Time Warner Center: Keine Mall, sondern ein Urban Retail Center

6. Woche 2004 von Oliver

Am Donnerstag stand eigentlich Tokio auf dem Programm. Aber anstatt ins Kino für Lost In Translation zu gehen, haben wir uns dann doch entschlossen, ein Stück New York live anzuschauen: die Eröffnung des neuen Time Warner Center, des Center of Everything am Columbus Circle.

Time Warner Center

Eröffnung ist natürlich etwas übertrieben, denn die fand schon einen Abend vorher statt, auf Einladung und damit ohne uns. Und so war die Stimmung in dem vierstöckigen Einkaufsparadies eher so, als würde es schon immer existieren.

Die meisten der Geschäfte sind am oberen Ende der Luxusskala angesiedelt und somit für uns nur von begrenztem Interesse. Es gibt aber einen neuen Borders, ein Buch- und Plattenladen, der uns ans Herz gewachsen ist, seitdem wir dort unsere ersten Bücher in New York gekauft haben, damals noch in 5 World Trade Center. Nicht angeschaut haben wir den neuen, größten Supermarkt Manhattans im Keller des Time Warner Center. Wir werden dorthin zurückkehren, wenn die Picknick-Saison im Central Park begonnen hat.

Time Warner Center

Der vierte Stock gehört einer Reihe von Restaurants, von denen allerdings erst eines aufgemacht hat – die anderen werden in den nächsten Wochen folgen. Das eine Restaurant – Stone Rose – war schon voll, sonst hätten wir doch die günstigste Flasche Wein für ungefähr $80 genießen können. Uns vom Masa erwartet man, das Reservierungen dort schwieriger sein werden, als im Nobu.

Die New Yorker sind auf jeden Fall erstmal neugierig, aber es wird noch spannend ob dem neueste Versuch eines „vertikalen Einkaufserlebnis“ das Schicksal eines Trump Towers erspart bleibt.

Happy New Year

1. Woche 2004 von Oliver

Was zum Teufel macht man nur an Silvester? Diese Frage stellt sich einem in New York genauso wie an jedem anderen Ort, auch, wenn hier die Auswahl natürlich gigantisch ist. Aber das macht es eigentlich nicht besser – wer die Wahl hat, hat die Qual.

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Wie jedes Jahr, wollten wir auch dieses Jahr besonders früh dran sein und hatten uns eine große Party im Capitale, einem angesagten Restaurant in Chinatown, herausgesucht. Genauers Nachforschen hat uns dann aber doch die Laune verdorben und deswegen saßen wir auch noch am Montag ohne die leiseste Idee in der Lolita Bar. Dort fanden wir einen neuen Barkeeper vor, der erschreckenderweise so aussah, wie der Fiesling aus Cold Mountain. Diesen Film hatten wir am Vortag gesehen haben. Dafür kann er natürlich nichts, auch dafür nicht, dass er uns nicht kannte und wie “ganz normale” Gäste behandelt hat. Rettung kam dann in Form von Lolita-Besitzerin Katie mit ihrem Freund, die uns herzlich eingeladen hat, Silvester in der Lolita zu verbringen.

Das hat sie vielleicht sogar aus Eigennutz getan, denn als wir zwei Tage später nach dem Genuss einer ausgezeichneten, selbstgemachten Lasagne eintrudelten, saßen sie und ihr Freund wie Fremde in ihrer eigenen Kneipe. Neujahr war dann auch unspektakulär genug – wir haben mit nur Bier angestoßen, ein paar Mal “Happy New Year” gewünscht und das war es dann auch schon.

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Neues Jahr, neue Bar dachten wir uns dann und haben wir uns zur BoucheBar in der 5th St. zwischen Ave. A und B, dem Ableger der Lolita aufgemacht, wo wir den lange vermissten Barkeeper Jay antrafen. Insgesamt ist die BoucheBar eine wesentlich kleinere und gemütlichere Version der Lolita, die uns sehr gut gefallen hat.

Am Freitag sind wir den Spuren George Washingtons (Federal Hall) in Downtown gefolgt, was eigentlich nur unter der Woche geht und damit für die arbeitende Bevölkerung New Yorks recht schwer ist. Eine Entdeckung ist Fraunces Tavern in der Perl Street, die eine große Bedeutung in der amerikanischen Geschichte hat (weswegen dort auch ein Museum eingerichtet ist), zugleich heute aber auch eine nette Kneipe mit einer ausgedehnten “Happy Hour” ist.

Metropolengespräch

21. Woche 2003 von Elke

Freitag, 23.Mai

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New York ist nicht nur Weltmetropole, sondern führt auch scheinbar unüberwindbare Welten zusammen. Oder seit wann können sich MünchnerInnen und BerlinerInnen auf eine gemeinsame, coole Stadt einigen?
So geschehen kürzlich in meiner Hausundhofbar, – in der ich mich zu einem “Blind Date” einfand. Ob sich “Hanesbanes” wohl gleichfalls trauen würde? Beide im New York City Forum aktiv, verabredeten wir uns locker in der Lolita – wo Oliver und ich sowieso jeden Freitag anzutreffen sind…
Kaum hatte mir Ken unaufgefordert mein Lieblingsbbier auf den Thresen gestellt, ich es mir gerade erst gemütlich (die Ex-Münchnerin in mir!) gemacht, quatscht mich auch schon ein blonder Mann an, ob ich denn die Elke sei. Yeah! Sympatisch der Hanesbanes! Sofort quatschen wir munter drauf los und hören auch nicht wieder auf, als sich später noch seine Freunde und natürlich auch Oliver zu uns gesellen. Berlin – München – New York waren unsere Themen, mit leichtem Schwerpunkt auf New York.
Herzliche Grüße nach Berlin, Hanesbanes und seine Freunde…

A Day in the City: T-Day

5.12.2002 von Oliver

Der amerikanische Feiertagskalender funktioniert anders als der deutsche. Zum einen gibt es kaum religiös motivierte Feiertage, weil bei der hier praktizierten, strengen Trennung von Kirche und Staat, keine Religion bevorzugt werden darf. Zum anderen sind Feiertage nicht „gesetzlich“, sondern eine Sache zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Jede Firma gibt jedes Jahr ihren eigenen Feiertagskalender heraus, der sich zwar an gewissen Standards, wie gewerkschaftlichen Regelungen oder den Börsenfeiertagen orientiert, aber letztlich der Großzügigkeit der Firma überlassen ist. So geben einige Firmen Fenstertage oder jüdische Feiertage frei, während andere knausriger sind, und sich auf die großen Feiertage wie July, 4th, Weihnachten beschränken. Auf einen Tag konvergiert der amerikanische Kalender allerdings für alle: Thanksgiving. Diese Tag hat für Amerikaner eine mystische Bedeutung als Familientag und als Auftakt für die Holiday Season, wie die Weihnachtszeit hier religionsfrei heißt.

