass mein Mann Oliver und ich vor gerade mal neun Tagen in die unmittelbare Nähe des World Trade Centers gezogen sind. Nur einen Block entfernt. Und was macht ein echter Wirt an solch einem irrsinnigen Tag wie dem 11. September? Er öffnet seine Bar und stellt seinen Gästen Freidrinks auf den Tresen. „Holy Shit, das ist das Wenigste, was ich für meine Gäste tun kann!“.

Denn Clyde Rennies Erwachen an diesem Tag verlief anders als sonst. Zwar schaltete er aus Gewohnheit den TV ein, doch rieb er sich sogleich die von der Spätschicht noch müden Augen: bei dem, was er sah, konnte es sich nur um den neuesten Emmerich oder Cameron handeln. Godzilla und King Kong machen gemeinsame Sache und New York City dem Erdboden gleich. Ohne den ersten Schluck Kaffee interessierte sich Clyde nicht sonderlich für Hollywoods neueste Phantasiegeschichten und zappte durch die anderen Programme. Er versuchte es zumindest, doch blieben die anderen Kanäle dunkel und lediglich Channel 2 sendete Bilder vom brennenden World Trade Center. Dass die anderen Kanäle fehlten, musste mit der Antenne zu tun haben, die sich auf dem Nordturm des World Trade Centers befand. Clyde wusste, dass etwas Schreckliches passiert sein musste und er nicht untätig zu Hause rumsitzen konnte. Also sprang er unter die Dusche und in seine Klamotten und machte sich auf den Weg. In der Broome Street angekommen, nicht weit vom Financial District entfernt, öffnete er seine eigentlich bis 17 Uhr geschlossene Bar bereits um elf Uhr morgens. Und von diesem Moment an strömten Menschen unaufhaltsam in das gemütliche Lokal: sie haben Durst, brauchen eine Toilette, wollen telefonieren, suchen nach Information oder einfach nur nach Gesellschaft. Auch wenn die „Lolita Bar“, die Clyde gemeinsam mit Geschäftspartnerin Katie betreibt am 11. September nicht derart stark frequentiert wurde, wie die vielen Lokale in Midtown, so herrschte auch hier ein aufgeregtes, fassungsloses Kommen und Gehen von älteren und jüngeren Menschen verschiedenster Herkunft. Ganz New York ist nach den Tagen des Unglücks ein gutes Stück näher zusammengerückt.

Einen halben Tag früher bevölkern mit mir zusammen Tausende von Menschen die Straßen von Lower Manhattan, anstatt im Büro zu sitzen und die ersten E-Mails zu beantworten. Für gewöhnlich preisen die Fischhändler in der South Street ihre auf Eis gelegten Muscheln, Schwertfische und Seebarben an, doch an diesem Tag händigen sie Wasserflaschen und feuchte Tücher an die vielen vorüberziehenden Menschen aus. Die Fischhändler geben sich alle Mühe, so was wie Zuversicht auszustrahlen und den Fliehenden zu helfen, die von Asche und Schutt beschmutzt nahe des East River, fernab der hohen Wolkenkratzer Schutz suchen. Ob jemand von ihnen bemerkte, dass es nicht nach Fisch, sondern nach Staub roch? Und wie riecht eigentlich Bauschutt? Der Geruch widersetzt sich jeglicher Beschreibung, da in Krisensituationen das Gehirn den Sinnen befiehlt, alle unnötigen Informationen auszufiltern und Energien für Wichtigeres parat zu halten.

Ich nehme keinen Fischgeruch war und rieche absolut nichts, als ich inmitten der vielen verstörten Menschen auf der mittlerweile für den Verkehr gesperrten South Street vorwärts eile. Über uns ist der „Elevated Highway“ des F.D.R. Drive nur mehr für Polizei- und Rettungsfahrzeuge freigegeben.

Obwohl mich eine innere Stimme weiter drängt, bleibt Oliver auf Höhe der Brooklyn Bridge plötzlich stehen, und schaut zurück. Auch ich drehe mich um. Vom Lower Manhattan dominierenden World Trade Center kann ich nur den immer großflächiger brennenden Nordturm erkennen. Links daneben verdeckt eine fette, milchigweiße Wolke, den Südturm und nimmt ihn vollständig für sich ein. Ich weiß nicht, was die Riesenwolke zu bedeuten hat. Auch kann ich zu dem Zeitpunkt gar nicht wissen, dass der Süd-Tower bereits eingestürzt ist und sich in der korpulenten Wolke seine pulverisierten Überreste befinden.

Alles und jeder wurde von gewaltigen Kräften zermahlen: Glühbirnen, Laserdrucker, Kopiergeräte, Schreibtische, Kühlschränke und auch Menschen. Über 100.000 Menschen halten sich für gewöhnlich pro Tag auf dem Gelände des World Trade Centers auf. Frauen und Männer aus New York, New Jersey sowie vielen anderen Städten und Staaten, die in den Bürotürmen arbeiten. Geschäftsleute und Touristen, die im „Windows on the World“ im 104. Stock Aussicht und Menü genießen. Menschen, die in den World Financial Centern shoppen oder sich im Wintergarten bei einem Snack von den Strapazen des Alltags erholen.

