5. Woche

Von Oliver

Noch die Nachwirkungen der wilden Nacht Samstags im Conolly spürend, vergeht der Sonntag bis auf einen Spaziergang zum Southstreet Seaport sehr ruhig. Elke nutzt diese Zeit, um per Internet die New Yorker Juweliere nach einer seltenen Uhr für die Dortmunder abzugrasen und um nach Ausflugsmöglichkeiten à la “Mohegan Sun” zu stöbern.

Tags drauf stürzt sich Elke mit den beiden auf die Einkaufstour durch die Geschäfte von Manhattan. Das geht dann auch Dienstags so weiter, bis das Treiben am Abend ein jähes Ende findet und wir ein Lehrstück in punkto Freundschaft, Geld und die unselige Beziehung zwischen den beiden erhalten.

Denn irgendwie war eine Gegenleistung für Elkes Zeit vereinbart und da eine Stadtführung durch Dortmund in absehbarer Zeit nicht in Frage kommt (been there, done that!), war eigentlich ein Einkaufsbummel in unserem sprichwörtlichen Haus- und Hofgeschäft J&R geplant. Leider fiel den beiden dort ein, dass das doch trotz Budweiser-Taschengeld alles ziemlich teuer ist und dass man sich für das viele schöne Geld ja auch selber was Nettes kaufen kann. Das gab eine kurze Diskussion, bevor die beiden dann für immer im Manhattener Stadtdschungel verschwunden sind. Schade, weil die beiden ansonsten eigentlich ganz nett waren, schade auch um Elkes zwei verlorene Tage. Nicht schade um die verlorene Belohnung – die können wir uns zum Glück gerade noch selber leisten, was wir ein paar Wochen später auch getan haben. “Stop me next time, when I’m trying to help somebody” hat Captain Archer von der Enterprise passenderweise angemerkt, als er einer klingonischen Offizierin vergeblich helfen wollte ihr Schiff zu retten.

Aber das Leben geht weiter, und es gibt in New York mindestens so viel zu erforschen, wie im Weltall und deswegen machen wir uns noch am Dienstag daran, das Rätsel der Burger in der Paris Bar zu ergründen. Man erinnert sich: der Verzehr von zwei mittelmäßigen Hamburgern hatte uns zwei Wochen schlaflose Nächte bereitet. Ein einmaliger Ausrutscher des Kochs? Nein, wieder liegt das Hackfleisch wie Kieselsteine im Magen. Diesmal sind wir aber schlauer und schütten zwei Jägermeister hinterher, die – wie immer – sofort Erleichterung bringen.

Am Mittwoch findet Elke endlich Zeit, um das Thema Travel Permit zu lösen. Dies ist ein Dokument, das Elke garantiert, dass sie wieder in die USA einreisen kann, nachdem sie das Land verlassen hat. Beantragt haben wir das schon im Juni, fällig war es im September und ist in den damailigen Wirren wohl untergegangen. Elke ist erfolgreich, zu einem hohen Preis: sie bringt neben den amtlichen Dokumenten auch noch eine saftige fiebrige Erkältung mit.

Erst am Freitag erholt sie sich so weit wieder, dass wir die Freitagabend Happy Hour in der Lolita Bar zelebrieren können (allerdings mit mehr Diet Coke als Campari Soda). Als weitere Medizin gibt es dann noch was aus der Abteilung super-spicy vom Golden Forrest – ist ja bekanntlich gut für die Atemwege. Samstags steht dann mal wieder der Spaziergang nach Uptown auf dem Programm. Eigentlich ist das so gedacht, dass wir bei uns das Haus verlassen und uns dann mehr oder weniger auf dem Broadway bis nach Midtown bewegen. Wie immer allerdings, bleiben wir zwischen Union Square und Flatiron im Punch hängen bevor wir wieder umdrehen.

Abends machen wir dann aber doch noch zwei Entdeckungen: das Pongsri Thai Restaurant in der Bayard St. bietet Thai-Küche, wie wir sie in Thailand kennen gelernt haben. Gleich daneben ist Winnies Pub mit drei hübschen Chinesinnen hinter der Bar und einem Publikum, das so gemischt ist, wie man sich das von der Lage zwischen Chinattown und dem Gerichtsviertel erwarten kann. Dazu gibt es ein Karaoke, wo sogar langmähnige Rocker ihre Show zum besten geben. Wir werden diese Lokale sicher noch genauer beobachten und hier weiter berichten.

4. Woche

Von Oliver

Sonntag wollen wir meinem Vater unseren alten Wirkungskreis zeigen und marschieren durch Chinatown auf die Lower East Side in die Orchard Street. Dort befindet sich das Lower East Side Tenement Museum, dessen Besuch aus drei Gründen schon lange auf dem Programm stand: Erstens haben wir fünf Monate lang nebenan gewohnt, zweitens arbeitet unser Freund Mark aus der Lolita Bar dort und drittens sitzt mein Chef im Board of Directors.

Nachdem wir die Wartezeit mit einem Spaziergang durch die Orchard Street und das East Village sowie einem Kaffee in einem merkwürdigen chinesischen Stehcafe in der Ludlow Street verbracht haben, geht es los mit der Führung, die im Tenement Museum obligatorisch ist. Unser Guide Jennifer erklärt uns anhand von einigen originalgetreu wiederhergestellten Apartments das Leben der Einwanderer zur Zeit der vorletzten Jahrhundertwende. Da ist zum Beispiel die deutsche Einwanderin Natalie, deren Mann zum Zigarettenholen gegangen ist und die anschließend ihre drei Kinder alleine durchbringen musste. Die Lebensverhältnisse von damals sind natürlich vor allem für Amerikaner vom Lande, wo man große Häuser mit viel Platz hat, schockierend. Der Manhattanite ist eher von den Mieten um $10 beeindruckt, nicht wenige hätten für die winzigen Apartments heute $1500 oder mehr bezahlt. Allerdings würde man sie heute natürlich auch nicht zu acht oder mehr bewohnen.

Für den Abend steht der Besuch im Aqua Grill, einem der besten Fischrestaurants der Stadt, auf dem Plan. Zu Vorspeise beschließen wir, unser Wissen über Austern aufzufrischen und bestellen eine Zusammenstellung von 22 verschiedenen Austern von den kanadischen und amerikanischen Küsten. Und ja, man kann den Unterschied zwischen atlantischen und pazifischen sowie Kaltwasser- und Warmwasseraustern schmecken – aber wohl nur, wenn man sie direkt hintereinander isst. Als Hauptspeise gibt es natürlich Fisch und der ist lecker und nach New Yorker Standards gar nicht mal so teuer. Dazu kommt aufmerksamer, unaufdringlicher Service – den Aqua Grill kann man nur empfehlen!

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Montag steht dann die Kultur auf dem Programm. Es ist Martin-Luther-King Day, für mich wie für viele andere ein Feiertag. Leider hat das Metropolitan Museum trotzdem zu, deswegen gehen wir weiter zum Guggenheim, wo es eine Ausstellung über Brasilien und Norman Rockwell, einem amerikanischen Maler gibt. Besonders letzterer gefällt uns überraschend gut, da viele seiner Bilder politische und gesellschaftliche Ereignisse aus dem letzten Jahrhundert mit karikaturistischem Witz aufgreifen. Den Abschluss des Tags bildet ein Festmahl aus dem Wok des “Golden Forest” bevor wir alle recht erschöpft früh ins Bett gehen.

Nach einer ruhigen Woche geht es am Freitag zur Afterwork Party ins Roxy zwischen der 11. und 12. Avenue. Das ganze sieht ein bisschen nach gigantischer Disko auf dem Lande aus und auch die günstigen $3-Drinks sind bereits weggetrunken, als wir kamen, so dass wir schnell wieder gehen. Wenn schon Geld ausgeben, dann lieber in der Lolita, wo es allerdings so voll ist, dass wir auch dort nicht lange bleiben.

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Am Samstag nehmen wir schließlich den vierten New Yorker Zoo im Prospect Park in Brooklyn in Angriff. Es ist wunderschönes Wetter und der Park bildet tatsächlich eine Alternative zum Central Park, in dem es ja beim ersten Sonnenschein brummt wie in einem Bienenstock. In Brooklyn dagegen hat man viel Ruhe und wir genießen das. Das Wildlife Center im Park gehört auch zum WCS, weswegen wir freien Eintritt genießen. Im Gegensatz zum Central Park Zoo und Bronx Zoo, ist das Prospect Park Wildlife Center mehr auf Kinder ausgelegt. So kann das Brooklyner Stadtkind dort eine echte Kuh oder ein paar Schafe und Ziegen anschauen oder streicheln. Dazu gibt es Austellungen, wo man Tiere malen, viel über die verschiedenen Lebensräume in der Natur lernen und sich selber als Tierforscher betätigen kann.

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Abends wartet dann der nächste Besuch im Hilton am Times Square auf uns. Per Internet sind zwei Dortmunder an Elke herangetreten, um sie um Stadtführer- und Dolmetscherdienste zu bitten. Die beiden hatten eine Reise nach New York, samt einem dicken Taschengeld plus Shopping-Geld gewonnen und wollen damit auf Schnäppchenjagd gehen. Wir führen die beiden ins Conolly, wo es irische Hausmannskost und viel zu viele Sam Adams

3. Woche

Von Oliver

Am Sonntag abend tagt unsere Tennant Association, um über das Angebot der Vermieter abzustimmen. Im Foyer des 11. Stockwerks kommt so etwas wie die Atmosphäre einer Bürgerversammlung in einem kleinen Dorf auf. Man kennt das ja aus Filmen: es bilden sich zwei Lager und es wird zunehmend heftiger diskutiert. Es ist aber auch vertrackt: Das Angebot umfasst eine angemessene Mietreduktion für alle, die im Haus bleiben wollen, aber auch zweieinhalb Monatsmieten Strafe für diejenigen, die ausziehen wollen, oder bereits ausgezogen sind. Was für uns also gut ist, ist für andere ein Grauen. Um das ganze noch spannender zu machen, müssen mindestens 70% aller Mieter das Abkommen unterstützen und im Haus bleiben.Andernfalls wollen die Vermieter jeden Mieter einzeln verklagen, was für uns im Endeffekt keine Mietreduktion und der Verlust eines schönen Batzen Geldes bedeutet.

Zu aufregend, um gleich ins Bett zu gehen. Deswegen machen wir uns auf den Weg in die Paris Bar, um dort noch ein nettes New Yorker Erlebnis mitzunehmen: Etwa gegen 10 Uhr abends wird der Fulton Fish Market beliefert, was kistenweise frischen Fisch und wie die Bienen herumflitzende Gabelstapler bedeutet.

Montag morgen finden wir dann eine E-Mail von unserem ehemaligen Nachbarn an alle Mitglieder der Tennant Association im Postkasten, die davon abrät, das Abkommen zu unterschreiben. Und das im Stil schlechter politischer Propaganda, die unter dem Strich sagt, dass wir alle verloren sind, wenn wir zustimmen, weil die Vermieter von Natur aus böse und verdorben sind. Über den Tag trudeln dann weitere E-Mails ein, die im Ton immer böser und zynischer werden.

Erst am Dienstag gibt es die Auflösung: Es haben genug dafür gestimmt, wir können aufatmen. Am Mittwoch feiern wir das ganze auch angemessen in der Paris Bar mit dem schwersten Burger, der uns bisher untergekommen ist, geschmacklich einwandfrei, aber leider so fettig, dass er wie ein Stein im Magen liegt.

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Am Freitag kommt dann mein Vater für ein langes Wochenende zu Besuch. Das wird mit Elkes mittlerweile schon berühmten Fusion-Kotopoulo-Stofourno, einem traditionellen grischischen Gericht mit Ofenkartoffeln und Hühnchen, angereichert mit sonnengetrockneten Tomaten, Oliven und Chilli. Um den Jetlag erst gar nicht aufkommen zu lassen, gehen wir dann noch auf einen Abstecher (zum dritten Mal in dieser Woche) in die Paris Bar.