Thanksgiving beginnt in New York mit der traditionellen Macy’s Parade, die sich von der 86th Street über Central Park West und Broadway bis zum Herald Square hinzieht. Marschieren tun neben verschiedenen, sorgfältig ausgewählten Marching Bands vor allem riesige, aufgeblasene Comicfiguren. Welche Figuren neu sind und welche ausgemustert werden, ist Gegenstand einer tagelangen Diskussion. Dieses Jahr hat Macy’s die Muppets wiederbelebt und so durfte Kermit, der Frosch, das erste Mal seit langer Zeit wieder über die New Yorker Straßen fliegen.

Letztes Jahr haben wir die Parade live miterlebt, dieses Jahr ziehen wir es wegen der beißenden Kälte vor, das Spektakel vor dem Fernseher mitzuerleben, was den großen Vorteil hat, dass man auch die Shows auf dem Herald und Times Square miterleben kann, was live nur extremen Frühaufstehern oder Macy’s Angestellten und deren Familien und Freunden möglich ist.

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Nach der Parade machen wir uns dann auf den Weg in die Upper Eastside wo wir erstaunt feststellen, das sich die Stadt, die niemals schläft, in einem erstaunlichen Zustand befindet: sie macht ein Nickerchen. Fast alle Geschäfte sind geschlossen, die Straßen sind menschen- und autoleer. Als wir völlig durchgefroren nach einer Kneipe suchen, stellen wir erstaunt fest, dass ein Großteil der Pubs und Cafes ebenfalls die Stühle auf die Tische gestellt hat.

In der 2nd Ave. finden wir dann schließlich Fitzpatricks Pub, in der eine äußerst freundliche Barkeeperin diejenigen bedient, die sich keinen Truthahn in Großmutter’s Haus servieren lassen können oder wollen. In den Fernsehern läuft das Thanksgiving Footballspiel, das ebenfalls zur Tradition des Festtages gehört. Genauso wie die Werbung in den Spielpausen (von denen American Football praktischerweise sehr viele hat), die auf die Sonderangebote am Freitag nach Thanksgiving hinweisen. An diesem Tag, an dem sehr viele frei haben, versuchen die Geschäfte die Leute teilweise schon um sechs Uhr morgens mit Early-Bird Angeboten in die Läden zu locken.

Nach einem Bier werden wir hungrig und weil wir alles richtig machen wollen, wollen wir natürlich wie alle anderen Turkey essen. Das ist nicht weiter schwer, denn alle Restaurants, die auf haben, bieten auch Truthahn an. Selbst das traditionelle, deutsche Lokal Old Heidelberg macht hier keine Ausnahme. Wir finden dann allerdings Viands Restaurant, einen Diner an der Ecke zur 86th St. doch passender.

Wie wir dann anhand von gerahmten Zeitungsartikeln feststellen, ist Viands eine Turkey-Oase für einsame Städter an Thanksgiving und Weihnachten. Für knappe $14 bekommt man eine riesige Portion saftigen Truthahn mitsamt Füllung und Soße, einem Teller Gemüse mit den unvermeidlichen Süßkartoffeln sowie einen Pumpkin Pie zum Nachtisch. Nach dem Essen geht es uns dann wie vielen Millionen Amerikaner: wir sind gestopft voll und können uns noch kaum bewegen. Als Deutsche kennen wir allerdings ein Heilmittel dagegen: zurück im Fitzpatrick trinken wir ein Stamperl Jägermeister, was uns zumindest ermöglicht, bis nach Hause zu kommen, wo wir dann das tun, was alle Amerikaner tun: auf das Sofa fallen und den Rest des Abends vor dem Fernseher verbringen.

100 Centre Street – ein Tag am Gericht

17.11.2002 – Von Oliver

Nach dem amerikanischen Rechtssystem hat jeder Angeklagte das Recht, die Verhandlung vor einer Jury „normaler Bürger“ auszutragen, ganz gleich, ob es sich um einen Autounfall oder eine Milliardenklage gegen einen Großkonzern handelt. Das erfordert natürlich eine riesige Anzahl von potentiellen Geschworenen, so dass jeder amerikanische Staatsbürger verpflichtet ist, alle vier Jahre die so genannte „Jury Duty“ zu schieben. Dabei handelt es sich um eine staatsbürgerliche Pflicht, die ähnlich wie die Wehrplicht, nur symbolisch bezahlt wird. Ob der Arbeitgeber den Lohn während der Jury Duty bezahlt, bleibt diesem überlassen, das einzige, was nicht passieren darf, ist, dass man den Job wegen Jury Duty verliert – ob man aber vielleicht durch den Verdienstausfall bankrott geht, das interessiert den Staat nicht.

Wir haben uns natürlich vorher bei unseren Freunden informiert, was da auf mich zukommen würde – und erfahren, dass es normalerweise nur ein paar Tage dauert – es kann aber auch Fälle geben, die ein, zwei, drei Wochen und, ja, auch in manchen Fällen Monate dauern. Als ich mich also am Morgen auf den Weg zu 100 Centre Street, in den Supreme Court des New York County (sprich Manhattan), mache, bewegen Elke und mich nur ein Gedanke: dass ich so schnell wie möglich wieder raus komme.