Plötzlich muss ich daran denken, wie mir im Kino damals die Augen überquollen und die Tränen unaufhaltsam strömten, als es hieß “und dies war das letzte Mal, dass die Titanic Tageslicht sah”, doch blieben meine Augen jetzt trocken – von Staub und Schmutz geradezu ausgetrocknet. Woher sollte ich auch wissen, dass ich das World Trade Center soeben zum letzten Mal in Natura gesehen habe? Es bleibt keine Zeit, so lange zu verweilen, bis sich die Wolke am Südturm lichten könnte, da diese innere Stimme, der Wille zum Überleben, zum Weiterziehen aufruft.

Am 2. September 2001 erst haben Oliver und ich unser frisch renoviertes Apartment mit Blick auf das World Trade Center bezogen. Fünf Tage danach feierten wir mit unseren New Yorker Freunden eine lebenslustige Party und nur weitere vier Tage später flüchten wir aus unserem Paradies. Wir schätzen uns glücklich, unsere bisherige Studentenbude in der Lower East Side noch bis zum Ende des Monats gemietet zu haben und genau dorthin wollen wir, um Unterschlupf zu finden.

Eine Dreiviertelstunde vorher hielt ich mich noch unter dem schweren Mahagonischreibtisch in Olivers Büro verkrochen, weil das Gebäude in der 44 Wall plötzlich durchgeschüttelt wurde. Erst Stunden später würde ich erfahren, dass die Erschütterung vom einstürzenden Südturm verursacht worden war. Um zu wissen, was denn eigentlich los ist, muss ich aber den vermeintlich sicheren Platz verlassen und aus dem geschlossenen Fenster schauen: draußen ist es neblig grau und es sieht so aus, als ob die gesamte Straße brennen würde. Doch ich will nur eines, ich will hier raus! Das dachten sich auch die vielen Menschen, die im World Trade Center arbeiteten. Und unter denjenigen, die es geschafft haben, dem Inferno zu entkommen, befinden sich nicht wenige, die auch neun Monate später die Subway meiden und stattdessen Manhattan nur mehr per Bus durchqueren. Dass sie das aber noch immer tun können, verdanken sie ihrem Instinkt, dem “ich will hier raus!”. Nicht alle, die im Südturm arbeiteten, rannten zu den Fenstern und starrten fassungslos auf die Geschehnisse des Nordturms oder ließen sich von Abteilungsleitern wie brave Schafe zurück an die Arbeitsplätze scheuchen. Viele waren ziemlich bockig und nahmen ihr Schicksal selbst in die Hand und haben sich dadurch gerettet.

Wo einen Tag zuvor noch Chaos und Verderben herrschte, dominiert am 12. September die Stille: der südliche Teil von Manhattan ist wie ausgestorben. Kein Motor heult am Washington Square, kein Auto quält sich durch die Straßen, keine Studenten plappern munter, selbst die sonst fröhlich zirpenden Amseln halten ihren Schnabel. In dieser Idylle wohnt Doris Lambertz in einem Apartment eines alten Brownstone Hauses. Auch wenn wir mittlerweile gute Freundinnen sind, so waren wir am 11. September bloß flüchtige Bekannte und trotzdem wollte Doris etwas tun. So bot sie mir und Oliver eine Unterkunft bei sich an. Also verbrachten Oliver und ich die Nacht vom 11. auf den 12. September zwar in unbekannter, doch uns wohlgesinnter Umgebung. Am nächsten Morgen erfahre ich aus den TV-Nachrichten, dass sehr viele Gebäude rund um das World Trade Center gleichfalls zusammengestürzt oder zumindest schwer beschädigt sind. Doch hoffe ich, dass mein um 1890 gebautes Büro- und Apartmentgebäude noch steht, das sich lediglich einen Block von der Katastrophe entfernt befindet. Das Fernsehen zeigt Bilder, die wenig erkennen lassen. Die Südspitze Manhattans versinkt unter einer alles verdeckenden, monströsen schwarz-grauen Wolke aus Rauch, die entsetzlich stinkt, doch ist Geruchs-TV noch nicht erfunden.

Da sie noch immer mehr tun will, als nur Oliver und mir ein vorübergehendes Zuhause zu bieten, bricht Doris am Morgen des 12. September zeitig auf. Mit „Ich gehe Blut spenden“ entschwindet sie in ein nahegelegenes Krankenhaus. Dass überhaupt keine Blutkonserven benötigt werden, weiß sie genauso wenig, wie die vielen Krankenstationen die sich für Hunderte von Verletzten rüsten. Doch gab es keine Verletzten. In dieser Katastrophe ging es ausschließlich um Leben oder Tod. Dazwischen gab es nichts! Ohne über TV oder Internet weitere Informationen zum neuesten Stand der Dinge erhalten zu haben, verlasse ich gemeinsam mit Oliver die herbstliche Ruhe am Washington Square. An vielen Stellen sind Wachposten positioniert und die Nationalgarde macht ihrem Ruf alle Ehre und schützt Lower Manhattan vor seinen Bewohnern und die Bewohner vor Situationen, auf die sie nicht gefasst sind. Gleichgültig wie schwer die Gründe eines jeden Einzelnen wiegen mögen, es gibt kein Durchkommen, dafür aber was anderes: „Can I get you something? Coffee, Soda, Bagels, something else?“ ruft eine Mit-Vierzigerin aus ihrem dicken Geländewagen den Polizisten und Soldaten zu. Und sie ist nicht die einzige, die für die Diensthabenden etwas tun möchte. Die Anonymität der Großstadt hat einer großflächigen Hilfsbereitschaft Platz gemacht.