Am Samstag zeigt sich New York von seiner scheußlichsten Seite. Es ist kalt, ein eisiger Wind weht und es fängt langsam aber sicher an zu schneien. Die Broadway-Show, die wir uns vorgenommen hatten, fällt leider aus: Im TKTS,wo man angeblich günstige Karten für denselben Abend bekommt, ist gerade noch eine einzige Karte für Les Miserables erhältlich. Vielleicht ist deshalb das lautstarke Klagen der Theater so schnell abgeklungen…

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Der Weg führt uns dann am Hudson, über das World Financial Center nach Tribeca und Soho. Dort wird es zunehmend ungemütlich, so dass wir uns in ein kleines Cafe im Village zurückziehen müssen und bei einer heißen Schokolade über den weiteren Tag nachdenken. Dank Vindigo haben wir uns auch schnell auf einen Film – “The Royal Tenenbaums” geeinigt, den wir uns im AMC in der 42th Street anschauen. Der Film – gespickt mit Oscar- und Oscar-verdächtigen Schauspielern, ist durchaus amüsant und bringt einen in gute Laune. Nicht so das Wetter: Der Schneesturm macht en Spaziergang über den Times Square zur Qual. Als dann auch noch PJ Carney – unsere sonst zo zuverlässige Midtown-Zuflucht – wegen Renovierung geschlossen ist, kommen Elke und ich trotz genauester Planung ins Schwimmen (“The only problem with Plan B was that, like most Plan B’s, it didn’t exist” – Alex Garland, “The Beach”). Wir tauchen also in die U-Bahn ab, und fahren ins Walkers, nicht zuletzt deswegen, weil die Subway-Station direkt neben dem Eingang liegt. Dort gibt es das übliche gute Essen und ein paar weitere Sam Adams bevor wir uns ein paar Blocks weiter zum Absacker in den Reade Street Pub aufmachen, um zu beweisen, dass es die Halbe Bier in New York auch unter $5 zu haben gibt.

46. Woche

Von Elke und Oliver

Sonntag 11. November

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Heute haben wir viel vor: zunächst fahren wir mit dem F-Train nach Coney Island, wo wir ein bisschen trotz eisigem Wind und Sonnenschein am Strand entlang spazieren. Dann muss natürlich ein Besuch im Aquarium sein. Auch Gitti und Karin sind von der Besonderheit dieses Aquariums begeistert. Wir haben auch Glück, und können noch der letzten Delphin-Show des Jahres beiwohnen.

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Hungrig und durstig geworden fahren wir in unser altes Viertel und kehren bei Nice Guy’s Eddie ein. Scharfe Chicken Wings, Burger und Bier wärmen schnellstens auf.

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Um den erlebnisreichen Tag noch zu toppen, lassen wir uns von einem Taxi ins East Village kutschieren und gehen ins Café Wha? Die Haus-Band des Café Wha? ist einfach großartig. Mindestens ein Dutzend Musiker, die alle auch andere Engagements haben und noch viel größere haben könnten. Zu einem Besuch in New York, gehört dieses preiswerte, hörens- und sehenswerte Vergnügen einfach dazu! Dass mir mein schwarz-weißer echter Pashmina-Schal mit den Spiegelchen abhanden gekommen ist, trübt den Abend ein klein wenig. Doch angesichts der Tatsache, dass ich von meinem Münchner Besitz sowieso nur einen Bruchteil nach New York mitnehmen konnte, und man sowieso mit Besitz nicht wirklich etwas anfangen kann, vertreibe ich trübe Gedanken wieder und jammere nur hier und da ein bisschen…

Montag 12. November
Da wir alle mal unsere E-Mails checken möchten, besuchen wir am Times Square das Easy Everything. Es kann zwar das häusliche Online-Vergnügen nicht ersetzen, aber genügt zum Abrufen und Beantworten der E-Mails.

Dienstag 13. November

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Zum Abschluss des Aufenthalts von Gitti und Karin spazieren wir noch ein wenig durch Soho und shoppen – zumindest Biggi – im Canal Jeans am Broadway. Dann erreicht mich ein Anruf, dass ich den ersehnten Job habe – Hurra! – die Freude ist groß! Und so laufen wir zu Fuß durch Chinatown, durch die Lower East Side und kehren auf einen Drink im “Sin Sin” ein. Zum Dinner treffen wir uns mit Oliver in einem unserer Lieblings-Sushi-Lokale, dem Avenue A Sushi

Mittwoch 14. November

goodbye
Heute enden zehn vergnügliche, abwechslungsreiche Tage, da Gitti und Karin wieder aufbrechen und gen Florida weiterfahren.

Freitag 16. November
Die letzten Tage plagte mich eine üble Erkältung, die zwar heute Abend im Reade Street Pub nicht besser wird, doch tut die kleine abendliche Abwechslung gut. Und der Pub ist bereits ganz zauberhaft weihnachtlich geschmückt. Er kann uns zwar die Lolita downtown nicht ersetzen, ist aber eine bodenständige Alternative.

41. Woche

Von Oliver
Diese Woche beginnt mit zwei Festen – am Sonntag feiern wir ein halbes Jahr New York und am Montag ist natürlich Elkes Geburtstag. Wie der amerikanische Kalender es so will, ist am Montag auch noch Columbus Day und somit ein Feiertag – es steht also nach den ganzen Turbulenzen zwei schönen Tagen nichts im Wege.

Am Sonntag machen wir uns dann auch gleich auf den Weg nach Uptown, nach langer Zeit mal wieder in Richtugn Westside. Dort gibt es ein paar nette Möbelgeschäfte in denen wir uns ja zumindest einmal inspirieren lassen können. Im Pottery Barn erreicht uns dann leider ein Anruf: Martina teilt uns mit, dass die Angriffe auf Afghanistan begonnen haben. Sorry Martina, das war leider das letzte, was wir in diesem Moment hören wollen. Wir hätten es ja noch früh genug erfahren.

Nun ja, die Welt ist also mal wieder um einen Krieg reicher (oder ärmer – wie man es sieht), aber in New York scheint die Sonne noch immer und im Central Park fahren die Menschen wie zuvor mit den Kutschen spazieren. Uns ist die Laune aber doch verhagelt und wir machen uns wieder auf zum PJ Carney’s, wo wie erwartet CNN läuft, was uns die Möglichkeit gibt, uns aus erster Hand zu informieren. Irgendwie setzt sich dann doch die Erkenntnis durch, dass auch nicht viel anderes passiert ist, als damals beim Golfkrieg oder beim Angriff auf Jugoslawien.

Den Abend verbringen wir dann erst zuhause, um später Elkes Geburtstag in der Lolita zu feiern. Das hätte sehr nett werden können, leider sind weder Katie, Leah oder Clyde noch irgendwelche Gäste anwesend. Und der Aushilfsbarkeeper teilt uns mit, dass die Sonntagabend-Happy-Hour abgesagt wurde – schöner Reinfall. Glücklicherweise schaut dann noch Holger vorbei, so dass wir doch noch ein paar Drinks kippen, bevor wir gegen 3 Uhr nach Hause gehen.

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Montag machen wir uns dann auf den Weg zur Columbus Day Parade, die zwischen der 40th und 50th St. beginnt und sich dann die 5th Ave. in Richtung Upper East Side hochzieht. Natürlich wird die Parade zur Demonstration von amerikanischen Patriotimus und natürlich sind die Sicherheitsvorkehrungen gigantisch. Uniformierte Polizei wohin man schaut und auch unauffällige Herren mit Sonnenbrille und Knopf im Ohr sind häufig zu sehen. Ganz wohl ist es uns in der Tat auch nicht inmitten der Menschenmassen, aber wir wollen uns ja schließlich auch nicht verstecken.

Beim Central Park haben wir dann genug gesehen und gehen mal wieder in den Zoo, wo die Eisbären wieder zurück sind und wir endlich den Red Panda zu Gesicht bekommen. Nach einem kleinen Snack im Cafe gehen wir dann in die 42nd. St. wo wir den Film Serendipity im AMC Empire 25 Kino anschauen wollen. 25 steht in diesem Fall für die 25 (!) Kinosaäle, die dieser Multi-Multiplex zu bieten hat. Wie gigantisch dieser Komplex ist, merken wir, als Elke einen Handschuh holen will, der ihr bei der Kasse aus der Tasche gefallen ist. Zurück gehen kann man wegen der Einbahnrolltreppen nicht, also müssen wir über mehrere Ebenen hoch und wieder runter laufen, bis wir einen halben Block weiter auf der Straße landen. Der Handschuh war noch da und deswegen konnten wir den Film auch in vollen Zügen genießen. Ohne zu viel zu verraten – es ist eine herrliche romantische Komödie, die vor allem in Midtown zwischen Lexington Avenue und Park Avenue spielt. Eine einzige Einstellung zeigt einen Blick über Manhatten nach Downtown – merkwürdigerweise nicht unter dem üblichen blauen Himmel, sondern bei Nebel, so dass die Skyline an der Südspitze Manhattans nicht zu sehen ist…

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Das Geburtagsessen gibt es bei Zutto, einem Sushi-Restaurant in Tribeca. Da wir auf einen schönen Platz noch ein bisschen warten müssen, kehren wir vorher auf einen Drink im Liquor Store ein, einer eigentlich ganz netten Bar – abgesehen von der Tatsache, das die Barkeeperin eine Latzhose trägt und somit nicht mit Manhattans süßester Barfrau Katie konkurrieren kann.

Der Sushi im Zutto ist klasse – neben den üblichen Rollen bekommen wir auch eine ganze Menge verschiedenen Fisch und der schmeckt auch ohne Reis ziemlich gut. Zum Abschluss nähern wir uns dem Sake an – auch der ist lauwarm eigentlich sehr lecker.

Am Dienstag abend tagt dan zum ersten Mal die Tennent Asscociation der 15 Park Row. Vor den Aufzügen im elften Stock treffen sich ungefähr 50 Bewohner des Hauses und die meisten sind ziemlich sauer. Im Prinzip ist das so etwas wie die Gegenprobe für Bürgermeister Giulianis viel gelobten Führungstil nach der Ereignissen vom 11. September. Während Giuliani sich stets bemüht hat, New Yorks Bürger so schnell und so gut wie möglich zu informieren, ist das Hausmanagement schlicht und einfach abgetaucht – wohl in der absurden Hoffnung, dass die Mieter nicht gemerkt hätten, dass sich etwas verändert hat.

Donnerstag findet dann das zweite Meeting der Tennant Association statt – diesmal mit Jack Lester, einem bekannten New Yorker Mieteranwalt, der einige Häuser in der Downtown-Region vertritt. Jack tritt ziemlich professionell auf, ist sich sicher, dass die Vermieter vor Gericht verlieren würden und versucht die Emotionen aus der ganzen Sache herauszubrigen – kein leichtes Unterfangen, da die meisten Mieter ziemlich jung und viele davon auch noch Jura-Studenten sind. Auf jeden Fall wird ein Mietstreik beschlossen, um die Forderung nach Mietminderung bzw. firstlosem Kündigungsrecht der Mieter Nachdruck zu verleihen.

Nach dem Treffen wollten wir noch in die Racoon Lodge in der Warren St. gehen, wo sich einige Mieter treffen wollten. Leider nicht möglich, da die Straßen immer noch gesperrt sind.

Am Freitag abend treffen wir uns dann im Southstreet Seaport zur Happy Hour, bevor wir uptown zu Ken fahren, der ein Dinner ohne Anlass geplant hat. Ein äußerst netter Abend, bei dem der leckere spanische Wein ausgeschenkt wird, den Ken aus dem Urlaub in Madrid mitgebracht hat.

monorail

Samstag gehen wir dann zum zweiten Mal in den Bronx Zoo, diesmal um mit der Monorail durch die asiatische Tierwelt zu fahren und anschließend durch das wunderschöne Dschungelhaus zu streifen. Zurück nehmen wir den Bus, der zwar doppelt so teuer wie die Subway ist, dafür aber auch wesentlich schneller. In Midtown steigen wir aus und streifen durch die laue Nacht, bevor wir im Pig’n’Whistle auf ein irisches Abendessen einkehren.

39. Woche

Von Oliver

Langsam leben wir uns wieder in unserer Wohnung ein, auch wenn es noch immer alles andere als normal ist in unserer Gegend. Das Gebiet um das World Trade Center ist noch weiträumig abgesperrt und die Straßen in unserer Nachbarschaft werden willkürlich von Polizisten und Nationalgarde geöffnet und geschlossen. Das liegt – auch – an der großen Anzahl von Besuchern, die den Broadway herunterkommen, um einen Blick auf das Unfassbare zu werfen. Neben zahllosen Profi- und Hobbyfotografen sind auch viele solche dabei, die einfach nur dastehen und fassungslos auf die Ruinen der Twin Towers starren.

Unser nächstes Abenteuer kommt am Donnerstag. Da wird in New York Yom Kippur gefeiert und meine Firma gibt dafür einen Feiertag. Wir wollen das nutzen, um unsere Sachen endlich vom Frachthof in Linden, New Jersey abzuholen. Ganz so einfach ist das nicht, denn a) ist derVerkehr downtown immer noch gesperrt, b) sind unsere Umzugskisten in einer großen, sperrigen Holzkiste, die in keinen Kleintransporter passt, eingepackt und c) haben wir keine Ahnung, wo wir mit den Resten dieser Holzkiste hinsollen.

Am Mittwoch versuchen wir eine Art Passierschein von unserem Haus zu bekommen, was leider nicht funktioniert, da wir dazu das Nummerschild des Transporters bräuchten, dass uns aber bei U-Haul, der Leihwagenfirma, niemand sagen kann. Also werden wir mit einem Blankoformular auf den Weg geschickt.