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Als potentieller Juror trifft man sich in einem Warteraum im 15. Stock des Gebäudes, der den typischen Charme von amtlichen Räumen ausstrahlt: abgewetztes Mobiliar und zahllose Schilder, auf denen steht, was man nicht tun darf und was man tun muss. Die Stühle stehen angeordnet wie im Wartesaal eines Flughafens und bieten Platz für etwa 300 Wartende. An einer Seite steht ein riesiges Pult, hinter dem der Jury Clerk agiert.

Und wir wären nicht in Amerika, wenn sich dieser nicht mehr als Master of Ceremony, denn als trockener Amtsschimmel versteht. Während ich mit 300 nicht besonders ausgeschlafenen (wir haben 8:30 am Morgen) Menschen jeden Alters, Hautfarbe und sozialer Schicht aufgeregt, genervt, erwartungsvoll oder angstvoll nach vorne blicke, begrüßt uns der Jury Clerk so, als ob es eine große Ehre ist, an diesem Tag, einen Beitrag zum Rechtsstaat zu liefern. Ja, das ist es auch, aber welchen Preis muss man dafür persönlich zahlen? Nach der Ansprache sehen wir ein Video zur Einstimmung, eine Geschichte des Gerichts, das – wir sind in Amerika – effektvoll mit einem nachgestellten mittelalterlichen Prozess beginnt, bei der die Unschuld des Angeklagten dadurch nachgewiesen wird, dass er mit gefesselten Händen in einem Fluss ertrinkt (der Film hat ein Happy End, da Freunde den Armen noch rechtzeitig aus dem Wasser ziehen können). Anschließend wird uns die Prozedur erklärt: ganz profan steht auf dem Pult eine Lostrommel, in der unsere Namen sind. Benötigt ein Richter eine Jury, dann werden Namen aus der Trommel gezogen je nach Prozess bis zu 100.

Eigentlich gewinne ich bei solchen Tombolas nie etwas, aber diesmal, bingo, bin ich bei den ersten 100 dabei, die zu Judge McLaughlin in den Gerichtssaal geschickt wurden. Der Court Officer führt uns in den Saal und weist uns die Plätze im Zuschauerraum an. Wie uns vorher erklärt wurde, führt der Richter in seinem Saal eine Art diktatorische Herrschaft und das Mittel dazu heißt, wie man aus den einschlägigen Filmen weiß, „Missachtung des Gerichts”, was mit saftigen Strafen belegt wird. So ist es auch möglich, dass der Richter 100 erwachsene Menschen mit einem recht langatmigen Vortrag über das Rechtssystem und die Aufgaben einer Jury strapaziert, ohne dass ein Muckser im Publikum zu hören ist.

Dann wird es konkret und die Jury wird ausgewählt, indem Staatsanwalt, Verteidigung und natürlich der Richter sich auf zwölf Personen einigen, die dann für den gesamten Prozess zur Verfügung stehen müssen. Und dieser Prozess dauert, nach einer groben Schätzung des Richters, ungefähr drei Wochen.

Um die Prozedur zu vereinfachen, werden aus den 100 bereits ausgewählten Menschen, Gruppen zu je 20 Leuten ausgelost, die dann echte Gerichtsluft schnuppern dürfen und es sich in der Jury Box, jene 2 reihige Tribüne auf der rechten (oder linken) Seite des Gerichtssaales bequem machen dürfen. Zu Beginn müssen wir reihum 10 persönliche Fragen beantworten, die den Anwälten einen ersten Eindruck vermitteln sollen.

Staatsbürgerliche Pflicht, Beitrag zum Rechtssystem hin oder her, das Spiel heißt für die meisten der 20 „Wie winde komme ich möglichst schnell wieder aus der Jury Box, ohne das Gericht zu missachten“. Der erste, ein arbeitsloser Programmierer, der gerade von der Uni abgegangen ist, hat einen 15 Tage alten Sohn – keine Chance. Ein anderer erwartet sein Kind in 15 Tagen, schon besser: „You are excused“, sagt der Richter und schickt ihn zurück in den Warteraum. Überhaupt keinen Grund hat der Journalist, der vor dem Abschluss eines wichtigen Projekts steht. Kein Englisch zu verstehen ist dagegen eine gute Entschuldigung. Oder sich dumm zu stellen (absichtlich oder unabsichtlich) und auf die Frage „Würden sie einen Angeklagten für schuldig erklären, wenn seine Schuld bewiesen ist?“ keine klare Antwort zu wissen.

Der Letzte in der Reihe findet dann den besten Weg zurück in den Wartesaal: er antwortet auf die Frage „Können sie fair und unparteiisch sein?“ mit einem klaren Nein und darf sofort gehen. Sein Ersatzmann, der sofort ausgelost wird, kann das auch. Erst der dritte nimmt seine Aufgabe ernst und erklärt sich als fair und unparteiisch.

Überhaupt ist das mit dem Ernst so eine Sache. Natürlich will keiner drei oder mehr Wochen mehr oder weniger unbezahlt im Gerichtssaal verbringen und sich mit Mord, Unglück und Elend beschäftigen. Und so ist die Versuchung groß, sich als dumm, charakterschwach, vorbelastet oder voreingenommen darzustellen, nur um so schnell wie möglich wieder draußen auf der Straße zu sein und mit seinem normalen Leben weiterzumachen.

Auf der anderen Seite sitzt allerdings die Angeklagte, ein mittlerweile 18-jähriges Mädchen, die mit dreizehn einen Taxifahrer in Harlem erschossen und beraubt hat. Für sie ist das alles kein Spaß, ob sie nach einer offensichtlich grauenvollen Kindheit irgendwann noch die Chance hat, ein halbwegs normales Leben zu führen, oder ob sie das Volk von New York für längere Zeit hinter Gitter steckt (die Todesstrafe steht hier nicht zur Diskussion). Und deswegen bin ich hin- und hergerissen zwischen dem Impuls, einem langen Prozess und den damit verbundenen persönlichen Schwierigkeiten einfach aus dem Weg zu gehen und der Hoffnung, dass die Angeklagte einen fairen Prozess erhält, auch wenn es mich als Geschworenen erfordert.