Nach einigen Stunden in denen Oliver und ich mehrfach von West nach Ost und umgekehrt gelaufen sind, schaffe ich es schließlich zwei Polizisten in der Lower East Side mittels einer an mich gerichteten Postkarte und Olivers amerikanischen Pass davon zu überzeugen, dass sie uns zu unserer vorherigen Bleibe in der Orchard Street lassen. Unser eigentliches Ziel ist es aber, zu unserer zwölf Blocks weiter südlich liegenden neuen Wohnung zu gelangen, um uns mit frischen Klamotten, Waschzeug, Kosmetika sowie anderen persönlichen Dingen zu versorgen.

Einige „You can’t get through” und noch mehr Meilen später, hilft uns Sergeant „Wunder“ weiter. Und einem Wunder kommt es auch gleich, dass wir endlich unter Geleitschutz zweier drahtiger Streifenpolizisten zum Eingang unseres Gebäudes eskortiert werden, das wir einen Tag zuvor gegen 9:15 Uhr morgens im Eiltempo verlassen hatten.

Vergleiche drängen sich mir auf und mir ist, als befinde ich mich am Morgen des 11. September abwechselnd in einem Hollywood-Thriller oder in einer Zeitmaschine mit Ziel Dresden Frühjahr 1945! Doch gibt es kein Entrinnen aus dem Horrorszenario, keinen Knopf, um den Film auszuschalten, keinen Hebel, um die Maschine zu stoppen. Zwar nur Komparsin, muss ich mitspielen und das Beste aus der Situation machen. Die parallel zum Broadway verlaufende Nassau Street ist mit Papier gepflastert. Überall liegen Schriftstücke herum, die aus dem World Trade Center herausgeschleudert wurden. Gedankenverloren hebt Oliver eines der Blätter auf und steckt es in die Tasche seines Laptops, um es einen Monat später wieder herauszukramen. Die Balkendiagramme auf dem absurderweise fast druckfrisch wirkenden Papier waren vermutlich von einem Mitarbeiter einer der beiden großen Versicherungsmakler, die sich im World Trade Center befanden, errechnet worden. Hatte es der Verfasser und ursprüngliche Besitzer dieses Excel-Sheets geschafft, dem Inferno zu entfliehen? Ist er aus einem der Tower gesprungen, um nicht bei lebendigen Leib zu verbrennen? Das Stück Papier schweigt beharrlich und gibt die Geschichte seines Schöpfers nicht preis.

Doch schon am Nachmittag des 12. September stehe ich endlich vor meinem neuen Zuhause und werde überschwänglich von unserem Doorman begrüßt, der einen schlichten Atemschutz aus Zellstoff trägt.

Roop Bhoodai freut sich riesig, Oliver und mich zu sehen. Über drei Stunden hat er gebraucht, um an seinen Arbeitsplatz zu gelangen, wozu er sonst gerade mal dreißig Minuten benötigt. Doch Pflichtbewusstsein und Hilfsbereitschaft gingen ihm, wie vielen anderen seiner Mitmenschen dieser Tage über die persönlichen Bedürfnisse. Wie selbstverständlich war Roop morgens aufgebrochen, um seinen Kollegen Nic Reeger abzulösen. Nic hatte das Gebäude nicht verlassen, das vom World Trade Center lediglich durch die kleine Saint Paul’s Kapelle getrennt ist. Er fühlte sich für das Haus, sein Building, verantwortlich und durchpflügte jedes einzelne der 24 Stockwerke, klingelte und klopfte an alle 200 Türen und vergewisserte sich, dass alle Bewohner evakuiert waren. Nur er blieb und wartete bis sein Kollege kam.

Der südamerikanische Cop sperrt die Türe zu unserem Apartment auf und vergewissert sich mit seinem Kollegen, dass wir nicht mit einer unliebsamen Überraschung konfrontiert würden. Nach diesem Sicherheitsscheck, durften auch wir in unsere Wohnung, die sich genauso präsentierte, wie wir sie verlassen hatten. Der blonde Polizist postiert sich am Fenster, während der dunkelhaarige seinen Lunch verzehrt. Unser Apartment sieht gut aus und es ist lediglich ein wenig Staub durch eines der Fenster gedrungen, der das Sofa sowie einen Teil des Fußbodens überzogen hat. Was das bisschen Staub wirklich ist, welche Substanzen der graue World Trade Center Puder enthalten würde, kann ich zunächst nur erahnen. Die Polizisten waren über den kurzen Moment der Ruhe froh und verschafften sich von unserem 18. Stock aus, einen Überblick über das darunter liegende Chaos.