Am Donnerstag morgen müssen wir – das haben wir Freddy, dem Mietwagentyp, versprochen – punkt 8 Uhr früh in der 1st Street, Ecke Bowery, stehen. Gleichzeitig hat Freddy Elke aber auch noch verraten, dass er leider erst um 8:30 da sein kann. Wir sind gespannt, wie das funktionieren kann und stoßen auf eine verblüffend einfache Lösung: Wir müssen eine halbe Stunde warten, bis Freddy aufschlägt und sein Büro aufsperrt.

So wird es dann 9, bis wir in unserem etwas verbeulten U-Haul sitzen und uns auf den Weg nach Jersey machen. Da der Holland Tunnel downtown geschlossen ist, machen wir uns auf den Weg nach Midtown zum Lincoln Tunnel. Das ist gar nicht so einfach, denn der Verkehr auf merkwürdige Art spiralförmig um die Blocks geleitet. Jedesmal, wenn ein Schild in Richtung Lincolntunnel weist, steht dort ein Polizist und winkt uns in eine andere Richtung. Erschwerend kommt dazu, dass wir in unserem Kleintransporter nicht genau wissen, ob wir ein richtiger Truck sind.

manhattan

Irgendwann finden wir dann die richtige Schlange, wo unser Wagen von einem State Trooper in grauer Uniform mit Cowboyhut durchsucht wird. Dann dürfen wir weiterfahren und sind kurze Zeit später in New Jersey. Dort sieht es alles andere als aufregend aus, nur die gelegentlichen Blicke auf Manhattans neue Skyline jagen eine noch immer Schauer über den Rücken.

Der Frachthof in Linden ist eine traurige Ansammlung von niedrigen Baracken, Lagerhallen und abgestellten Trucks. Nachdem wir uns im Büro die notwendigen Papiere besorgt haben, fahren wir in die Lagerhalle und sehen ein Schild, dass uns alle Hoffungen raubt. Dort steht nämlich, das unter keinen Umständen die Frachtkisten geöffnet werden, da es in der Vergangenheit zu oft vorgekommen ist, dass die Kistenreste bequem im Gebüsch des Frachthof entsorgt worden sind. Ausnahmen werden nicht gemacht, wer ein zu kleines Auto hat soll sich eben ein größeres besorgen.

Glücklicherweise können wir klarstellen, dass wir mit der geschlossenen Kiste sowieso nicht durch die Kontrollen am Lincoln-Tunnel gelassen werden. Wir versprechen hoch und heilig, alles wieder mitzunehmen und bekommen tatsachlich die Erlaubnis, die Kiste aufzubrechen.

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Werkzeug haben wir uns klugerweise schon von Doris geliehen, doch es kommt besser: Der Gabelstaplerfahrer rammt die Kiste erst gegen so gegen den U-Haul, dass der Deckel aufspringt. Dann beginnt er Gefallen daran zu bekommen und zerlegt die Kiste mit ein paar schnellen Stößen mit seinem Gabelstapler. Dabei purzeln unsere Kisten nur so übereinander. Bevor wir uns aber ärgern können, machen wir eine grausige Entdeckung: eine ganze Reihe von Kisten ist mit Papier und Plastikresten gefüllt und dienen als Füllmaterial. Auf deutsch: Wir haben uns von vielen Sachen in München trennen müssen, weil sie nicht mehr in die 25 Kisten gepasst haben und haben stattdessen alte Zeitungen und Plastikreste über den Atlantik transportiert.

Unglaublich – alle Speditionen, mit denen Elke geredet, und das waren einige, waren unfähig, uns den Preis in Abhängigkeit von Standardumzugskisten zu nennen. Mit Standardumzugskisten meine ich diejenigen, die ich schon seit meiner Kindheit kenne und mit denen ich unzählige Umzüge bestritten habe. Leider sind diese Kisten bei den Umzugsunternehmen scheinbar unbekannt – dort kann man ausschließlich in Kubikmetern rechnen. Und so konnte uns Zapf Umzüge zwar ungefähr sagen, wieviel wir für 25 Kisten zahlen müssen, nicht aber, dass wir für’s selbe Geld noch ein paar mehr Kisten unterbringen könnten. Zu Verteidigung von Zapf Umzüge sei gesagt, dass deren Angebot bei Weitem das günstigste war.

Zurück nach Jersey – die Kisten sind schnell verladen, nur die Teile der großen Holzkiste müssen in kleinere Stücke zersägt werden bevor wir uns wieder auf den Rückweg machen können. Einen Stopp machen wir noch im Pathmark, um dort festzustellen, dass die Supermärkte in Jersey auch nicht signifikant günstiger sind als in Manhattan.

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Der Rückweg ist erfreulich unproblematisch. Nach der Kontrolle am Lincoln Tunnel, erwartet uns noch eine weitere an der Southstreet. Aber unser Blankopassierschein reicht aus und so stehen wir ziemlich schnell vor unserem Haus, wo wir zwei erfreuliche Erlebnisse haben: Zum einen können haben wir gerade mal ein paar Kisten in die Lobby geschleppt, als ein Junge vom Hauspersonal mit einer Sackkarre kommt und uns alle (!) Kisten bis in die Wohnung schleppt.

Auch die Kistenreste werden wir überraschend einfach los: Wir stellen ihn einfach auf die Straße, während unser Doorman Nick mit einem Offiziellen von der New York Sanitation verhandelt. Kurz darauf kommt ein Müllwagen und nimmt alles mit – das ist hier noch bequemer als der Münchner Wertstoffhof.

Freitag ist dann eine der wenigen noch stattfindenden Dotcom-Parties in Midtown angesagt. Da solche Events leider nicht mehr umsonst sind, gehen wir erstmal zum Vorglühen in die Lolita bar. Das Abendessen – zwei Sandwiche aus dem American Deli in der Delancey Street – neben wir ganz romatisch im F-Train ein, der uns bis zur Lexington Avenue bringt. Dort ist die Party leider schon wieder vorbei, wer noch in den Laden will, muss $10 Eintritt abdrücken. Nicht mit uns – wir geben das Geld lieber downtown aus und unterstützen die Divine Bar in der Liberty St.

37. Woche

 

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Von Elke
Sonntag, 09. September 2001
Endlich! Das erste echte Wochenende in unserer neuen Wohnung, in dem Apartment, das nun unser Heim werden soll. Schön ist’s hier! Und heute ist das Wetter herrlich, so dass das erst kürzlich vom Schmutz befreite Woolworth-Building einen malerischen Kontrast zum knatschblauen Himmel bildet. Wie lässt sich solch ein wunderschöner Herbsttag am Besten zelebrieren? Wie wäre es mit einem kleinen Lunch am Seaport Pier? Sonntäglich gekleidet, spazieren wir durch unsere neue Neighbourhood und kehren schließlich im “Gators” ein, wo wir uns Long Island Muscheln auf Eis zur Vorspeise munden lassen und uns anschließend ein Seafood-Jambalaya und ein Shrimp-Reisgericht. Hier ist es einfach wunderbar – die Sonne strahlt uns an und vor uns tummeln sich auf dem silberblauen Eastriver ein paar Ausflugsboote sowie größere Segelschiffe. Derzeit sind wir auf der Sache, nach Postkarten, die unser Jahrhundertwendehaus zeigen, doch gibt es kaum welche, da es immer von anderen, prächtigeren Bauten versteckt wird. Doch werde ich nach diesem köstlichen Lunch zufällig fündig und erstehe eine einzige Postkarte, die die Downtown-Skyline zeigt, von den Türmen des World Trade Centers beherrscht, aber die beiden kleinen Türmchen auf dem Dach unseres Hauses sind gut zu erkennen. Also zahle ich die 25 Cent und stecke die einzelne Karte ein. Anschließend spazieren wir weiter Downtown, bis es nicht mehr weiter geht und wir wieder umkehren müssen, um dann ein wenig die Häuserschluchten der Financial Area zu erkunden. Irgendwann erreichen wir den von mir so geliebten Battery Park, doch schauen wir nur ein wenig nach draußen, auf die Statue of Liberty und setzen uns nicht auf meine Lieblingsbank, auf der ich diesen Sommer so viele Stunden verbracht habe. Ich mache Oliver noch aufmerksam, auf einen besonders schönen Fotospot, von wo aus man die World Trade Center Türme in ihrer ganze Pracht aufnehmen kann. Auch erzähle ich ihm, dass ich genau an dieser Steller zuletzt von Martina ein Foto aufgenommen hatte, und an jenem Tag jedoch keine Touristen zugegen waren, weshalb ich es auch heute ablehne, eine Foto von mir machen zu lassen.

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Schließlich machen wir uns wieder auf den Heimweg, den Broadway hinauf und da es aber noch früher Nachmittag ist, schauen wir noch bei meinem Lieblingsbookshop, dem Boarders im World Trade Center vorbei. Von dort aus hat man einen fantastischen Blick auf unser Haus. Wie sehr liebe ich den Blick, wenn man auf der Boarders-Rolltreppe steht, den ersten Stock hinauf rollt, durch das Fenster nach draußen blickt und unseren achtzehnten Stock ganz genau ausmachen kann. Ein Sonnenstrahl trifft gerade unser Livingroom-Fenster. Wunderbar! Wir verlassen den Bookshop mit all seinen literarischen Verführungen, ohne auch nur irgendwas gekauft zu haben. Weder die Zeitschrift für Natascha mit Kevin Spacek auf dem Cover, noch die mit Mark Wahlberg für mich, noch ein Buch für Oliver kaufen wir ein. Nein, wir sparen uns das Geld heute und erwerben nur mehr schnell drei Gallonen Wasser im Duane Read Store, der sich im Untergrund des World Trade Centers befindet. Wir schlendern noch ein wenig umher, nehmen aber schließlich die Rolltreppe nach oben und gehen schließlich nach Hause.

Montag, 10. September 2001
Am Montag geht Oliver wie gewöhnlich arbeiten und ich lasse den Morgen erst mal gemütlich angehen, bevor ich mich in unser altes, noch bis Ende September gemietetes Sublet aufmache, um dort meine E-Mails zu checken, Jobs zu suchen und mich zu bewerben. Am Spätnachmittag wollte ich dann einigermaßen frustriert wieder zur Park Row zurück, als ich plötzlich noch eine Job-E-Mail erhielt. YEAH – ein so langersehntes Job-Interview, in einer gut finanzierten Startup-Company, gegenüber im Woolworth-Building. Bei Erhalt dieses Jobs würde ich doch glatt noch Olivers sehr kurzen Arbeitsweg unterbieten. Als dann noch Gitti aus ihrem Urlaub anruft, bin ich seelig und verpasse getrost das Webgrrls-Networking-Meeting. Stattdessen gehe ich noch beim Golden Forrest vorbei und kaufe unsere Lieblingsspeisen. Auf dem Weg dorthin begnet mir ein junger Mann und schweigend gehen wir bis zur Kreuzung nebeneinander her. Er führt einen großen, champagnerblonden Hund spazieren. Er selbst trägt Schuhe mit Schlangenmuster, schwarze Jeans, hellblaues Hemd und eine Nadelstreifenjacke. Seine Haare sind blond, kinnlang und rahmen ein echt attraktives Gesicht ein. Als die Essexstreet die Grandstreet trifft, muss ich links abbiegen, während der mich ein einen Hollywoodsuperstar erinnernde junge Mann weiter die Essex entlang geht. Er sieht mir nach. Okay, ich weiß das auch nur deshalb, weil ich mich noch mal umgedreht hatte. Beschwingt betrete ich schließlich den Golden Forrest und ordere Olivers und meine Lieblingsspeisen: Spicey Orange Chicken und Spicey Shrimp Curry. Die Belegschaft des Golden Forrest sind entzückt, mich zu sehen und wir alle diskutieren eifrig das Leben Downtown. Sie freuen sich wirklich, dass Oliver und ich ein so schönes Apartment gefunden haben. Als draußen plötzlich der Himmel seine Pforten öffnet, und ich keine Chance habe auch nur einigermaßen trocken zu Hause anzukommen, leiht man mir sogar noch einen Schirm. Beseelt und echt glücklich spaziere ich durch den Regenschauer und das Gewitter, das mich sonst immer zu Tode geängstigt hatte. Doch irgendwas ist heute anders. Ich fühle mich stark und die Naturgewalten können mir heute nichts anhaben.

Oliver ist froh, mich zu sehen, auch wenn ich eigentlich netzwerken hätte sollen. Aber so genießen wir das leckere Chinese Food und schauen währenddessen “The Weakest Link”. Diesmal bilden unter anderem ein jüdischer Rabbi, ein Theologie-Student, ein Meteorologe sowie eine kalifornische Dog-Sitterin die Rate-Kette. Die Herren in der Runde fühlen sich sehr sicher, der Meterologe sogar derart, dass er die Hundesitterin abwählt mit den sinngemäßen Worten “es wird Zeit für sie, sich wieder ihrer Hundesitterkarriere zu widmen”. Bummer! Das sitzt. Wie kann jemand nur so unverschämt sein? Und wie zum Trotz, hat es eben jene Frau bis in die Endrunde geschafft und schließlich gewonnen. YEAH – das hat sogar der Modoratorin ein echtes Lächeln entlockt.