In der zweiten Runde sind dann die Anwälte dran mit einem Frage und Antwortspiel. Die Staatsanwältin weist darauf hin, dass es im wirklichen Gericht deutlich anders zugeht, als in Serien wie “Law and Order” oder “Perry Mason”. Stimmt nicht, finde ich: zwar wird natürlich der langwierige Prozess der Juryauswahl nicht gezeigt, aber der Richter, der den Verteidiger immer wieder mit Strenge und Sarkasmus maßregelt, könnte wirklich aus dem Fernsehen sein.

Auf jeden Fall gibt die zweite Runde nochmal genug Möglichkeiten dem Prozess zu entkommen. Der Junge mit dem 15-tägigen Sohn und mein Sitznachbar, versuchen nachzuholen, was sie bei der ersten Runde versäumt haben und erklären, dass ihnen jetzt doch noch eingefallen sei, dass sie eigentlich unfair und parteiisch seien. Ein Mädchen hat Probleme mit Gewaltverbrechen, weil eine enge Freundin von ihr bei einen bewaffneten Raubüberfall verletzt war. Ob wir Probleme damit haben, dass die Angeklagte dreizehn Jahre alt war, als das Verbrechen verübt wurde? Oder ob uns Bilder von einem Menschen etwas ausmachen, der durch einen Schuss in den Kopf getötet wurde.

Nach zwei Stunden ist es vorbei und wir müssen vor dem Gerichtssaal warten, bis uns der Court Officer mitteilt, wer ausgewählt wurde. Die zwanzig tigern aufgeregt vor der Türe herum, bis schließlich die Nachricht kommt: Keiner wurde genommen, wir sollen es aber nicht persönlich nehmen. Wir nehmen es nicht persönlich, eine Woge der Erleichterung geht durch die Reihen und alle gehen wieder nach Hause.

Zwei Tage später (das Gericht hat wegen des Wahltages in ganz Amerika einen Tag zu), sitzen wir dann alle wieder im Warteraum und warten. Der Jury Clerk ist wieder blendender Laune uns verspricht uns, dass es heute einige Verhandlungen geben wird. Nein, bitte nicht. Allerdings, sagt er eine Weile später, ist es ziemlich voll hier, also schickt er bald eine Menge Leute nach Hause. Tut er aber nicht, sondern lost zwei Mal 25 für eine Verhandlung aus. Ich bin nicht dabei. Nach der Mittagspause ist es erst ruhig, obwohl uns der Jury Clerk verspricht: „We’re soon bursting into action“. Und so ist es auch: eine Auswahl nach der andern, die Lose schlagen links und rechts, vor mir und hinter mir ein, aber ich bleibe verschont.

Das war’s dann auch: Unter heftigem Beifallklatschen verteilt der Jury Clerk die Zertifikate, die einen von der Jury Duty für 4 Jahre befreien. Wir verlassen den Warteraum so schnell wie möglich und verteilen und auf der Straße in alle Richtungen.

Nochmal einen Blick zurück auf das wuchtige Gebäude an der 100 Centre Street: ich bin froh, dass ich draußen bin, aber auch dankbar, einmal einen Einblick in eine Welt zu bekommen, mit der die meisten Menschen nichts zu tun haben wollen. Eine Welt, die vielleicht Recht im Sinne der Gesetze bringen kann, doch merkwürdigerweise nichts gegen die Ungerechtigkeit des Lebens ausrichten kann, die eine 13-jährige dazu treibt, für ein paar Dollar einen Menschen umzubringen.

Places to Be: Lolita Bar

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Wenn wir die Lolita betreten, meistens am frühen Abend nach einem besonders erfolgreichen oder frustrierenden Tag, ist es eine Art Heimkommen in ein gemütliches Wohnzimmer. Zwischen den Wänden aus unverputzten Ziegelsteinen stehen flache Tische, eine Vielzahl verschiedener Stuehle sowie Sessel und Sofas. Auf den Tischen und auf der Bar stehen Kerzen, an der Mauer hängen Bilder (von wechselnden Kuenstlern) und aus den Lautsprechern kommt Musik, die auch in unserem Plattenschrank stehen könnte.

Die Lolita Bar ist am frühen Abend eine Neighborhood Bar, die die meisten Gäste als Erweiterung ihrer eignen, engen New Yorker Appartments betrachten. Man trinkt ein Bier oder einen Drink, liest ein Buch oder chattet mit Bartender Ken ueber Musik oder flirtet mit den Barfrauen Anna und Sue. Mark, der Manager aus dem Museumshop des Lower East Side Tenement Museum, in dem für beide Teile von Men in Black gedreht wurde, ist fast jeden Abend da – manchmal mit Kollegen aus dem Museum, manchmal alleine, wo er Gedichte schreibt, liest oder sich mit den anderen Stammgästen unterhält.

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Gegründet wurde die Lolita Bar von Leah, Katie und Clyde in der Absicht, eine Bar zu betreiben, die garantiert nicht hip ist. Und was hip ist, wussten zumindest Katie und Clyde von ihren Jobs in der Musikindustrie. Die Lolita sollte genau das werden: ein Ort zum Wohlfuehlen, mit guter Musik und gelegentlichen Events mit DJ und Livebands. Die Lolita ist ein Ort fuer kleinere Feiern und wird gelegentlich für eine größere Ereignis wie die Lauchparty der Rap-Band Jurassic 5 gebucht.

Nach Ende der Happy Hour um 8 Uhr lässt die Gemuetlichkeit allerdings rapide nach. Das Publikum wird – vor allem am Wochenende – jünger und es wird oft unmöglich einen Platz zu finden. Die sonst so gelassenen Barkeeper rennen immer hektischer hinter der Bar hin und her und raus, um die Tische wieder abzuräumen.