Wie jedes Jahr im September beginnt um diese Zeit das neue Semester an den vielen New Yorker Universitäten und Tausende junger Menschen warten darauf, ihrer angestrebten Karriere ein Stück näher zu kommen. Da viele seiner Kollegen außerhalb von New York festsitzen und New York nicht erreichen können, muss schließlich Tom Taylor mehrere Einführungsvorlesungen halten. Am Freitag, den 14. September 2001 steht er vor vielen jungen, fragenden, verängstigten Gesichtern und muss das Erklären, was keiner erklären kann. Als Professor für Psychologie kommt er nicht umhin, zu den Geschehnissen des 11. September Stellung zu nehmen.

Während die einen jungen Menschen in Vorlesungen sitzen, versammeln sich andere an markanten Plätzen und halten Mahnwachen ab. Der Union Square an der Grenze zum abgesperrten Gebiet wurde ebenso wie der Washington Square kurzerhand zur Gedenkstätte erklärt. Der Fußballfeld große Union Square war übersät mit Schnittblumen, Friedhofskerzen, Gedichten, amerikanischen Flaggen, Suchmeldungen, Vermisstenportraits sowie Opfergaben und Erinnerungsstücken. Auf dem Platz, an dem sonst Mütter ihre Kinderwägen vorwärts schieben, an dem drei Mal die Woche die Farmer von außerhalb Markt abhalten und wo Hundebesitzer ihre Lieblinge innerhalb einer Abzäunung frei laufen lassen können, auf diesem Platz war auf einmal alles anders. Auf Filmrollen und Speicherkarten festgehalten, fand sich die Szenerie ein paar Wochen später auf schaurig-schönen Postkarten wieder, die ein wenig an die 68er Studentenbewegung erinnerten.

Für gewöhnlich sagt man den New Yorkern eine gewisse Ruppigkeit im Umgang miteinander nach. Alle sind so beschäftigt und kaum jemand hat Zeit für den anderen. Manhattan verlangt es seinen Bewohnern ab, dass sie immer vorwärts streben und nicht nachlassen. Und obwohl gerade New York wegen seiner Anonymität von vielen geschätzt wird, so sind seine Bewohner in den Tagen nach dem 11. September 2001 für einige Zeit zusammengewachsen. Es war fast so, als ob jeder einen jeden kannte und jeder sprach mit jedem oder hätte es einfach tun können. Klar ist auch, dass so ein Zustand in einer 8 Millionen-Stadt nicht andauern kann, weshalb dieses Zusammenhaltsgefühl auch bald wieder dem geschäftigen Treiben gewichen ist.

Möglicherweise war jedoch gerade hier die Hilfsbereitschaft größer als an den meisten anderen Orten dieser Welt, oder wie es Clyde auf den Punkt bringt: „New Yorkers are rude, because that’s such a busy town, which makes you go. But if someone really needs help, people help.” New York treibt mit seiner Geschäftigkeit einen jeden an, doch wenn jemand wirklich Hilfe braucht, ist ein jeder bereit zu helfen und etwas zu tun!

Schließlich können wir am 20. September nach elf Tagen der Vertreibung wieder zurück in unser Apartment. Die Untersuchungen hinsichtlich Luftqualität und Gebäudestabilität haben ergeben, dass wir wieder einziehen können. Also mache ich mich Richtung Downtown auf, um wieder “Zuhause” zu wohnen. Ich schleppe die schwere Tasche die vielen Stufen der Station “Brooklyn Bridge” nach oben, wo es mir fast den Atem raubt. Diese nach Verbranntem stinkende Luft wurde als gesundheitlich unbedenklich deklariert? Doch das Schlimmste ist gar nicht einmal so sehr das, was man riecht, sondern die Partikel, die sich dem Geruchssinn verschließen, denn Asbest, Quecksilber, Metalle und andere pulverisierte Teile kann man nicht riechen, sehr wohl aber einatmen. Und die Staubteilchen, die den Fußboden meines Apartments überziehen, stammen vom World Trade Center, das nicht mehr existiert. Von Wahnsinnigen zerstört und über 3000 Unschuldige aus ihrem Leben gerissen und getötet. Ich aber darf mich glücklich schätzen, zu leben und die Tragödie nicht nur überstanden, sondern auch miterlebt zu haben. Auch wenn seit dem Terroranschlag neun Monate vergangen sind, vergeht kein Tag, an dem ich nicht mehrfach an den Tag erinnert werde, der nicht nur mein Sicherheitsdenken für immer ins Wanken gebracht hat. Zwar gilt noch immer, dass die Zeit alle Wunden heilt, doch für uns in Downtown New York ist das vom ehemaligen Bürgermeister Giuliani beschworene „back to normal“ noch immer nicht Realität. Wenn ich aus meinem Fenster schaue, werde ich nie wieder die stolzen World Trade Center Türme sehen. Zwar sind die abgebrannten Stümpfe und rauchenden Überreste einem seit kurzem sauber aufgeräumten Baugrund gewichen, doch wird es ein „normal“, so wie wir es kannten, nie mehr geben. Und trotzdem gilt für Menschen wie Clyde Rennie oder mich noch immer: „New York City is where I am happy and this is where I want to live“. Auch trinke ich ein Glas Whiskey am Liebsten in Clyde und Katie’s „Lolita Bar“ und ungebrochen ist meine Liebe zur Stadt New York und seinen Menschen trotz alledem: I love NY more than ever!