Nach unserer geliebten Seinfeld-Show, die immer gegen 11:30h zu Ende ist, stehen wir noch ein wenig am Fenster, trinken einen Schluck Whiskey und lassen unseren Blick über die Stadt streifen: Rechts unten liegt der City Hall Park und die Lichter im Rathaus sind schon lange ausgegangen. Wohingegen das ebenfalls rechts, aber viel weiter entfernt liegende Empire State Building noch illuminiert ist, heute in grün und gelb. Etwas näher dran befinden sich einige Condomniums, Häuser mit Eigentumswohnungen und dann direkt gegenüber von uns steht das Woolworth Building und links davon ein Federal Building. Etwas weiter links sehen wir einen World Financial Turm, der, in dem sich American Express befindet. Direkt unter uns, etwas nach links versetzt ist eine kleine Kirche, die Saint Pauls Chappel, die stündlich ankündigt, welche Stunde geschlagen hat. Und dahinter ragt einer der World Trade Center Türme empor. Stolz und stark steht er da. Viele, viele Menschen scheinen auch jetzt noch kurz vor Mitternacht darin zu arbeiten, oder ist der Turm nur so erleuchtet, um uns, die ihn anschauen, zu erfreuen? Wir können nicht anders, und erinnern uns immer und immer wieder gerne an unser Hochzeitsdinner, das wir im “Windows On The World” genießen durften.

Trotz Reservierung mussten wir damals fast eine Stunde warten, wurden dann aber durch einen unvergesslich schönen Ausblick auf’s nächtliche, glänzende Manhattan entschädigt. Hatten wir doch tatsächlich den besten Tisch im ganzen Restaurant zugewiesen bekommen. Wir ganz nah am Fenster, vor und neben uns niemand mehr, außer viele, viele Stockwerke unter uns und ganz Manhattan vor uns. Ob wir damals wohl “unser Building” sehen konnten? Diese Frage stellten wir uns jetzt. Wir beschließen, dass wir es damals irgendwie schon wussten, ähnlich wie der attraktive, farbige Host im “Windows On The World” der uns mit den Worten “I knew it, when I sent you there. Have a good night” verabschiedete. Damals…

Dienstag, 11. September 2001
Beschwingt stehe ich auf und freue mich, dass am Freitag endlich Time Warner unseren TV angeschlossen hatte und ich jetzt mit Denise Aerobic turnen kann. Dann dusche ich, wasche meine Haare und probiere verschiedene Klamotten aus, denn ich will für mein Bewerbungsgespräch am Donnerstag gut aussehen. Okay, bis dahin vergeht zwar noch etwas Zeit, doch mir ist gerade so danach. Schließlich entscheide ich mich für Shorts, da ich ja heute erst mal zu Hause bleiben und auf den Techniker von Verizon warten werde. Unser mittlerweile dritter Versuch ein Telefon zu bekommen.

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Wie so oft in den vergangenen Monaten bereite ich für Oliver ein Frühstücks- bzw. Lunch-Wrap zu, mit dem Unterschied dass ich im Gegensatz zur Orchardstreet nicht seitlich sondern mit dem Rücken zum Fenster stehe. Ich höre nicht, was Oliver plötzlich zu mir sagt. Ich höre nur einen entsetzlichen Knall. Ein solch fürchterlicher Knall, der nur etwas Schreckliches bedeuten kann. Doch was? Noch immer lasse ich nicht von den Wraps los, als Oliver schon am weitgeöffneten Fenster steht und mich darauf hinweist, dass da soeben ein Passagierflugzeug in das World Trade Center geflogen ist. Also trete auch ich an dieses Fenster und ja, tatsächlich, da steckt ein Flugzeug in dem gigantischen Nordturm.

Wie kann nur solch ein entsetzlicher Unfall passieren?

Ich weiß nicht, was ich tun soll, aber ich weiß, dass ich nicht mit nassen Haaren und in Shorts in der Wohnung bleiben will. Mit zitternden Händen föhne ich die Haare irgendwie trocken, tusche meine Wimpern und schmiere mir Lippenstift auf die Lippen. Ich ziehe eine lange Hose und feste Schuhe an, packe meinen Rucksack, in dem sich noch immer unser Laptop samt Kabel befindet, und weiß dann nicht, was ich noch mitnehmen soll.

Was sollen wir nur tun? Müssen wir überhaupt etwas tun? Was passiert denn jetzt? Geht von dem Flugzeug, das da in dem Turm steckt eine Gefahr aus? Wir haben keine Ahnung. Auch geben die Nachrichten keine Auskunft darüber. Sie zeigen die Bilder, aber geben keine weiteren Informationen. Mein Blick fällt auf eine CD und auf unser gerahmtes Hochzeitsfoto, das Birgit von uns gemacht hat, und ich stecke beides ein. Ich frage Oliver, ob er etwas Bestimmtes braucht oder möchte, aber er verneint.

Es kracht erneut. Was kann das denn jetzt sein? Vermutlich einer der Flügel des Flugzeugs. Oliver weicht entsetzt vom Fenster zurück und schreit “da springen Menschen aus dem Fenster! die springen wirklich runter!” Wieder nehme ich ihn nicht wirklich wahr, sondern gehe zum Fenster, um mich selbst zu überzeugen. Aber wovon denn? Davon, dass da Menschen in Todesangst aus dem soundsovielten Stock springen? Meinen Blick kann ich gar nicht schnell genug abwenden, ohne dass ich nicht auch einen durch die Luft schwebenden Mann im dunklen Anzug gesehen hätte… Unglaublich viele Gedanken drängen sich mir auf, auch völlig vernünftige, und so beginne ich alle Fenster zu schließen: die zwei in der Küche, die zwei im Living Room und die zwei im Büro-Schlafzimmer. Und endlich, endlich verlassen wir unser Apartment und begegnen dabei unseren Nachbarn, die ebenfalls nur noch von hier weg wollen und auch nicht wissen, wie dieses Unglück überhaupt passiert sein könnte.

In der Lobby angekommen, wechseln wir mit dem Dienst habenden Doorman, dem eleganten, ein paar Worte und gemeinsam biegen Oliver und ich in die Ann Street ein. Weiter die Nassau Street entlang, bis wir links in die Wall Street abbiegen. Die Straßen sind gefüllt mit aufgeregten und zum Teil verängstigten Menschen, die alle irgendwie und irgendwo Schutz suchen. Die Straßen sind übersät mit Staub, unendlich viel Staub und vielen, vielen Papieren. Da waren gewaltige Kräfte am Werk!

In der Lobby von Olivers Büro werden wir aufgehalten und müssen uns ausweisen, doch ich schmuggle mich einfach mit in den Fahrstuhl hinauf in den zwölften Stock. Ich werde einigen seiner Kollegen auf die Schnelle vorgestellt und keiner weiß irgendwas. Zu diesem Zeitpunkt wissen wir alle nur die Hardfacts: ein Passagierflugzeug ist mitten in den Nordturm des World Trade Center geflogen.

Jeder stöpselt seinen Laptop ans Internet an und plötzlich überschlagen sich die Nachrichten und die verschiedenen Stimmen: Ein Terrroranschlag, a terror attack, eine Entführung, hijacking, ein zweites Flugzeug, der Südturm auch betroffen, das Pentagon, das weiße Haus, noch mehr Terrorattacken. In das Building der Chase Bank nebenan sei ein Flugzeug geflogen.

Keiner weiß mehr, welche Nachrichten falsch oder wahr sind und was man überhaupt noch glauben kann. Habe ich Angst? Auch das weiß ich nicht. Die Gefühle sind irgendwie ausgeschalten in dem Moment, vielleicht auch, weil uns die kritische Lage gar nicht so bewusst war?!

Oliver und Charly, beide versuchen auf den verschiedensten mit Nachrichten betrauten Websites Informationen zu finden, doch sind diese den Zugriffen Tausender Informationssuchender nicht gewachsen und zum Zeitpunkt unserer Suche zusammengebrochen.

Um etwas Sinnvolles zu tun, schicken wir meinen Eltern eine Yahoo-Message “uns geht’s gut”, ähnlich wie viele aus dem Südturm sich in Sicherheit wiegend, ihre Angehörigen angerufen hatten. Endlich lässt sich immerhin das Online-Angebot der BILD-Zeitung aufrufen und die spricht von Terrorattacken auf das World Trade Center, das Pentagon und eine vereitelte auf’s Weiße Haus. Kann das wahr sein? Wir gehen dazu über, diesmal der BILD zu glauben, aber was sollen wir nur tun?

Schon wieder kracht es ganz gewaltig und instinktiv verstecke ich mich unter Olivers schwerem Holzschreibtisch, aber natürlich kann ich da nicht bleiben. Welche Bücher habe ich nur gelesen, welche Filme nur gesehen, dass mir so Vorsichtsmaßnahmen wie “Fenster schließen”, “in Türrahmen stellen” oder eben “unter einen schweren Tisch kriechen” einfallen? Alle diese Verhaltensmuster greifen bestenfalls bei Naturkatastrophen wie Erdbeben, nicht aber für von Menschen verübte Greueltaten.

Als ich wieder aus meinem Tisch-Versteck hervorkrieche, blicke ich in Charlys entsetztes Gesicht, der mit “let’s get outta here!” ausspricht, was ich mir denke. Aber wohin gehen wir nur? Und ist es draußen wirklich besser als drinnen? Von drinnen haben wir draußen jede Menge Staub aufwirbeln sehen. Vielleicht auch Feuer? Was ist, wenn das Chase-Building gerade einstürzt. Es hilft nichts, hier können wir jedenfalls nicht bleiben! Also gesellen wir uns zu den anderen, aus dem Gemeinschaftsbüro flüchtenden Menschen. Absolut gesittet und zivilisiert gehen wir die Treppen des Notausgangs hinunter. Hie und da hört man ein weibliches Schluchzen, ansonsten ist es beängstigend still und alle sind vollauf damit beschäftigt einen Fuß vor den anderen zu setzen und den verdammten Ausgang zu finden. Doch das sollte sich schwieriger gestalten. “There’s smog down there” hörten und sahen wir schließlich Männer vom Erdgeschoss hochkommen. Überall Ratlosigkeit. Wo gibt es denn noch einen Ausgang? Alle versammelten sich schließlich im Rohbau des vierten Stocks. (warum nur hat dieses Haus ein einzelnes Stockwerk in dem Zustand?!) Es stand jedenfalls fest, dass wir nicht nach draußen konnten, zumindest nicht auf konventionellem Wege. Mein Blick fiel auf die in der Wand angebrachten Feuerlöscher und ich meinte, man könnte doch diese nehmen, wenn da unten Feuer wäre. Und da war sie schon wieder – diese Vernunft!

Ratlos standen etwa Hundertfünfzig Menschen in dem Stockwerk umher, bis schließlich jemand meinte, er hätte einen Notausgang gefunden, der zwar nicht sonderlich prickelnd wäre, aber nach draußen führen würde. Keine Frage, DEN nehmen wir! Also folgen Eric, Richard, Charly und ich dem jungen Mann und gehen die vier Stockwerke die Fire Escape hinab. Eine Frau drückt mir ein nasses Tuch in die Hand und empfiehlt mir, es vor die Atemwege zu halten. Oliver bekommt von jemand anderen Papiertücher zugesteckt.

Eric öffnet die Feuertüre und sofort geht die Sirene los, aber die Türe lässt sich öffnen und wir können nach draußen treten. Doch wo in alles in der Welt sind wir? Ist das noch die Wallstreet? DIE Business-Straße New Yorks, wo Menschen dunkle Anzüge und Kostüme tragen und niemals Emotionen zeigen, zumindest nicht mehr als eine kleine Verärgerung über misslungene Spekulationen. Jetzt sah man eine Masse aufgeregter Menschen, die in ihrer Fassungslosigkeit alle gleich aussahen. Alle waren sie von grauem Staub überzogen, die einen mehr, die anderen weniger. Wenn ich jetzt behaupten würde, dass auch wir von Schuttpartikeln oder Staub bedeckt gewesen sind, dann wäre das gelogen, da wir uns ja zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs des Südturms in “Sicherheit” befanden. Dennoch war unsere Kleidung ebenfalls in Binnen von Sekunden staubgrau und wir liefen mit der Menge mit. Immer ans Wasser, fort, nur fort, von den bis vor Kurzem noch so bewunderten und geliebten Hochhäusern. Warum hatten sich diese Bauten nur plötzlich gegen uns verschworen?