Wie es alle diese Leute in die Lolita zieht, bleibt für uns allerdings ein Geheimnis, denn der Ort an der Ecke von Broome und Allen Street ist doch ein paar Blocks vom Zentrum des Nachtlebens der Lower East Side entfernt. Clyde hat uns erzählt, dass er darauf spekuliert, dass sich das Kneipenviertel nach Süden hin über die Delancey Street ausbreitet. Ob das nach eineinhalb Jahren wirklich der Fall lässt sich schwer sagen – zwar öffnen auch südlich der Delancey die eine oder andere Boutique, aber es dominiert immer noch die einmalige Mischung zwischen jüdischen Groß- und Einzelhändlern, spanischen Lebensmittelgeschäften und den Ausläufern des sich ständig vergrößernden Chinatown.

Uns verbindet mit der Lolita ein Stück gemeinsamer Geschichte, denn die Bar hat ein paar Wochen aufgemacht, bevor wir in unsere provisorische Wohnung im selben Block, in der Orchard Street um die Ecke gezogen sind. Trotzdem hat es einige Zeit gedauert bis wir die Lolita entdeckt haben, weil wir in dem doch für New-York-Neulinge recht bedrohlichen Viertel unsere Kreise nur langsam erweitert haben und uns hauptsächlich in den belebteren Nordern der Lower East Side und das East Village orientiert haben. Als wir dann doch eines Nachmittags die Broome Street entlangschlenderten, fielen uns die zwei jungen Frauen auf, die heftig ueber eine Standtafel diskutierten, die eine späte Happy Hour um 10 Uhr abends ankündigte. Das haben wir am selben Abend auch noch ausprobiert und habe seitdem die Lolita Bar zur Erweiterung unserer kleinen Wohnung erklärt.

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Seitdem haben wir dort eine Menge erlebt: zum Beispiel unser erstes Barbeque am Memoria Day, der traditionellen Eröffnung der Sommersaison, eine feuchtfröhliche Geburtstagsfeier bis um 4 Uhr Morgens, eine Independence-Day-Feier und ein lauschiger Heiligabend-Nachmittag.

Kneipen wie die Lolita scheinen sich übrigens zu lohnen – schon seit längerer Zeit kuemmern sich Clyde und Katie nur noch um die Verwaltung, so dass sie leider nur noch selten in der Bar zu finden sind. Genauso haben wir unsere Immigrantenwohnung in der Orchard Street verlassen und sind Richtung Downtown gezogen. Trotzdem, die Lolita besuchen wir noch regelmäßig und wer dort am Freitagabend hingeht, hat gute Chancen, uns zu treffen.

At the Beach

21.8.2002, von Oliver

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Am 2. September, Labour Day, wird definitiv Schluss sein: Die Lifeguards packen ihre Stühle, ihre Sonnenbrillen und die Amerika-Flagge ein und die New Yorker benutzen den Strand nur noch in herbstlicher Kleidung zum Spazierengehen. Zum Baden fliegt man dann nach Florida oder in die Karibik. Herbst und Winter dauern dann exakt bis zum 26.5.2003, Memorial Day, wenn die Lifeguards wieder an den Strand zurückkehren und Baden somit erlaubt ist.

Niemand würde natürlich wegen den Stränden nach New York reisen, aber die über 10 Millionen, die schon mal da sind, genießen es, dass Long Island ein paar der schönsten Strände der Welt bereit hält. Und als ob es die Natur geahnt hätte, sind die Strände auch so lang und breit, dass die Sonnenhungrigen einer Megametropole unterkommen, ohne dass man sich direkt auf die Füße tritt.

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Vor dem Strandvergnügen muss man allerdings die LIRR, die Long Island Railroad, bewältigen. Diese bietet mehrere Strandpakete an, die man bequem am Automaten kaufen kann und die neben der Bahnfahrt auch den Transfer bzw. die Strandbenutzungsgebühren (bspw. Long Beach) beinhalten. Die LIRR selber zeichnet sich jedoch mehr durch schmuddelige Züge (die Toiletten sind angeblich berüchtigt, wir haben das aber noch nie ausprobiert) und ein rechtes organisatorisches Chaos aus. Meistens kommt man auch nicht umhin, in Jamaica, Queens und/oder Babylon umzusteigen, was gar nicht so einfach ist. Die Züge tragen leider keinerlei Hinweise, wo sie denn hinfahren und die Durchsagen unverständlich, weil der Ansager entweder gerade keine Lust hat oder die Lautsprecher kaputt sind. Da hilft es nur einen der Schaffner, die mit einer Engelsgeduld einer langen Schlange von Menschen immer wieder dieselbe Auskunft geben.

Von Manhattan aus ist man am Long Beach am Schnellsten angelangt. Long Beach befindet sich auf einer Insel, die Long Island vorgelagert ist und auf der die LIRR eine Haltestelle unterhält. Long Beach selber ist ein Ort mit einer netten Strandpromenade und Geschäften, die fast günstiger als in Manhattan sind – Vorräte mitbringen lohnt sich also nicht. Bei unserem Besuch waren wir gegen 10 Uhr morgens am Srand und freuten uns schon, da der gigantische Strand nur spärlich besetzt war. Das änderte sich leider schnell und zum Mittag war schon fast kein Flecken Strand mehr frei. Ärgerlich aus unserer Sicht, dass wir mit der Flut gerechnet haben und uns dementsprechend weit nach hinten gelegt hatten. Leider zog sich das Wasser aber zurück, so dass sich vor uns Reihe um Reihe von Strandbesuchern aufbauen konnten. Das nächste mal werden wir vorher einen Tidenplan studieren.

Der Strand ist durchgehend von Lifeguards besetzt, die mit Pfeifen und heftigen Armbewegungen versuchen, die Badenden daran zu hindern, Richtung Europa zu schwimmen. Manchmal muss man das Wasser auch komplett verlassen, warum wissen wir bis jetzt nicht: ein Hai kann es ja nicht gewesen sein…

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Die nächste Station wäre Jones Beach, bei dem es das Jones Beach Theatre gibt, in dem im Sommer große Open Airs (die Tommy Hilfiger Konzerte) veranstaltet werden. Jones Beach haben wir bisher ausgelassen, dafür waren wir zwei Mal auf Fire Island, das man von den LIRR-Stationen Sayville oder Patchogue erreicht.