Listening to the City

Ein Tag des Zuhörens und Gehörtwerdens im Javits Center am 20. Juli 2002

31. Juli 2002, von Elke

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In der Subway morgens um 8 Uhr sitzt mir eine Frau gegenüber und strickt. Sie steigt wie Oliver und ich an der Penn Station aus und marschiert mit energischen Schritten in die Richtung, in der die Avenues höhere Zahlen tragen: 8th, 9th, 10th und schließlich die 11th Avenue. Zu dieser frühen Stunde ist das Ziel klar! Wir treffen uns im “Jacob Javits Center” wieder, um mit weiteren rund 4.500 Menschen die Stimme der Stadt zu bilden. Trotz notwendiger Vorab-Registrierung lässt der Menschenauflauf nichts Gutes erwarten, doch sind meine Sorgen schnell vorbei, als ich innerhalb weniger Minuten im Kongresssaal stehe und in die Ausstattung bewundere. Gut 100 runde Tische wurden hier für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer hergerichtet, übersichtlich in Farb- und Nummerncodes unterteilt, um sich leichter zurecht zufinden. Während Oliver an einem blauen Tisch Platz nimmt, stelle ich mich an dem mir zugeteilten weißen Tisch Nummer 65 vor und werde sogleich von Bob begrüßt. Bob ist extra aus Kentucky angereist, um diesem Mega-Event beizuwohnen. Doch nicht als Teilnehmer, sondern als sogenannter Facilitator. So wie überhaupt jeder Bundesstaat der USA freiwillige “Facilitator”, so eine Art “Diskussionsleiter” – für jeden Tisch einen – entsannt hat. Foto: Logo von Listening to the City

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Nach einem kleinen Frühstück geht’s auch schon los mit den ersten Begrüßungsreden. Wer dem nicht lauschen will, schmökert derweil in der eigenen mit Informationen prall gefüllten Teilnehmermappe oder sieht sich in dem inspirierend geschmückten Raum ein wenig um. Die Initiatoren haben sich durchaus etwas einfallen lassen und das Multimedia-Zeitalter am 20. Juli 2002 im Jacob Javits Center Einzug halten lassen. Auf jedem Tisch steht ein vernetzter Laptop und für jeden einzelnen Teilnehmer gibt es ein drahtloses Gerät zur Stimmabgabe. Schließlich erklärt uns Carolyn Lukensmeyer, die Präsidentin und Gründerin von America Speaks, was es mit der ganzen Elektronik auf sich hat. Wenn wir in unserer kleinen Gruppe diskutieren, dann sollen die Gedanken schriftlich, im Laptop festgehalten und gleichzeitig verschickt werden. Die verschickten Beiträge werdenn dann wiederum von einer unabhängigen Gruppe von Freiwilligen ausgewertet und zu allgemeineren Aussagen zusammengefasst. Diese Aussagen schließlich bilden die Grundlage zur individuellen Stimmabgabe. Foto: Kameramann im Hintergrund sowie TeilnehmerInnen

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Ich finde es faszinierend, mich mit etwa gleichviel Frauen und Männern unterschiedlichster Hautfarbe und Herkunft mich auszutauschen. Damit dies überhaupt über alle Sprach- und sonstigen Grenzen hinweg möglich ist, gibt es Simultan-Dolmetscher für spanisch und chinesisch sowie Dolmetscher für die amerikanische Taubstummensprache. Um die tollen Multimedia-Geräte gleich mal zu testen, werden unsere demographischen Daten erfragt und die ergeben, dass die Teilnehmenden wohl auch den offiziellen statistischen Durchschnittsdaten hinsichtlich Geschlecht, Alter, Einkommen, Herkunft und Verteilung innerhalb des Tri-States (New York, Connecticut und New Jersey) entsprechen. Foto: Bob, Yukako und Allon

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Ziel der heutigen Veranstaltung ist es, Meinungen zu den sechs Plänen öffentlich zu machen, Gedanken für ein würdiges “Memorial” zu sammeln sowie Ideen zum Wiederaufbau einer lebendigen Downtown-Gemeinde zu diskutieren. Nach und nach werden uns die sechs Pläne von Frank Lombardi, dem Chief Engineer der Port Authority von New York und New Jersey vorgestellt. Die Port Authority (PANYNJ) hat gemeinsam mit der Lower Manhattan Development Corporation (LMDC) letztendlich das Sagen über das, was auf dem Gelände des ehemaligen World Trade Center passieren wird. Foto: Carolyn Lukensmeyer auf der Großbildleinwand