Oliver und ich setzten unsere Sonnenbrillen auf und hielten die Tücher vor die Nase, um uns ein wenig vor dem Staub und war das Asche?! zu schützen. Bot diese Maßnahme wirklich Schutz? Das werden wir erst in ein paar Jahren wissen! Entlang des East River auf der South Street bot sich uns ein herzerwärmendes Bild inmitten all des Elends: die FischeverkäuferInnen offerierten Wasser in Flaschen und aus den Hydranten und waren auch sonst für alle Hilfsbedürftigen da. Wir aber waren gut zu Fuß und uns war ja nichts passiert. Der Himmel war noch immer knatschblau und die Sonne schien so freundlich, als würde sie für einen ganz gewöhnlichen Herbstag ihr bestes Strahlegesicht aufsetzen. Das Wetter stand im krassesten Gegensatz zu den Geschehnissen.

Oliver und ich gingen dann weiter nach China Town. Immer am Wasser entlang. Ich kann mich nicht mehr erinnern, was ich gesehen habe, als ich zurück schaute, dorthin, wo die Türme standen. Ich glaube, wir sahen nur mehr Rauch. Da müssen wohl schon beide Türme zusammengekracht sein. Wir gaben uns auch nicht dem Anblick hin, sondern marschierten weiter in Richtung Orchard Street. Ich noch immer meinen Rucksack auf dem Rücken, froh, dass ich ordentliche Schuhe anhatte und morgens noch das “Denise Austin Workout” mitgemacht hatte und somit fit war. Ich hatte Angst, dass die Menschen hier wie die Gestörten Hamsterkäufe machen würden und so überzeugte ich Oliver, wenigstens auch ein bisschen was zu kaufen. Und so tauschten wir Dollar gegen Klopapier, eine Gallone Wasser, chinesische Zahnpasta die sich als solche durch einen aufgemalten Zahn auswies, Kekse, Asiasuppen und ein Sixpack Heinecken.

In der Orchard Street angekommen, rief ich sogleich meine Eltern an. Oh Wunder! Die Leitungen standen und Papa war daheim. Und ich bekam dann noch den viel größeren Schreck, als mein Dad meinte, er hätte einen Gehörsturz gehabt. Das tat mir in dem Moment so weh! Da hatte ich erstmal richtig Angst! Meine Mam war bei Andrea in München und ich bangte, dass sie etwas von der Katastrophe hören könnte, bevor Papa ihr sagen kann, dass wir in Sicherheit sind. Oliver rief seinen Dad an, der völlig aufgelöst war und auch schon bei meinem Dad angerufen hatte. Meine Mam rief dann auch glücklicherweise zu Hause in Garmisch an und so konnte ihr mein Vater sagen, dass sie sich keine Sorgen machen brauchte! Ob sie sich wirklich keine Sorgen machten?

Als wir also mit unseren Families gesprochen hatten, stöpselte ich den Laptop an und schickte eine E-Mail an mein gesamtes Adressbuch. Zu dem Zeitpunkt hatte ich allerdings schon über 30 E-Mails im Posteingang. Scary! Was war nur los? Wir schalteten den Fernseher ein, der auch noch einwandfrei lief und verfolgten die Nachrichten auf den verschiedenen Kanälen: NY1, CNN, Fox5 und andere mehr. Auf jedem Kanal bot sich uns dasselbe Bild. Immer und immer wieder sah man das World Trade Center einstürzen, wie im grässlichsten Science-Fiction-Film. Doch war dies ja kein Film, auch wenn es vielleicht für viele Menschen, die das Unglück lediglich am Fernseher verfolgt hatten, so aussah.

Irgendwann rief ich Doris an, um ihr zu sagen, dass es uns gut geht. Sie bot uns auf der Stelle Hilfe an und meinte, wir sollten doch bei ihr und Tom übernachten, was wir schließlich auch taten. Doch zunächst tranken wir ein paar Bier und versuchten unsere Gedanken zu sammeln. Als es fünf Uhr wurde, sind wir schließlich in die Lolita, wo uns Clyde sogleich umarmte und ein Bier bzw. Whiskey nach dem anderen ausgab. Gegen acht sind wir dann Richtung Washington Square Garden gelaufen, wo wir von Doris und Tom verwöhnt wurden, mit köstlichem Wein, leckeren Hamburgern und klaren Gedanken.

Mittwoch, 12. September 2001
Nach einem Bagel- und Kaffefrühstück verließen Oliver und das idyllische Heim von Doris und Tom und marschierten in Richtung Park Row. Wir wollten uns vergewissern, dass unser Haus noch steht und eigentlich auch wieder einziehen. Unterhalb der 14. Straße war die Stadt wie ausgestorben. Es fuhren keine Autos, viele Menschen trugen Atemschutzmasken und/ oder Kameras. Polizei überall wohin man sah. Kurz vor der Orchard Street wurden wir zur West4 geschickt und von dort aus wieder zurück. Also standen wir irgendwann wieder vor einer Polizei-Sperre, die uns dann schließlich mittels ID und einer Postkarte von Eric und Pascal, die an mich in der Orchard Street gerichtet war, durch ließen. Immerhin! Bis zu unserem alten Sublet. Dort riefen wir unsere E-Mails ab und unsere Eltern an. Anschließend setzten wir unseren Weg nach Downtown fort und stellten fest, wie uns unsere Augen einen Streich spielten: an diesem schönen Platz, wo sich East Broadway und Bowery kreuzen, glaubten wir noch die majestätischen Türme zu sehen, doch suchte sich da nur mehr eine graue, übel riechende Rauchwolke ihren Weg dem knatschblauen Himmel entgegen. Wir machten einen riesigen Bogen um alle Straßensperren und schafften es schließlich bis vor eine Straßensperre in der Annstreet Ecke Nassaustreet, von wo aus es nur mehr ein paar Schritte bis zu uns sind. Den diensthabenden Polizisten erzählen wir unsere Geschichte und schließlich ist wohl doch jemand überzeugt und zwei Polizisten meinen, sie würden uns begleiten. Zu viert gehen wir in Richtung Park Row und werden am Eingang Nummer 15 freudig von unserem indischen (?) Doorman begrüßt. Er bestätigt, dass wir in dem Haus wohnen und so fahren wir in den 18. Stock. Der eine Polizist, ein Lateinamerikaner, isst sein Lunch-Sandwich, während der andere, ein blonder Hollywood-Lookalike, uns zu beruhigen versucht. Sie gehen voraus, lassen dann aber Oliver zum Aufsperren den Vortritt. Sie bestätigen noch, dass sie heute schon mal im 20. Stock hier waren und alles okay gewesen sei. Wir betreten das Apartment und in der Tat – man kann zwar vor Schmutz nicht aus den Fenstern schauen, aber es scheint nichts kaputt gegangen zu sein. Oliver geht an die Fenster, gießt unsere Blumen, doch ich traue mich nicht, so weit nach vorne zu gehen. Ich bleibe weit weg von den Fenstern, hole die Reisetasche, die wir von Boris und Medialab zur Hochzeit bekommen hatten aus dem Schrank und fülle sie mit Klamotten, die mir sinnvoll erscheinen. Ein schneller Gang ins Bad und dort noch allerlei Kosmetika zusammengerafft und nichts wie raus hier! Wieder im Erdgeschoss angelangt, werden die beiden Polizisten von zwei jungen Frauen abgefangen, mit denen sie dann mitgehen. Wir unterhalten uns noch mit dem Doorman und erfahren, dass der attraktive Kollege bis heute morgen um 8 Uhr dageblieben ist. Schließlich verlassen wir die Park Row und gehen in Richtung City Hall, vorbei an jeder Menge Polizei und Nationalgarde. Überall bietet sich uns ein Bild des Grauens! Nicht nur, dass es hier in der Tat stinkt, “übel riecht” ist beschönigend, sondern die Flora und Fauna des City Hall Parks ist von Staub übersäht und überall liegen kleine Schuttstückchen herum. Plötzlich begegnen wir den beiden Frauen aus unserem Haus und sie erzählen uns, wie sie beide gestern aus dem World Trade Center geflohen sind. Gibt es Hoffnung? Dürfen wir wirklich hoffen, dass vielleicht doch mehr Menschen diese Tragödie überlebt haben, als es der mehr als 50.000 Menschen fassende Koloss vermuten ließe?

Donnerstag, 13. September 2001
Heute wäre eigentlich mein Job-Interview im Woolworth Building gewesen. Doch erreiche ich dort – natürlich – niemanden, denn dieses Gebäude ist genauso wie unseres evakuiert und darf nicht betreten werden. Auch Oliver darf nicht in sein Büro zurück und hat bis auf weiteres erst mal frei, weshalb wir beschließen, nach Midtown zu gehen. In die heile Welt, dort, wo man das Unglück nicht direkt vor Augen hat. Dort, wo man sich dem Konsum hingeben kann, sofern man genug Geld zum Ausgeben hat. Als wir plötzlich vor Ians Office stehen, beschließen wir, ihn zu besuchen. Wir alle freuen uns, uns gesund zu sehen! Ian hatte eigentlich am Dienstag um 9 Uhr im WTC ein Meeting gehabt, das in allerletzter Minute in eine andere Location umgebucht wurde. Während wir uns so unterhalten, stehen wir am Fenster und schauen auf die 42nd Street in Richtung Grand Central hinab. Es raucht! Viele Menschen eilen davon. Wir können nicht glauben, was wir da sehen! Es kann nicht sein, oder doch? Polizeisirenen, aufgeregte, davon eilende Menschen und Rauch. Was gibt es da zu überlegen? Also beschließen wir das Gebäude zu verlassen. Diesmal gehen wir vom 9. Stock aus die Notausgang-Treppen ins Erdgeschoss hinunter und diesmal geht die Türe in die Freiheit auch auf. Draußen angekommen, beschließen wir Midtown zu verlassen und nach Uptown zu gehen. Nach etwa einer Stunde und einigen Telefonaten später kehrt Ian in sein Büro zurück, da es sich bei dem Alarm wohl um einen “Bomb Thread” gehandelt haben musst, eine Bombendrohung, die ein “Scherzbold” ausgerufen hatte. Wo nur können wir ein wenig zur Ruhe kommen? In unser Apartment dürfen wir nicht, die Orchard-Street-Bude ist mitnichten eine Oase des Glücks, Doris und Tom sind beim Arbeiten und überhaupt ist das Wetter unglaublich schön! Also beschließen wir in den Central Park Zoo zu gehen. Dort gelingt es uns tatsächlich ein wenig zu entspannen, als uns ein durstiges Gefühl gar zu sehr plagt, kaufen wir uns eine Diet Pepsi, garniert mit einer Story. Der Getränkeverkäufer berichtet uns ganz aufgeregt von einer Bomb am Lincoln Center und dass man doch nirgendwo mehr sicher sei und so weiter und so fort. NEIN! Nein, nein! Wir verlassen den Zoo und gehen in Richtung Lincoln Center von wo uns zahlreiche Menschen begegnen, die aber nicht sonderlich mitgenommen aussehen. Wenn es dort also ein Unglück gegeben hätte, dann würden die Leute mit Sicherheit anders aussehen. Kann es sein, dass alle am Durchdrehen sind? Jeder einen Heidenspaß daran hat, andere zu verunsichern, ja zu verängstigen? Bevor wir dieser Frage weiter nach gehen, trinken wir was bei PG Carney, wo der Gast zu meiner Rechten meint “Hopefully Broadway is open tonight, so you can see at least a show”, woraufhin ich erwidere, dass wir Downtown wohnen würden und derzeit weniger an einer Show interessiert sind. Ich finde es aber andererseits auch klasse, dass die New Yorker eben hart im Nehmen sind und wollen, dass es anderen – besonders den Touristen – gut geht.

Am Abend sind wir bei Ken verabredet und freuen uns, ihn, Renée, Ian und Chris zu treffen. Nach viel Ablenkung und viel Alkohol, dem genussvollen Beruhigungsmittel, gelingt es uns erstmals wieder, ein bisschen zu schlafen.

Freitag, 14. September 2001
Wie lautet der Spruch von den Gästen und dem Fisch? Nach drei Tagen heiler Welt, wird es Zeit, dass wir uns der Wirklichkeit stellen. Zwar können wir leider noch immer nicht in unser neues Heim, das wir bisher gerade mal für zehn Tage genossen hatten, aber wir haben ja noch immer unser Sublet, wenngleich auch ohne Bett. Doch dem kann abgeholfen werden! Doris leiht uns eine Luftmatratze, Bettzeug, Waschzeug & Co., fährt uns in die Lower East Side und begleitet uns nach oben. Ja, es ist okay, wieder hier zu sein. Der Nachmittag hat gerade erst begonnen und wir wissen nicht so recht, was wir in der kleinen Bude anfangen sollen, also trotten wir zur Housten Street, Ecke 1st Avenue und genehmigen uns zwei Bier und einen Burger bei Nice Guy’s Eddie. Da wir nicht zurück wollen, kehren wir in der Rivertown Lounge ein und auch dort freut sich der irische und später der spanische Barkeeper uns zu sehen, wenngleich wir hier die (Happy Hour) Preise zahlen müssen. Wieder hungrig geworden, gehen wir nach gegenüber in den Orchardgrill und sind auf’s Angenehmste überrascht: leckeres Brot und Butter, zart gegrilltes Chicken mit Limonencreme, Spinatsuppe sowie mango-glacierte Chickenbrust. In diesen harten Tagen spendete gutes Essen ein wenig Trost, wenngleich es zu anderer Zeit sicherlich noch um einiges besser geschmeckt hätte.