Von Sayville kann man nach Fire Island Pines oder Cherry Grove mit der Fähre fahren. Beides sind Gay-Communities und von daher nicht eines jeden Sache. Von Patchogue fährt die Fähre nach Watch Hill, einem kleinen Yachthafen und einem Campingplatz. Normalerweise sollte es dort auch eine Snackbar, ein Restaurant und einen Supermarkt geben, die allerdings 2001 und 2002 geschlossen wurden. Dafür gibt es einen kleinen Laden, der das Nötigste zum Überleben anbietet: Getränke, Konservendosen und Nudeln.

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Fire Island ist ein unglaublich schöner Platz: eine schmale Insel, eigentlich mehr eine Sanddüne im Meer. Nördlich glitzert das ruhige Wasser des Long Island Sound, südlich rollt der Atlantik an einen breiten, feinsandigen Strand. Während Long Beach deutlich der Strand einer Millionenstadt ist, könnte Fire Island auch gut in einer abgelegeneren Ecke der Welt liegen und Aussteigern eine Heimat bieten. Dass dem so nicht ist, das verraten die teueren Yachten und Speedboats im Hafen und die Flugzeuge, die regelmäßig Werbebanner an der Südküste entlang ziehen.

Wenn man auch nicht extra nach New York reist, um sich an den Strand zu legen, so ist es trotzdem gut zu wissen, dass man der mörderischen Sommerhitze in schlichten ein, zwei Zugstunden entfliehen kann…

Fußballfieber in New York?

8.7.2002, von Oliver

Je weiter das Jahr vorangeschritten ist, desto mehr haben wir uns Gedanken über die bevorstehende Fußball-Weltmeisterschaft gemacht. Normalerweise bedeutet das 4 Wochen lang Fußball total: Live-Übertragungen in verdunkelten Zimmern zu unmöglichen Zeiten anschauen, sich Gedanken über die Aufstellung der Mannschaften von Portugal oder Senegal zu machen und natürlich – zumindest in den letzten 8 Jahren – kräftig über die Deutsche Mannschaft zu schimpfen.

Aber wie wird das wohl in Amerika sein, dem bekanntlich einzigen weißen oder zumindest hellgrauen Fleck auf der Karte des Weltfußballs? Werden wenigstens die wichtigsten Spiele übertragen? Bekommt man überhaupt was mit, außer im deutschsprachigen Internet? Wie sich herausstellt, waren unsere Befürchtungen umsonst: ESPN, der größte amerikanische Sportkanal, zeigte alle Spiele live und auch die New York Times quetscht ein paar Spalten WM in ihren Sportteil. Für mehr reicht es nicht, denn die WM findet zeitgleich mit dem Finalspielen der NBA (Basketball, dieses Jahr Los Angeles Lakers gegen New Jersey Nets, also ein lokales Ereignis) und der NHL (Eishockey, das hier einfach Hockey heißt). Dazu gibt es die endlose MLB-Saison (Baseball) und die Basketball-Frauen, die auch immer beliebter werden. Sogar die Fußball-Liga MLS wird nicht für die WM unterbrochen – die Mannschaften müssen halt ohne ihre Nationalspieler auskommen.

Erstaunlicherweise waren wir nicht die Einzigen: Je näher die WM heranrückte, desto mehr Aufregung war in unseren Stammkneipen Lolita und Paris zu spüren. Das lag natürlich hauptsächlich an den irischen Barkeepern Ken und Barry, aber auch deren amerikanische Kollegen mussten zugeben, dass sie – zumindest die WM – ganz gerne anschauen. Vielleicht liegt das daran, dass die Fußball-WM die größte Sportveranstaltung der Welt ist – nicht der Superbowl, nicht die Olympiade, sondern Soccer begeistert die meisten Menschen auf der Welt. Und da schmerzt es natürlich, dass das Team USA zusammen mit Senegal, der Türkei und Südkorea als die Underdogs im Viertelfinale genannt werden.

Auf der anderen Seite sind viele New Yorker keine gebürtigen Amerikaner und freuen sich natürlich, dass ihre Nationen es der Weltmacht USA einmal zeigen können. Bitter nur, dass der Fußballgott diesmal die Hierarchien im Weltfußball kräftig durcheinander schütteln wollte und sich da nur ans Sportliche gehalten hat: den eigentlich favorisierten Mexikanern hätte man wirklich den Sieg über den übermächtigen Nachbaren gegönnt.

Den Deutschen wird – fußballerisch gesehen – im Ausland mit erstaunlicher Ehrfurcht begegnet. Unsere Beteuerungen, dass die deutsche Nationalmannschaft so schlecht sei wie noch nie, wurden lächelnd abgewunken. Und während sich die Deutschen Runde für Runde nach vorne gewurschtelt haben, kamen wir zunehmend in Erklärungsnöte. Nach dem 1:0 gegen die USA, war hier fast Erleichterung zu spüren: deutsche Effizienz hat amerikanische Spielfreude geschlagen, wenigstens das ist noch so wie immer.

Die Begegnung Deutschland-USA hat natürlich für ein Spotlight auf die Deutschen in New York im Allgemeinen und das „Zum Schneider“ in der Ave. C im Speziellen geworfen. Dort nämlich sollen rauschende Fußballfeste gefeiert worden sein – samt Bier und Würstchen zum Frühstück und einer Schlange vor dem Eingang, die einmal um den Block reicht. Das war so kurios, dass es für einen Artikel in der Times und ein Fernsehteam gereicht hat.

Begleitet wird die WM hier – wie wohl jedes Mal – von Spekulationen, wann Soccer in Amerika – einer Nation, in der sogar Sportfischen live übertragen wird – endlich abhebt und breites Zusachauerinteresse findet. Für die Abneigung der Amerikaner gegen den Lieblingssport des Rests der Welt findet man viele Erklärungen: zu langsam, zu wenige Tore, der Raumgewinn im American Football als traditionelles Element der amerikanischen Kultur oder die mangelnde Möglichkeit Werbung während eines Spieles einzublenden. Wir sehen das einfacher: In einer Nation, in der es mit Football, Baseball, Basketball und Hockey schon 4 große Mannschaftssportarten gibt, die eng verfolgt werden, ist einfach wenig Platz für eine weitere. Alleine im Baseball spielt jede einzelne Mannschaft fast täglich von April bis Oktober – wann sollte man denn dann eigentlich noch Fußball schauen?