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Am Ende des diskussionsreichen Tages sind sich alle einig, dass noch viel nachgedacht werden muss, bevor mit dem Bau von was-auch-immer angefangen werden kann. Doch der Anfang wurde gemacht und die Für und Wieder der einzelnen Elemente eines jeden aus dem Architekturbüro von Beyer, Blinder und Belle kreierten Plans erörtert. So war die überwiegende Mehrheit dafür, den Standort der der World Trade Center Türme unangetastet zu lassen und bestenfalls dadrauf das Memorial zu errichten. Anderen sind es zu viele Bürogebäude, wobei sich die Frage stellt, ob das Joe und Jennifer überhaupt beurteilen können. Einig jedoch sind sich alle, dass die vorgestellte Architektur schlichtweg langweilig ist und nicht das ersetzt, was wir verloren haben. Hoffen wir, dass die Verantwortlichen gut zugehört haben und visionäre Kreativität beweisen. – Die Ergebnisse der Veranstaltung gibt’s hier zum Nachlesen. Foto: Am Ende eines ereignisreichen Tages

A Walk in the Park

12. Juni 2002, von Elke

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Gewiss! Den Central Park kennt ein jeder und sein Besuch gehört bei einem New York Aufenthalt einfach dazu. Bekannt aus unzähligen in New York spielenden Filmen, berüchtigt für seine des Nachts hohen Verbrechensraten, beliebt bei allen Skatern und Bikern, begrüßt von Upper West Side Nannies, belagert von vielen Sonnenhungrigen – der Süden des Central Park ist angesagt wie eh und je! Doch wie sieht es mit dem Norden aus? Foto: Sheep Meadow mit Skyline

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Um in den Norden der grünen Lunge Manhattans zu gelangen, muss man nicht stundenlange Wanderungen auf sich nehmen, sondern kann bequem mit einem der Express-Züge nach Uptown fahren. Beispielsweise mit der Express-Subway 4 oder 5 in die 86. Straße, dort in den Local Nummer 6 umsteigen und schließlich an der 110. Straße aussteigen. Tipp: Unser Subway Guide! Foto: Das Harlem Meer

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Keine Angst! Auch wenn es sich bei der bereits dreistellig nummeriereten Straße um den Stadtteil Harlem handelt, haben die Bewohner dort durchaus schon den ein oder anderen Touristen gesehen, und gehen lieber ihren eigenen Dingen nach, als andere zu belästigen! Beispielsweise kann man in einem Spiritousengeschäft, Liquor Store, auf der Madison Avenue noch den zum Picknick fehlenden Wein erwerben und dann den Weg in Richtung Park fortsetzen. Bei dem Liquor Shop nicht wundern, dass der komplett hinter Panzerglas ist! Das sind sie unter anderem auch in der Lower East Side – eine Vorsichtsmaßnahme gegenüber Mitmenschen, die allzu dringend Nachschub oder Geld brauchen. Foto: Rustikale Brücke auf der Wildblumenwiese

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An der nördlichen Ost-Seite des Parks befindet sich ein künstlich angelegter See, der sein Wasser aus dem Reservoir bezieht, das die Mitte des Central Parks dominiert. Benannt nach dem dänischen Wort für “small sea”, bietet das Harlem Meer trotz seiner ehemaligen Künstlichkeit eine beliebte Heimat für verschiedenste Vogelarten. An seinem Ufer liegt auch das Informationszentrum, das Charles A. Dana Discovery Center, von wo aus interessante, kostenlose Touren starten. Übrigens: nicht nur Enten, Kraniche und Singvögel haben ihre Freude an dem Gewässer, sondern auch diverse Fischarten, die sogar gefangen werden dürfen! Allerdings müssen die Süßwasserbewohner wieder ins kühle Nass zurück befördert werden. “Catch and Realease Only!” Foto: Huddlestone Arch

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Ein Spaziergang rund um’s Harlem Meer lohnt sich und ist ein guter Ausgangspunkt um den verwunschenen Teil des Central Park zu erkunden. Wem aber mehr der Sinn nach Statuen, Springbrunnen oder Blumenkunst steht, sollte keinesfalls den Conservatory Garden links liegen lassen. Auch wenn bei Wasserknappheit, wie derzeit der Fall, die Springbrunnen etwas traurig aussehen. Nach diesem Abstecher in Jahrhundertwende-Gartenkunst, lädt der dichte Laubwald mit seinen Eichen, Eschen, Ahorn- und Hickory-Bäumen endgültig zum Erforschen ein. Gleichermaßen einen Eingang bildet der “Huddlestone Arch”, ein steinerner Torbogen, der 1866 aus den umherliegenden Gesteinen ganz ohne Mörtel oder sonstigen Materialien errichtet wurde. Foto: Glen Span Arch

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Plötzlich fühlt man sich in eine ganz andere Welt versetzt – ist das hier wirklich noch Manhattan? Gerne rühmt sich die Central Park Conservancy damit, dass es hier aussähe wie in den Adirondacks, dem Erholungsgebiet im Nordwesten des Staates New York: der Waldboden ist übersäht mit Laub, kleinen Ästen und Zweigen, überzogen mit krautartigen Pflanzen sowie Moos und Wildgräsern. Wer dem hektischen Großstadttreiben schnell und unkompliziert entfliehen möchte, ist hier richtig! Naturidylle pur. In der Nähe des “Pool” laden dann auch fünf Wasserfälle zum Verweilen ein. Obwohl alles so zufällig und natürlich echt erscheint, sind auch sie wiederum ein Werk der Central Park Architekten Olmsted, Vaux und ihrer Landschaftsplaner. Foto: Ravine Waterfall