Samstag, 15. September 2001
Heute können wir doch sicherlich zurück in unsere Wohnung, oder? Auf den verschiedenen Websites sind keine Informationen zu finden, weshalb wir uns einfach wieder zu Fuß auf den Weg machen und nach Downtown laufen. Diesmal aber bleiben die PolizistInnen und Soldaten hartnäckig: kein Durchkommen! Gesperrte Zone!

Also laufen wir zurück, spazieren ein wenig durch China Town, bis wir schließlich im East Village gelandet sind und dort auf einen kleinen Imbiss im Bandito einkehren. Der Dienst habende asiatische Kellner ist super nett und auch er freut sich, uns zu sehen. Wir beschließen, uns noch ein bisschen mehr zu gönnen und ins Kino zu gehen. Eigentlich wollte ich gerne “Hardball” sehen, da dieser Streifen aber als “Griff zum Taschentuch” deklariert wurde, lassen wir lieber davon ab. Stattdessen entscheiden wir uns für das neueste Werk des neuen Hollywood Superstars Mark Wahlberg, den wir beide gerne auf der Leinwand sehen. Und siehe da, “Rockstar” ist ein weitaus besserer Film, als die Story oder die anderen Mitwirkenden (Jennifer Aniston – Friends!) vielleicht vermuten ließen. Der Film verfehlte seine Wirkung nicht und lieferte uns neues Gedankenmaterial und Gesprächstoff für ein paar Stunden und auch noch Tage darüber hinaus. Allerdings schaffte er es nicht, dass ich hätte abschalten können. Und so führte uns unser Weg wieder in die Lolita Bar, wo uns das dann auch endlich ein wenig gelang.

Von Oliver
Sonntag ist ein wunderschöner Tag. Das New Yorker Herbstwetter ist ein Traum – warm, ohne die drückende Feuchtigkeit des Sommers, tiefblauer Himmel und die Frische der Seeluft. Wir sind mal wieder auf der Suche nach Einkaufsmöglichkeiten: Seit dem Einzug in die neue Wohnung haben wir nämlich festgestellt, dass Lebensmittel in Downtown unerlaubt teuer sind (merkwürdigerweise ist alles andere billiger als in anderen Stadtvierteln). Der einzige Supermark in Laufweite, Associated Supermarkets, feiert an diesem Tag ein Grand Opening – der Laden ist in amerikanischen Farben geschmückt. Was eröffnet wird, wissen wir nicht, denn sowohl das Personal, als auch das Angebot sind dasselbe geblieben.

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Wir schlendern vor zum Southstreet Seaport, einem Einkaufzentrum mit einer Menge netter Restaurants und ein paar alten Segelschiffen, die man besichtigen kann. Im Gator’s essen wir ein martitimes Menü – Muscheln und Krabben im Südstaatenstil. Anschließend führt unser Spaziergang durch den Financial District, der am Sonntag einer Geisterstadt gleicht. Wir entdecken ein paar Restaurants und Bars, alle geschlossen, die den Flair des Big Business verströmen mit Holztäfelung und Zigarrenkarte. Später stehen wir im Battery Park an der Südspitze von Manhattan, dem einzigen Platz auf der Insel, wo man spürt, dass New York am Meer liegt.

Auf dem Rückweg gehen wir noch am Borders vorbei, einem Buch- und CD-Händler mit der mittlerweile tragischen Adresse 5 WTC. Ohne etwas zu kaufen, schlägt Elke vor noch einen kurzen Ausflug in das WTC-Einkaufzentrum zu machen. Wir haben dort nichts spezielles vor, aber wir wollen einfach ganau erkunden, welche Geschäfte in unserer direkten Nachbarschaft liegen. Zum Beispiel der einzige 24h-Duane-Reade von Downtown Manhattan, in der wir auch unsere Wasservorräte aufstocken (ja, in New York kauft man das Trinkwasser tatsächlich am günstigsten in der Apotheke).

Montag, ein fantastischer Tag, in dem Elke für Donnerstag ein Bewerbungsgespräch im Woolworth Building – also direkt gegenüber unserer Wohnung – ausmacht. Dementsprechend gut ist unsere Laune abends, als Elke chinesisches Essen aus der Lower Eastside mitbringt und wir durch die Kanäle unseres gerade installierten Kabelfernsehens zappen.

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Trotzdem – auch nach einer Woche ist der Blick nach draußen immer noch interessanter als das Fernsehen. Auf der einen Seite geht es Richtng Midtown, wo das Empire State Building wechselnde Farben zeigt – an diesem Abend aus irgendeinem Grund grün-gelb. Auf der anderen Seite das World Trade Center, das so unglaublich massiv und rund um die Uhr taghell beleuchtet in den Himmel ragt. Das ganze sieht eher einer Science-Fiction-Filmkulisse ähnlich als einem realen Stadtbild. Man könnte stundenlang vor dem Fenster stehen und einfach rausschauen.

Dienstag. Wieder ein wundervoller Herbsttag. Ich sitze am Frühstückstisch, trinke Kaffee und beobachte ein Flugzeug, dass ungewöhnlich niedrig aus nördlicher Richtung über Manhattan fliegt. Als es näherkommt sehe ich, dass es eine Boeing 767 der American Airlines ist, die viel zu niedrig für einen Landeanflug auf Newark ist.

Das nächste ist ein Knall und schon bevor ich Sekunden später aus dem Fenster schaue, ist mir klar, dass da ein Unglück passiert sein muss. In 1 WTC, dem Nordturm ist knapp unter der Spitze ein großes Loch aus dem es qualmt. Das ganze wirkt absolut unrealistisch, die riesigen Türme glänzen vor dem tiefblauen silbrig in der Sonne und eigentlich sieht alles ganz harmlos aus. So sage ich noch zu Elke, dass das Windows on the World Restaurant in der Spitze des Turms, in dem wir 1998 unsere Hochzeitreise beendet haben, wohl jetzt ein paar Monate geschlossen werden muss. Später erfahren wir, dass niemand dort oben überlebt hat.

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Der Horror weitet sich schnell aus: Wir sehen mindestens 5 Menschen, die – wohl auf der Flucht vor dem Feuer – 90 Stockwerke in die Tiefe springen. Dann hören wir die zweite Explosion und im Fernsehen heißt es, dass ein zweites Flugzeug in 2 WTC geflogen sei. Etwas, das in diesem Moment keiner glauben konnte. Im Fernsehen wird noch spekuliert, ob vielleicht ein Hubschrauber eines Nachrichtenteams aus Versehen in den zweiten Turm gecrasht sei.

Elke und ich diskutieren, was wir machen sollen. Ich muss ins Büro, wir haben einen wichtigen Abgabetermin. Außerdem hat sich der Techniker von Verizon angesagt, dem ich immerhin eine Woche nachtelefonieren musste. Aber ignorieren kann man das da draußen auch nicht.

Wir entschließen und die Wohnung gemeinsam zu verlassen und treffen auf unsere Nachbaren, die von einem zweiten Flugzeug und dem jetzt naheliegenden Schluss eines Terroristenattentats reden. Sie wollen einfach nur uptown, irgendwo in Sicherheit.

Wir gehen aber weiter downtown, die Ann Street nach links und dann rechts in die Nassau Street. Überall stehen Menschen und starren auf die World Trade Center Türme. Auf dem Boden liegt Papier verstreut – ich hebe einen Excel-Ausdruck mit einer Risikoanalyse eines japanischen Unternehmens auf.

Im Büro herrscht Ratlosigkeit. Keiner weiß was los ist. Ein Raketenangriff heißt es, aber wir wissen es besser, da wir das Flugzeug gesehen haben. Alle amerikanischen News-Websites sind nicht zu erreichen, die deutschen sind etwas besser. Zwei Flugzeuge heißt es da, ein Bekennerschreiben läge auch schon vor. Und dann ist auch etwas in Washington passiert. Mein Kollege Mike erzählt vom Ausnahmezustand in Manhattan – keine Subway, alle Brücken und Tunnels sind gesperrt.

Dann hören wir ein langezogenes Donnern, was in einem gewaltigen Knall endet. Noch ein Flugzeug? Draußen wird es dunkel, dicke Rauch- oder Staubwolken liegen in der Luft. Irgendjemand sagt, dass das Chase Bulding nebenan zusammengebrochen sei.

Wir beschließen das Gebäude zu verlassen. Sofort. Zwölf Stockwerke über die Feuerleiter nach unten. Keine Panik, nur Fassunglosigkeit. Unten heißt es, dass man nicht auf die Straße kann – zuviel Rauch. Wir gehen wieder nach oben und kommen in ein Stiockwerk, dass komplett ausgeräumt ist. Draußen auf der Chase Manhattan Plaza bietet sich ein Bild der Verwüstung, überall dicker Staub und kleinere Trümmer. Aber wir sehen auch Leute, die normal gehen, die Luft scheint also in Ordnung zu sein.

Mein Kollege Charlie, Elke und ich finden eine Feuertreppe und gehen nach draußen. Die Pine Street runter, so schnell wie möglich zum East River. Uns begegnen Männer, deren Anzüge mit einer dicken grauen Staubschicht überzogen ist.

Am Fluss sehen wir einen dichten Strom von Menschen, die auf dem F.D.R Drive uptown oder über die Brooklyn Bridge nach Brooklyn abwandern. Die Fischhändler am Fulton Fish Market verteilen Wasser und Tücher als Atemschutz.

Dort wo das WTC ist sehen wir nur noch eine Staubwolke und können einen allerletzten Blick auf den 1 WTC – der mit der Antenne – werfen. In der Broome Street kaufen wir noch kurz ein, Getränke und was zu Essen, man weiß ja nie für was das noch gut sein kann.

In der Orchard Street Wohnung haben wir Telefon und Internet. Unsere Eltern sind erleichtert, als wir anrufen. In der Mailbox sind 30 E-Mails aus New York und Deutschland, so dass Elke eine Rund-Mail schreibt, bevor wir einzelne Antworten geben. Natürlich läuft der Fernseher. Inzwischen ist auch der zweite Turm in sich zusammengefallen. Dazu ein Flugzeug ins Pentagon. Ein weiteres sei in Pennsylvania abgestürzt. 8 werden noch vermisst. Etwas später – alle amerikanischen Flugzeuge sind am Boden. Nur Kampfflugzeuge kreisen noch über Manhattan und jagen einem einen Schauer über den Rücken.

Abends gehen wir in die Lolita, in der uns Clyde ungefragt ein Bier hinstellt. Er hätte sich schon Sorgen gemacht, schließlich waren wir beide ja erst gerade nach Downtown gezogen. Das Radio läuft und jeder Gast bekommt die erste Runde umsonst. Dann erfahren wir, dass wahrscheinlich 200 Feuerwehrleute ihr Leben verloren haben. “Holy Shit!”, sagt Clyde dazu. Danach ändert er die Werbetafel: Die “Happy Hour” ist nicht mehr happy, dafür dauert sie die ganze Nacht.

Später, nachdem wir unsere Nerver etwas mit Bier und Whiskey beruhigt haben, versuchen wir zurück nach Hause zu gehen – zumindest, um ein paar Sachen zu holen. Aber ab der Canal Street ist Schluss, wir versuchen es an ein paar Straßensperren weiter östlich, wo wir schließlich die Auskunft erhalten, dass unser Haus mitten im Sperrgebiet liegt. Also machen wir uns auf den Weg zu Doris und Tom, die uns angeboten haben, uns zu beherbergen. Die Subway fährt sogar wieder, so dass wir schnell zum Astor Place kommen.Dort hat selbst der 24-Stunden-Duane-Reade zu, schließlich finden wir doch eine Grocery, wo wir das Nötigste Einkaufen können.

Doris empfängt uns mit kühlem Bier, Wein selbstgemachten Hamburgern und den neuesten Nachrichten.

Auch der Mittwoch ist ein strahlender Herbsttag. Doris’ und Toms Wohnzimmer geht direkt auf den Washington Square – dort zwitschern die Vögel und man fühlt sich fast wie auf dem Land. Die Ruhe hat ihren Grund – Manhattan ist südlich der 14th Street geschlossen, nur Anwohner ohne Autos sind zugelassen. Natürlich läuft der Fernseher und wir sehen die erste der inzwischen berühmten Pressekonferenzen von Bürgermeister Giuliani und Gouvaneur Pataki. Nicht viel Neues, noch keine Angaben über die Zahl der Todesopfer, Brücken und Tunnels bleiben gesperrt.