Trotzdem es geht voran mit Soccer: Nach unsere nicht repräsentativen Umfrage in New York, haben sich erstaunlich viele Menschen mit der WM beschäftigt. Es wurde von Videoleinwänden in Kantinen und übernächtigten Kollegen erzählt. Und uns wurde nach deutschen Siegen gratuliert, nach dem Finale das Beileid ausgesprochen und dazwischen wollte jeder unsere Einschätzung für das nächste Spiel hören.

Ob die Fußballbegeisterung hier anhält? Wir werden es bis 2006 sehen…

Wir machen New York so sauber wie München!

von Oliver

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Nein, wir haben noch nicht genug. Nach dem Bronx Zoo Clean-up am 20. April, wollen wir auch noch das South Street Seaport Museum auf Hochglanz bringen und melden uns deswegen auch hier zum Member Clean-up an. Das Ganze hat einen großen Vorteil: statt mit der Subway einmal durch die ganze Stadt zu fahren, müssen wir diesmal lediglich ein paar Schritte Richtung East-River gehen. Dafür sieht es diesmal auch richtig nach Arbeit aus: statt ein paar Stunden ist gleich ein ganzer Tag angesetzt – wir sind gespannt, was da so alles passieren wird.

Der South Street Seaport genießt als Sehenswürdigkeit in deutschen Reiseführern einen eher schlechten Ruf. Das liegt vor allem am Einkaufszentrum, das sich über die historischen Gebäude in der Fulton Street bis zum Pier 17 erstreckt. Dort sind dieselben Ladenketten beheimatet, die man in jeder Mall von Alabama bis Wyoming in den USA findet: GAP, Body Shop, Godiva und wie sie alle heißen. Dazu gibt es noch eine Food Plaza von titanischen Ausmaßen, in der man Fast Food aus fast allen Ecken der Welt in kantinenartiger Atmosphäre genießen kann.

Trotzdem ist der Seaport ein fantastischer Platz in New York! Der Pier 17 ist nämlich auch voller “richtiger” Restaurants, die meisten mit sonnenbeschienener Terrasse und einem atemberaubenden Blick auf den East River, Brooklyns Skyline und dem massiven Häusergebirge der Water Street in Manhattan. Von hier aus hat man das World Trade Center übrigens nie gesehen, wodurch die Downtown-Skyline noch so intakt und massiv erscheint wie früher. An schönen Abenden unter der Woche treffen sich auch die vielen Angestellten aus Downtown in den Stehbars an der Fulton Street und bieten somit etwas, was die meisten Reiseführer dem Seaport absprechen – ein authentisches Stück New York.

Außer dem Einkaufszentrum gibt es noch das Museum am Seaport, dessen auffälligste Ausstellungsstücke zwei riesige Segelschiffe aus dem 19. und frühen 20 Jahrhundert bilden. Die Mission des Museums ist die Bewahrung eines kleinen Teils der Geschichte von New York als Hafenstadt. Abgesehen vom eher hässlichen Terminal an der Westside, wo die Kreuzfahrtschiffe und die QE2 anlegen, existiert nämlich fast kein Hinweis mehr auf die Seefahrertradition von Manhattan: der große Hafen von New York ist schon lange nach New Jersey umgezogen!

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Wir treffen uns also zum “Spring Launching” auf der Peking, einem der größten Segelschiffe, die jemals – in Deutschland übrigens – gebaut wurden. Auf dem Mitteldeck wird ein üppiges Frühstück in Form von Bagels, Muffins und Croissants aufgedeckt, bevor die Arbeit eingeteilt wird. Elke darf auf die Ambrose, ein kleineres Schiff, das man gleichfalls besichtigen kann. Ich habe leider die Niete gezogen: den Carfloater, ein verrostetes Schwimmpier, das zwischen der Peking und der Wavertree, dem anderen großen Schiff vor sich hin dümpelt. Also heißt es mal wieder Müll aufsammeln, von dem keiner weiß, wie er dort hingekommen ist. Danach müssen wir tonnenweise Rost aufkehren, der mit Sicherheit auch vom toxischen Staubgemisch aus dem World Trade Center durchsetzt ist. Deswegen sind schlichte Atemmasken angesagt, um zumindest den größten Dreck aus der Lunge zu halten. Wie auch beim Bronx Zoo gilt – die schlechteste Arbeit ist zuerst fertig. Deswegen sind wir nach dem Lunch – Sandwiches und Salate – schon fast arbeitslos. Wenn nicht Richard, der Director of Volunteers, uns nach alter seemännischer Tradition zum Kehren eines blitzsauberen Decks verdonnert hätte.

Am Ende gibt es aber doch noch was Sinnvolles zu tun: das Polieren der Messingbullaugen. Leider gesellt sich auch noch ein etwas merkwürdiger Mann zu uns, der sichtlich durch das Polieren nicht ausgelastet war: er musste uns mehrfach berichten, dass er nicht nur in sämtlichen Waffengattungen der US Army gedient hat, sondern auch 11 Jahre an der NYU und der Columbia University Geschichte studiert hat. Das machte ihn scheinbar auch zum Computerspezialisten, denn er erklärt uns zudem die Prinzipien der Datensicherheit in Banken. Hanebüchener Unsinn, der nicht nur mich, sondern auch die Frau am Bullauge neben mir, die Zähne zusammenbeißen lässt – sie arbeitet in der IT Abteilung einer großen Bank.

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Gegen vier war es dann überstanden. Glücklicherweise sind Hobbyseeleute besser im Feiern als Zoologen, denn es gab ein großen Fass “Sam Adams” und Pizza von Lisa’s in der Fulton Street. Zwar lichten sich die Reihen schnell, aber der harte Kern schleppt das Bierfass immer der Sonne nach über das Deck und hätte wohl auch noch bis in die Nach gefeiert, wenn einen der aufkommende kalte Wind nicht doch von Deck vertrieben hätte.