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Neben dem Harlem Meer, dem Loch, dem Pool, der vielen hölzernen Brücken und steinernen Torbögen prägt die “North Meadow” das Bild des Central Park Nordens. Fußballfelder – der Sport wird auch in Amerika richtig populär! – wechseln sich mit Baseballfeldern ab. Doch läuft hier nichts ohne Voranmeldung. Nach derart viel Wald und Wiese könnte man nun auf Höhe der 96. Straße die grüne Oase verlassen und wieder ein wenig Großstadtluft schnuppern, bis zur 3rd Avenue durchlaufen und dort in einem der vielen Pubs und Bars eine Erfrischung zu sich nehmen… Foto: Springbanks Arch

Momentaufnahme

28.5.2002, von Elke

Das Gute, wie das Böse kündigen sich nicht an und kommen unvermittelt. Bei ersterem muss man zudem gehörig auf Zack sein, um es nicht zu verpassen. Zu schnell ist der besondere Augenblick vorüber. Unbemerkt. Dass New York City die Stadt verkörpert, in der alles möglich scheint, wissen wir spätestens seit Herbst 2001. Nicht nur Tragödien spielen sich hier ab, sondern ebenso die unglaublichsten, berührendsten Momente. Nur bereit sein muss man, denn all zu schnell passé sind sie, die ungewöhnlichen Sekunden. Sie wollen genossen werden, die Augenblicke des Glücks. Des kleinen, leisen Glücks ebenso, wie die des großen, kraftvollen.

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Nicht nur in Los Angeles, rund um Hollywood, sondern auch im Big Apple sind sie zu Hause, die Kino Stars und Sternchen. Wenn man die Augen offen hält, begegnet man immer wieder einem von ihnen. Doch möchte nicht jeder am Liebsten seinem Idol begegnen? Oder wenigstens jemand ganz Bekannten? Jemandem, der mega-in ist?

Bisher war ich recht zufrieden, mit Kevin Bacon im HMV Music Store an der Upper West Side die Alternative Rock Abteilung durchpflügt zu haben. Oder auf der 6th Avenue im Village Olympia Dukakis und auf der Lexington Avenue William Baldwin begegnet zu sein.

Das für mich bisher bedeutsamste Zusammentreffen spielte sich im November 2001 im Metropolitan Museum of Art ab. Wenn Oliver und ich dort nicht sowieso schon zufällig Verwandte aus Hamburg getroffen hätten, was bereits eine echte Sensation war. Und um dieses an sich schon großartige Ereignis zu toppen, stand in gerade mal zwei Meter Entfernung plötzlich Robbie Coltrane neben uns. Zwei Wochen etwa, bevor der Kino-Hype mit “Harry Potter” losging. In solch einem Augenblick scheint die Zeit still zu stehen, weshalb ich gar nicht sagen kann, wie lange wir so mit Robbie Coltrane zusammenstanden. Lange genug aber, um zu wissen, dass ich ihn mega-sympatisch fand. Doch das alles verblasst neben der Begegnung, die ich heute hatte.

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Nach einem Termin in der Upper East Side schlenderte ich die Madison Avenue entlang und betrat auf der Höhe der 76. Straße eines meiner Lieblingsgeschäfte, die Zitomer Pharmacy. Nach geraumer Zeit verließ ich das Geschäft und befand mich wieder auf der eigenartig leeren Madison Avenue. Kein Wunder! Es war ja mitten am Tag, halb fünf Uhr nachmittags. Glücklich, mit meinem soeben erworbenen Geburtstagsgeschenk in der Hand, setze meinen Weg fort. Als plötzlich – wie aus dem Nichts – mir ein Mann energisch einherschreitend, entgegenkommt. DEN kenne ich! Nun ja, aus zahlreichen Filmen kenne ich ihn. Etwa 1,80 meter groß, mit vollem, rötlich-blondem Haar, ohne Brille dafür stoppelig-unrasiert. Gekleidet mit einem schlammgrünen Hemd und dunkler Hose. Als wir auf selber Höhe sind, bemerke ich eine ungeheure Kraft und Faszination, die von ihm ausgeht. Ich gehe weiter und schaue mich um, doch ist er wie vom Erdboden verschluckt. Vielleicht in einem der Antiquitätengeschäfte? So plötzlich wie er aufgetaucht ist, ist er auch wieder verschwunden: Robert de Niro. Einen Moment des Einmaligen, des einzigartigen Glücks habe ich erlebt. Und ich weiß, alles ist möglich!

P.S. Die Fotos: so strahlt, wer (=ich) soeben was Einzigartiges erlebt hat. Das Foto von Robert De Niro stammt vom Frühjahr 2002 und so ähnlich sah er gestern auch aus. Natürlich habe ich kein Foto gemacht! Nicht nur, weil ich keine Kamera dabei hatte, sondern weil ich jedem Menschen seine Privatsphäre gönne, besonders und gerade auch den “öffentlichen” Personen. Solch einem faszinierenden Menschen wie Robert de Niro zu begegnen, die nahezu spirituelle Kraft, die er ausstrahlt, lässt sich auch nicht zu Pixeln komprimieren. Diese Power lässt sich lediglich um ein Vielfaches vermindert in Worten fassen und für immer in Erinnerung behalten. In meiner Erinnerung.