Elke und ich machen uns auf den Weg nach Hause, um Kleidung zu holen. Wir kommen bis zur Houston St., weiter geht es nur mit ID und Nachweis der Adresse. Letzteres haben wir nicht, weswegen uns eine Polizistin zur West Street schickt. Wir tun das, wenn auch ungläubig, da die West Street direkt am World Trade Center vorbeiführt und dementsprechend für Rettungsfahrzeuge genutzt wird. In der Tat, kein Weiterkommen dort. Allerdings findet Elke eine Postkarte von Pascal aus Montreal mit der Adresse der Orchard St., womit wir immerhin in unsere alte Wohnung kommen, wo wir Telefon und Internet haben. Leider haben wir auch dort keinen Nachweis unserer neuen Adresse und Versuche, das Hausmanagement zu erreichen oder sich eine Time Warner-Rechnung faxen zu lassen (“Thank you for calling Time Warner” – “No I can’t fax a bill but I can mail it to your address in 5 to 7 days”) schlagen fehl.

Schließlich machen wir uns mit nichts anderem als einer E-Mail von unserer Maklerin auf den Weg und kommen ziemlich weit. East Broadway, Pearl Street, Fulton Street. Vorbei an unserem Associated Supermarket, geschlossen und immer noch für das Grand Opening geschmückt, wobei die amerikanischen Farben jetzt eine andere Bedeutung gewinnen. An der Nassau Street, in Sichtweite unseres Hauses, werden wir schließlich aufgehalten.

Wir seien nicht die ersten Bewohner des Hauses, die kommen und so erklären sich zwei Polizisten bereit, mit uns in die Wohnung zu kommen. Unten im Haus treffen wir unseren Doorman, der die ganze Zeit auf seinem Posten ausgeharrt hat. Das Haus hat Strom und Wasser, nur das Telefon ist tot. Unsere Wohnung ist in Ordnung, genauso wie wir sie verlassen haben, was uns enorm beruhigt. Wir packen unsere Reistasche, während die Polizisten sich an unserem Fenster einen Uberblick verschaffen.

Auf der Fahrt nach untern fragen wir sie, wie lange sie schon arbeiten. 12 Stunden heute, seit 4 Uhr früh, davor 3 Stunden Schlaf. Unten sind zwei Mädchen eingetroffen, die auch ein paar Sachen und ihren Hund abholen wollen. Der Doorman erzählt uns, dass er 3 Stunden gebraucht hat, bis er sich zum Haus durchgekämpft hat, um seinen Vorgänger abzulösen.

Draußen sieht es unglaublich aus: zentimeterdicker, hellgrauer Zementstaub überall. Die Bäume im City Hall Park, sehen grau aus, wie versteinert. Überall liegt Papier rum, in der Luft liegt schwerer Rauch. Wir gehen an der City Hall vorbei Richtung Canal Street, dort, wo wieder Leben ist. Unterwegs treffen wir die beiden Mädchen, die uns erzählen, dass sie im 28. Stock im World Trade Center gearbeitet haben. Beide waren überrascht, wie diszipliniert die Evakuierung gelaufen sei und wie sich die Menschen gegenseitig geholfen hätten. Ob es denn viele geschafft hätten, frage ich. Ja, sehr viele, antwortet sie, was irgendwie sehr beruhigend ist.

Eigentlich ist sie am meisten besorgt um ihre Firma, eine Krankenversicherung. Eine Woche lahmgelegt und sie seine aus dem Geschäft, so hart sei hier die Konkurrenz. Die andere will aus der Park Row ausziehen. Sie sei eigentlich nur dorthin wegen des kurzen Arbeitswegs.

Am Donnerstag beschließen wir, nach Midtown zu gehen – dort wo New York noch zumindest einigermaßen normal ticken sollte. Wir spazieren die Fifth Avenue nach Norden, passieren die äußere Sperre an der 14th St. und beschließen spontan Ian in seinem Büro in 500 5th Ave. zu besuchen. Dort wird wieder einigermaßen normal gearbeitet, aber während wir die Erlebnisse der letzten Tage austauschen, erzählt uns ein Kollege, dass Rauch aus der Grand Central Station zwei Blocks weiter aufsteige und die Polizei die Straßensperre. Tatsächlich sehen strömen die Menschen auf der 42th Street westwärts und die Polizei sperrt die Straße ab. Es heißt die Gebäude in Midtown werden evakuiert und tatsächlich machen wir uns wieder auf den Weg die Feuertreppe nach unten, diesmal nur aus dem neunten Stock.

Mal ehrlich – würden die Terroristen, die das World Trade Center in Schutt und Asche gelegt haben, ein kleines Feuer in der Grand Central legen? Das sieht doch eher nach einer brennenden Zigarettenkippe und Massenhysterie aus. In der Tat, auf der Straße beruhigt sich alles ziemlich schnell wieder und die Leute gehen – nachdem sie schonmal draußen sind – direkt in die Lunchpause. Wir setzen uns vor dem Citicorp Center auf eine Bank uns essen ein Pastrami Sandwich. Während Ian wieder in die Arbeit geht, beschließen wir in den Central Park Zoo zu gehen. Eine gute Entscheidung: Die Seelöwen machen wie immer ihre Kunststücke, der Appetit der Pinguine ist ungebrochen und der Red Panda ist wie immer unsichtbar in den Bäumen versteckt. Nur Gus, der Eisbär macht Urlaub, weil sein Gehege umgebaut wird. Wir setzen uns auf eine Bank, schließen die Augen und langsam kehrt wieder so etwas wie Frieden ein.

Leider machen wir den Fehler, noch eine Cola zu kaufen. Der Verkäufer versorgt uns dabei auch mit den neuesten Nachrichten – eine Bombe vor dem Lincoln Center. “A real, big bomb” sagt er. Ich denke mir: “Gib endlich die Cola her und halt die Klappe”, aber zu spät – die Realität hat uns wieder. Im PJ Carneys, wo alle Fernseher die Nachrichten zeigen, erfahren wir nichts Neues – wieder nur ein Fehlalarm.

Abends treffen wir bei Ken Renee, Ian und seinen Kollegen Chris. Wir trinken ein paar Bier, gehen dann noch in eine Kneipe, wo Ken aus irgendeinem Grund die Drinks ausgibt.

Zurück nehmen wir ein Taxi, dass wegen einem Stau auf der 9th Ave ziemlich teuer wird und uns außerdem nur bis zur Straßensperre in der 34th St. bringt. Von da aus nehmen wir das nächste Taxi bis zur 14th Street wo wir dann zu Fuß weiter müssen. Am Washington Square ist eine Veranstaltung – Bilder von Vermissten hängen am Zaun vor dem Arch – davor Hunderte von Kerzen.

Freitag – nachdem wir die Pressekonferenz im Fernsehen gesehen haben – stellen wir dann fest, dass wir wohl nicht mehr so schnell nach Hause können und beschließen deshalb, wieder in die Orchard St. zu ziehen. Nachdem uns Doris uns zusammen mit einer Luftmatraze, Handtüchern und anderen Dingen, die wir dort benötigen hingebracht hat, wissen wir nicht mehr, was wir tun sollen. Einerseits lässt die Spannung langsam nach, andererseits sitzen wir in einer leergeräumten Wohnung. Und fällt nichts besseres ein, als einen Burger bei Nice Guy Eddie’s zu essen und danach durch die Orchard St. Bars zu ziehen. Dabei kommen wir zum ersten mal in die Orchard Bar & Grill, wo wir wirklich ausgezeichnet essen.

Am Samstag ziehen wir dann nochmal los nach Midtown – einfach, um so etwas wie einen normalen Tag zu verbringen. Das heißt, dass wir im Bandito Mittagessen (und uns an schönere Zeiten erinnern) und schließlich ins Kino gehen. Rockstar, mit dem ehemaligen Hip-Hop-Star Marky Mark in der Hauptrolle. Kein Oskar-Werk aber durchaus sehenswert. Deswegen tut es uns auch ein bisschen leid, dass das Kino am Samstagabend nur halb voll war. Vor dem Schlafengehen besuchen wir dann noch die Lolita-Bar, die glücklicherweise wieder auf hat. Wir bekommen nochmal ein paar Runden ausgegeben, bevor wir uns auf unsere Luftmatraze zurückziehen und auf eine bessere, nächste Woche hoffen.

33. Woche

Von Oliver

In dieser Woche soll es nun endlich sein: nach dem Freunde und Familie schon so fleißig in unserer Wohnung aufgeräumt und eingepackt haben, soll ich dem Auszug den letzten Schliff geben. Eines ist klar, lustig wird das nicht werden und einfach auch nicht, vor allem, weil Elke in New York festsitzt und mich – ähnlich wie Charlie seine Engel – nur per Telefon dirigieren kann.

Aber erst mal haben wir noch ein paar gemeinsame Tage in New York, die wir mit einem Sushi-Essen auf der Avenue A abschließen, das der Einfachheit auch Avenue A heisst. Das Interior orientiert sich ein bisschen an japanischem Kitsch, der komischerweise mit amerikanischen Plattencovers aus den 70ern und 80ern garniert ist. Der DJ spielt die passende Musik – Hits aus den 80ern, die Elke und mir eine Menge Erinnerungen zurückbringen. Ein gelungener Abend…

Am Mittwoch mittag geht es dann nach JFK, was gar nicht so einfach ist. In München wurde ja viel gemeckert, weil der Flughafen “nur” mit der S-Bahn zu erreichen ist und das Taxi gar so teuer ist. In New York dagegen kann man die Flughafen gerüchteweise auch mit der Subway erreichen, aber das ist eine mittlere Weltreise gespickt mit den Unwägbarkeiten, die das hiesige Transportsystem so für seine Fahrgäste bereithält. Eine Alternative ist der Airportbus, der von der Grand Central abfährt und mit $13 nicht billig, aber deutlich günstiger als das Taxi ist. Da Elke in Midtown noch Hochzeitsgrüße überbringen soll, wählen wir diesen Weg.

Die Busfahrt führt durch Queens und da es dort nicht so viel zu sehen gibt, sinke ich in einen Halbschlaf, in dem mir noch einfällt, dass ich meine Jacke bestimmt in der Gepäckablage vergessen werde, da ich schon sein Monaten keine Jacke mehr angehabt habe. Im Terminal merke ich dann, dass ich die Jacke tatsächlich vergessen habe. Glücklicherweise sind wir in Amerika, wo an jeder Bushaltestelle ein netter Herr steht, der per Funk herumfragt, wo der Bus mit der Jacke ist und tatsächlich bekomme ich sie innerhalb von 10 Minuten wieder. Für nichts und wieder nichts, denn in München ist es auch zu heiss für eine Jacke, weswegen ich sie dann auf dem Rückflug liegengelassen habe.

Fliegen tut ärgerlicherweise nur eine 767, die im Gegensatz zu den grösseren Flugzeugen der Britisch Airways wesentlich schlechter ausgestattet ist – insbesondere fehlt der individuelle Bildschirm. Dafür hatte ich einen netten Sitznachbaren – einen echten New Yorker aus der Gegend um den Union Square. Ausserdem ist die British Airways so herrlich gerosszügig mit den Drinks (im Gegensatz zur Emirates, in der einem der Alkohol verarbreicht wird wie eine bittere Pille). Dank 2 Gin Tonic und 3 kleinen Flaschen Wein habe ich auch so gut geschlafen, dass ich sogar das Frühstück verpasst habe. (Ganz ohne Schlafmittel).

Tja – und da bin ich wieder in München, das sich gemeinerweise im besten Sommerwetter präsentiert. Leider bleibt wenig Zeit, das zu geniessen, denn schon am selben Abend kommen Konni, Sandra und Steffi, die unserer Gerümpelkeller in unglaublich kurzer Zeit ausräumen. Später am Abend gehts es dann nochmal in den Augustiner Biergarten, wo Elke mit Sohn Valentin, Mario und später auch noch Kai eintreffen. Wie im Biergarten so üblich gibt es ein heftiges Gewitter, das den Biergarten mit Pfützen übersäät, in denen sich tatsächlich ein paar besoffene Amerikaner wälzen.

Am Freitag trifft früh trifft dann die Horrormeldung aus New York ein – Natascha hat die Krätze. Ja, die Krätze, die wir eigentlich nur aus Sprichwörtern kennen und die wohl so ansteckend sein soll, dass die arme Natascha erstmal in Quarantäne muss.