Wir, natürlich beim harten Kern dabei, lernen noch einen emeritierten Professor kennen, der Führungen durch das Museum macht und ansonsten Spezialist für Moby Dick ist. Außerdem ist da noch Frank, der jeden Samstag bei der Renovierung der Wavertree mithilft. Wenn alles gut geht und sich Sponsoren finden, soll dieses Schiff aus dem 19 Jahrhundert nämlich wieder seetüchtig gemacht werden. Eine spannende Sache, finden wir und überlegen uns, ob wir da nicht auch mitmachen sollten – weit haben wir es ja nicht.

Frühjahrsputz im Zoo

von Oliver

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Was treibt einen dazu, am Samstag morgen um 6 Uhr früh aufzustehen, sich eine Stunde lang in die Subway zu setzen, um dann in der Bronx verottendes Plastik von einem sumpfigen Flussufer aufzulesen? Ich weiß es nicht und kann nur sagen, dass wir nicht die einzigen sind, die auf so eine Idee kommen. Mindestens 500 waren es und vielleicht wären es mehr gewesen, wenn es nicht eine maximale Teilnehmerzahl gegeben hätte.

Der alljährliche Frühjahrsputz im Bronx Zoo ist mehr eine Aktion für die Mitglieder, hat uns Zoo-Mitarbeiter Steven erklärt, als ein wirkliches notwendiges Aufräumen. Richtig aufgeräumt und geputzt wird natürlich das ganze Jahr über und der Frühjahrsputz dient primär dazu, die Mitglieder mal zum aktiven Mitmachen zu bewegen. Was sie dann ja auch gerne tun.

Warum der Zoo Mitglieder hat? Wie fast alle kulturellen Einrichtungen in New York bietet die WCS (World Conservation Society), die Dachorganisation von fünf der sechs New Yorker Zoos, eine Mitgliedschaft an. In der geringsten Stufe – meist für $60 pro Jahr – bekommt man für ein Jahr freien Eintritt für zwei Personen. Eine feine Sache, denn der Central Park Zoo und das New York Aquarium in Coney Island, liegen praktisch auf dem Weg zu unseren liebsten Ausflugszielen. Da besucht man doch gerne mal die Tiere oder geht auch einfach nur mal auf die Toilette…

Eine WCS Mitgliedschaft ist aber auch eine gute Tat, denn die WCS unterstützt über 300 Tierschutzprojekte weltweit. Da von unserer 60-Dollar-Minimalmitgliedschaft aber bestimmt nicht viel für diese Projekte übrigbleibt, entschließen wir uns andersweitig mitzuhelfen: wir machen uns also den Weg in die Bronx zum Member Clean-up day.

Die Bronx hat bekanntlich einen schlechten Ruf und wirklich, wir haben auch noch niemanden kennengelernt, der dort wohnt. Wir kennen Leute aus Brooklyn und Queens (wo es übrigens auch einen WCS-Zoo gibt), aus New Jersey und Long Island, aber niemanden aus der Bronx. Als wir das erste Mal zum Zoo gefahren sind, war es uns auch durchaus mulmig zu Mute- was ist, wenn die Station, an der wir glauben aussteigen zu müssen (genaue Informationen sind im New Yorker Subway-System rar), in einer No-Go-Area liegt? Was ist, wenn man sowieso falsch aussteigt? Hätten wir nicht besser den Expressbus nehmen sollen, der direkt aus Midtown vor die Türe des Zoos fährt?

Muss man nicht. Man kann entweder die 2 bis Pelham Parkway nehmen oder die 5 bis in die 180th St. und dann in die 2 umsteigen (letzteres empfieht sich, weil die 5 in Manhattan Express fährt). Bei Pelham Parkway erwartet einen ein netter Straßenzug mit Geschäften und eigentlich gepflegten Mietshäusern.

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Beim Treffpunkt am “Asian Parking” sieht das dann wieder anders aus, denn natürlich kann sich nur die reichere Mittelklasse leisten, für umsonst an einem Samstag vormittag zu arbeiten. Und die reiche Mittelklasse ist nunmal vor allem weiß. Eine wohltuende Ausnahme bildet eine bunt gemischte Truppe in leuchtend gelben T-Shirts mit der Aufschrift “Disney VoluntEARS”. Mit EARS sind natürlich Mickey Mouse’s Ohren gemeint – welch ein nettes Wortspiel. Später erfahren wir, dass es ein Teil der Belegschaft aus dem Disney Store an der Fifth ist, die – wie alle Disney-Mitarbeiter – hin und wieder für gemeinnützige Zwecke zur Verfügung stehen müssen. Hoffentlich bezahlt Disney seine Mitarbeiter dafür…

Nach dem wir uns an einem ziemlich üppigen Frühstücksbuffet versorgt hatten, ließen wir uns – zusammen mit den VoluntEARS – zu einem “Adults only” Job einteilen zu dem wir mit dem Bronx-Zoo-Shuttle, einer gasbetriebenen Einsenbahn auf Rädern, gefahren werden.

Unser Job ist anerkanntermaßen der Schlechteste – andere durften Gras im Rhino-Käfig anpflanzen, wir müssen Müll am Ufer des Bronx River aufsammeln, damit dieser nicht ins Meer geschwemmt wird. Wir machten uns also mit Rechen und Müllsäcken bewaffnet auf um hauptsächlich Styroporbecher, die Plastikumwicklungen von Zigrarettenpackungen und andere Plastikverpackungen vom sumpfigen Waldboden aufzupicken.

Nach einer knappen Stunde sind wir fertig (“The worst but the shortest job”) und machen uns auf den Weg zurück zum Eingang. Genug Zeit für einen Chat mit Bill Weber, der mit seiner Frau Amy das Gorillaprogramm in Ruanda betreut und auch ein Buch darüber geschrieben hat.

Nachdem wir dann unsere T-Shirts eingesammelt haben – keine Aktion in Amerika ohne spezielle T-Shirts- gehen wir dann noch auf einen Sprung in den Zoo. Pünktlich fängt es jetzt zu regnen an…