Pretty with Pink

Von Elke

Mit wachsender Faszination besuche ich die allmonatlich stattfindende Pink Slip Partys, wenngleich ich das rosafarbene Armband endlich gegen ein blaues tauschen möchte. Allison Hemming, CEO der Hired Guns, einer Marketing und Creative Consulting Agentur, veranstalte im Juli 2000 in New York die erste aller noch folgenden Pink Slip Partys. Und seitdem ruft sie jeden letzten Mittwoch im Monat in den angesagtesten Clubs der Stadt zur großen Dot.com-Feier auf.

Die gefeuerten Ex-Dotcoms knüpfen auf den Parties neue Kontakte zu Gleichgesinnten, oder zu Personen, die ihnen beruflich weiterhelfen können. So mancher Kontakt führt direkt oder auf Umwegen zu einem Job, markiert den Beginn einer wunderbaren neuen Freundschaft oder verhilft schlicht zu einem Saufkumpan, mit dem es sich gemeinsam über die F***** Companies herziehen lässt.

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Auf der Party vom April 2002 warb beispielse Philip J. Kaplan für sein neues Buch. Alle Anwesenden, die ihm in drei Sätzen von ihrem Dot.com-Rausschmiss erzählten, bekamen ein “F’d Companies” mit persönlicher Widmung. Logisch, dass auch ich ihm meine Story, in wohlüberlegten drei Sätzen, erzählte. Ebenfalls klar, dass Philip ganz begeistert war, jemanden aus München zu treffen, das er selbst schon mal besucht hatte. Entsprechend fiel seine Widmung aus: “Elke, thanks for coming by – good luck! München rocks!” Und nach der Lektüre seiner mit großem Insiderwissen geschriebenen Dot.com-Abrechnung bestätige ich gerne: Kaplan rocks! Übrigens fand die April-Party im schicken Spa statt, in dem sonst nur die Schönsten, Reichsten, Trendigsten der Stadt Einlass finden. Und Dot.coms haben da ja auch einmal dazugehört…

Doch wie erfahren die zwischen 300 und 700 Gäste von der nächsten Pink Slip Party? Über ihr ureigenstes Medium! Auf den Seiten der Hired Guns registriert man sich für die Parties sowie den monatlichen Newsletter, in dem auch immer mal der ein oder andere interessante Job verzeichnet ist. Nach erfolgreicher Registrierung, reiht man sich dann so gegen sieben in die anderen Party-Gäste, die alle ein fluoriszierendes Armband tragen. In Pink für die Job-Suchenden, in Blau für die Supporter (die mit ‘nem Job) und grün für alle Recruiter, Human Ressources Manager oder andere Gestalten, die irgendwie einen Job oder einen guten Tipp zu vergeben haben. Damit das Ganze nicht so steif abläuft, gibt’s auch reduzierte Drinks, das Fläschchen “Bud” einmal nicht für 6 sondern für nur 3 Dollar. Für die Clubs geht die Rechnung trotzdem auf, denn wer geht sonst schon an einem Mittwoch Abend um 7 Uhr in eine Disko?

Das Konzept der Pink Slip Party zieht natürlich Kreise und so wird auch in anderen Städten Amerikas und Europas der Dot.com-Tod gefeiert, wenngleich nicht immer mit demselben großen Erfolg, wenn man der Presse glauben mag. So steht in einem Heise-Artikel, dass bei der ersten deutschen Pink-Slip Party, die im Mai 2001 in Berlin stattfand, wenig Party-Stimmung aufgekommen war. Anders doch in Amerika, wo das Konzept Nachahmer gefunden hat. Wer nicht bloß mit Recruitern sprechen oder sein Résumé beurteilen lassen will, sich von Finanzberatern wie Morgan Stanley weiterhelfen lassen oder einfach feiern will, der kann die Parties der Layoff Lounge besuchen. Allerdings kosten diese Veranstaltungen 10 Dollar Eintritt, wofür es aber auch ein “mehr” an Karriereinfos gibt.

Auf der Pink Slip Party hingegen gibt’s bis etwa 9 Uhr Abends die Möglichkeit der eigenen Karriere einen neuen Kick zu geben und anschließend ist Partieeeeee angesagt! Und “pink” ist die Party deshalb, weil in Amerika ein Arbeitgeber, der einen Arbeitnehmer kündigt, diesem einen “pink slip” aushändigt. In Amerika gibt’s also keine blauen, sondern rosa Entlassungspapiere und seit 1915 findet sich der Begriff auch offiziell im “Oxford English Dictionary” wieder, wenngleich seine genaue Entstehung weiterhin unklar ist. Klar hingegen ist, dass auch im Mai wieder eine Pink Slip Party stattfindet, die ich besuchen werde. Und schön wär’s, wenn ich diesmal sagen könnte: “the blue bracelet please!”