In München geht es dafür weiter, diesmal hilft Konni mit zwei Freunden, die die grossen Sachen schleppen – und wirklich, langsam leert sich die Wohnung. Glücklicherweise gehen alle Sachen, die noch irgendeinen Wert haben weg, so dass nur relativ Weniges den erbarmungslosen Hydraulikpressen im Wertstoffhof zum Opfer fällt. Immerhin – die alten Ikeamöbel, die mich bisher in allen Wohnungen meines Lebens begleitet haben, werden mit ohrenbetäubenden Krachen zu Kleinholz verarbeitet. Die hölzerne Bar, an der wir so viele Parties gefeiert haben, hat sich übrigens als echte Wertarbeit erwiesen – die Presse hat sich daran die Zähne ausgebissen, so dass ein Wertstoffhofangestellter unter fürchterlichem Fluchen eingreifen musste.

Samstag abend wird es dann fast gruselig in der Wohnung – alle Lampen sind abgebaut und es gibt fast keine Platz mehr wo ich schlafen kann. Ich entschliesse mich, die letzte Nacht in der Ringseisstraße im Barzimmer zu verbringen, um eine allerletzte Erfahrung zu machen: die Kneipe gegenüber – das Flex – macht wirklich unerhörten Lärm in der Nacht.

Das war es dann schon wieder – am Sonntag um 7 in der Früh geht der Flieger zurück und wieder ist es ab London nur einen 767, wo sie immerhin den Film Shrek zeigen, der wirklich ganz witzig ist. Das verrückteste ist aber, dass es wirklich heim nach New York geht – der Umzug ist vollzogen.

31. Woche

Von Oliver

Sonntag nachmittag machen wir einen Spaziergang nach Tribeca, wo wir ja hoffentlich bald in der Nähe wohnen werden. Im Gegensatz zu SoHo, das man sofort erkennt, wenn man da ist, besteht Tribeca allerdings nur aus relativ langweiligen Straßen, in denen sich das eine oder andere Restaurant verbirgt.

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Überraschend ist allerdings der Hudson River Park, in dem man Beach-Volleyball spielen, Tanzen lernen oder einfach auf einer Terasse auf Deckliegestühlen sitzen und auf den Hudson blicken kann. Von dort aus machen wir uns auf die Suche nach einer neuen Lolita Bar, die wir in der Racoon Lodge allerdings nicht finden: Die Dive-Bar mit älteren Männern, die über ihren Biergläsern hängen hat zwar Atmosphäre, aber keine von der Art, wo wir uns richtig Zuhause fühlen.

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Von dort aus springen wir dann in die Subway nach Brooklyn, wo wir mit Natascha im Max & Moritz zum Dinner verabredet sind. Die verschiedenen Gerichte sind erstklassig und gar nicht mal so teuer und der Wein – ein spanischer Valdemar Rioja – erinnert an alte Bodega-Dali-Zeiten. Nach dem Essen, wir sind natürlich die letzten Gäste, gehen wir noch in die Bar 4 in der 7th Ave., die fast Manhattan-Atmosphäre hat.

Überhaupt Brooklyn und Manhattan – das ist in etwa wie Augsburg und München. Der Brooklyner an sich liebt seine Stadt und wird nicht müde zu erläutern, dass sich dort a) das richtig New Yorker Leben abspielt und b) die Mieten viel günstiger sind als in Manhattan, c) steigen die Mieten leider, da ja immer mehr Manhattenites nach Brooklyn ziehen, und die Preise verderben. Der eingefleischte Manhattenite antwortet darauf einfach “Brooklyn sucks”. Wir genießen es allerdings, in einer Stadt zu wohnen, in der zwei großartige Stadtviertel nur ein paar Subway-Stationen entfernt sind.

Diese wenigen Stationen können allerdings nachts um zwei ein Problem sein. In Brooklyn bekommt man um diese Zeit keine Taxis mehr nach Manhattan und die Subway fährt nur noch alle 20 Minuten. Immerhin können wir feststellen, dass man auch nachts ungefährdet Subway fahren kann.

Auf jeden Fall kommen wir sehr spät nach Hause, so dass wir den Montag übernächtigt nur mit Mühe überstehen.

Dienstag passiert dann das Unglaubliche: Park Row ruft an und fragt, wann wir den Mietvertrag unterschreiben wollen. Wenn wir wollen, können wir gleich vorbeikommen – einziger Haken: wir müssen zwei Monatsmieten Cash, bzw. Certified checks, was dasselbe ist, mitbringen. Bei Manhattener Mieten ist das eine ganze Menge Holz, aber nach einem halben Tag Telefongespräche und Rumrechnerei kommen wir dann auf eine Lösung. Selbstverständlich wird das in der Lolita gefeiert!

Mittwoch hätten wir dann unterschreiben können, haben aber leider keinen Termin bekommen. So ein bisschen Unsicherheit bleibt natürlich immer und die wird nicht weniger, als wir erfahren, dass die Makler nicht einmal eine Bankauskunft einholen konnten, weil dazu noch ein paar Unterschriften fällig gewesen wären.

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Donnerstag passiert es dann wirklich: wir besichtigen ein letztes Mal “unser” Apartment und sind uns sicher, dass wir “M 18” bewohnen wollen. Anschließend bekommen wir ein Paket Papier vorgelegt, das wir durchlesen und unterschreiben müssen. Auch wenn wir von den ganzen juristischen Klauseln nur die Hälfte verstehen, haben wir dennoch den Eindruck dass die Mietverträge in den USA etwas mieterfreundlicher sind. Zum Beispiel ist die Renovierung Vermietersache, was ja durchaus Sinn macht. Auf der anderen Seite muss man natürlich zugeben, dass die Mieten insgesamt gigantisch hoch sind, so dass etwas Service durchaus dabei sein sollte.

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Am Nachmittag trifft dann mit Martina unser erster “richtiger” Besuch in LaGuardia ein und bringt eine Ladung Sachen, vor allem vermisste CDs, aus München mit. Es ist ein warmer Sommerabend und deswegen geht es ab ins Bandito, wo man ja so herrlich draußen sitzen und das East Village Leben genießen kann. Auf dem Weg holen wir noch Melanie und Sylvia ab, die ebenfalls eine Tasche aus München mitgebracht haben (vielen Dank!). Wir können beide davon überzeugen, dass das ein frühes Insbettgehen den Jetlag nur verstärkt und so kommen sie noch mit auf einen Drink ins Bandito. Trotz allem wird der Abend nicht allzu lange und wir gehen bald nach Hause, um die erste von drei Nächten zu dritt in unserem kleinen Zimmer zu verbringen. Ein Experiment, das im übrigen einmalig bleiben wird, da wir in Zukunft mehr Platz für Gäste haben!

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Freitag früh gehen Martina und Elke dann zu Ringo Starr, der mit einer Reihe von bekannten Musikern (Howard Jones, Sheila E., Rodger Hodgson) im Rockefeller Center auftritt. Von dort aus geht es dann zu einer ausführlichen Besichtigungstour Richtung Downtown. Abends treffen wir uns dann zum Happy Hour Drink in der Lolita, bevor ein “Chinese Take-Out Feast” aus dem Golden Forest bei uns Zuhause serviert wird.

Am nächsten Tag kommt Martina dann nicht um den langen Marsch nach Midtown herum. Wir gönnen ihr nur eine kleine Pause im Virage auf der 2nd Ave., wo es einen leckeren Brunch zu recht günstigen Preisen gibt. Von dort aus geht es dann auf der Standardstrecke Union Square, Broadway, 5th Ave weiter Richtung Central Park. Unterwegs gehen wir natürlich auch in ein paar Geschäfte, meistens allerdings mehr zum Abkühlen, als um wirklich was zu kaufen.

Pünktlich beim Central Park fängt es dann an zu regnen – das geplante Picknick fällt also aus bzw. wird auf’s nächste Mal verschoben. Nur P.J. Carney können wir Martina noch zeigen und glücklicherweise bestätigt uns ein sturzbetrunkener Stammgast, das wir tatsächlich in der besten Kneipe New Yorks sind. Naja, sagen wir mal in der besten Kneipe in Midtown. Ein Taxi bringt uns dann zu Ken, wo wir den Besuch Martinas und unseren Mietvertrag mit französichem Sekt feiern. Ken kennt tatsächlich ein paar gute Kneipen rund um den Times Square, wo wir dann auch ein einigermaßen gutes amerikanisches Dinner bekommen. Zum Abschluss gehen wir dann ins Madame X, einer recht netten Bar im Village mit Hinterhof, in dem sich hauptsächlich Studenten drängen.

29. Woche

Von Oliver

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Auch wenn es weiter östlich wahre Traumstrände auf Long Island gibt, bleibt Coney Island unser liebstes Ausflugsziel. Es ist ja auch gar so einfach: lediglich in den herrlich klimatisierten F-Train steigen und 40 Minuten später ist man da. Und wenn man nicht in Coney Island, sondern eine Station früher in der West 8th St. aussteigt, dann spart man sich auch den abtörnenden Weg durch die Budengasse mit all ihrem abblätterndem Charme. Stattdessen kommt man direkt beim New York Aquarium raus und landet somit direkt am Strand.

Okay, auch wenn der richtige New Yorker eigentlich nicht nach Coney Island geht, bleiben immer noch genug Menschen übrig, um einen breiten, langen Sandstrand vollständig zu füllen. Da so gut wie jede Gruppe ihren eigenen Ghetto Blaster dabei hat, geht es bei der Suche nach einem freien Platz auch um Musik: Man hat die Wahl zwischen Latin, R&B und Hip Hop. Meistens zwei bis drei verschiedene Lieder gleichzeitig. Coney Island ist übrigens auch Standvergnügen pur: Wer einen im Fitnesstudio gestählten Körper hat, führt den woanders vor – hier wird der junkfood-geformte Körper mit Bierbauch stolz zur Schau getragen.

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Es ist Sonntag und der Stand ist so voll, dass man kaum das Meer sehen kann. Es reicht für ein kurzes Bad und ein Nickerchen in der Sonne, denn dann verziehen wir uns ins New York Aquarium, wo es neben viel Fisch auch eine saubere Toilette und eisgekühlte Cola gibt. Diesmal besuchen wir gezielt das Hai-Aquarium, das zwar lange nicht so groß ist, wie die in Florida oder Hongkong, aber immer noch beeindruckend genug. Die Ozeanherrscher ziehen ruhig ihre Runden und schauen einem direkt in die Augen, bevor sie wieder im graugrünen Dämmerlicht verschwinden. Dazwischen schwimmen kleiner Fische, die wohl so eklig schmecken, dass sie von den Haien in Ruhe gelassen werden. Angeblich sind die kleineren Fische übrigens gefährlicher als die Haie, da diese zu satt und zu cool sind, um sich mit Menschen abzugeben, sollte mal einer in den Pool fallen.

Am Montag treffen wir zur Happy Hour Natascha und ihren russischen Freund Armen. Glücklicherweise bietet die Lolita kein Essen an, was dazu führt, dass einen der Hunger rechzeitig wieder heraustreibt und man so nicht in Versuchung kommt, zu versumpfen. Mittwoch bin ich auf einer Geschäftsreise nach Boston, wobei ich von der Stadt leider nicht viel mehr mitbekomme als den Flughafen.

Vielmehr passiert dann bis zum Wochenende dann nicht mehr, was zwar das Diary-Schreiben erschwert, aber ein gutes Zeichen dafür ist, dass wir uns ganz gut eingelebt haben.

Freitags machen wir eine neue Entdeckung in unserem geliebten 10th-Street Block in der 2nd Avenue. Dort ist neben dem Ryans das Bandito. Dies ist ein recht gutes mexikanisches Lokal mit Riesenportionen, günstigen Preisen und Tischen auf der Strasse. Nur so viel: Schon beim ersten Getränk gibt es eine grosse Schüssel mit Nachos und ein Schälchen Salsa!. Später gehen wir dann noch in eine Bar, die in einer Baulücke untergebracht ist und irgendwie ein karibisches Flair verströmt. Der Name war leider nicht herauszufinden.

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Am Samstag machen wir uns auf, einen kleinen und sehr abgelegenen Teil der Theaterhaupstadt New York kennenzulernen. Natascha schlägt einen Besuch des Beckman Theatre vor, einem Off-Off-(und vielleicht nochmal Off-)Broadway-Theater, in dem eine zusammengewürfelte Truppe Shakespeare’s Mitsommernachtstraum aufführt (übrigens eine von drei Aufführungen dieses Stücks an diesem Abend – und die einzige die Eintritt gekostet hat). Den von Natascha im Vorfeld gehörig gedämpften Erwartungen hat das Stück entsprochen. Zudem sind wir uns ziemlich sicher, keinen zukünftigen Hollywood-Superstar gesehen zu haben. Immerhin gibt’s nach dem Stück noch ein paar Drinks mit Freunden von Natascha und einem der Schauspieler in einem ganz netten Laden im Theater District. Den Abschluss findet der Abend und die Woche dann im Welcome to Johnson’s, einer ganz abgefahrenen Dive-Bar bei uns um die Ecke.