Rückblick auf das Jahr 2003

von Elke, 31.12.2003 – 1.1.2004

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Die 365 Tage des Jahres lassen sich auf ein einziges Wort reduzieren: prallgefüllt! Wenn das kommende Jahr annähernd so viele großartige Überraschungen für uns parat hält, dann fehlt es mir an nichts. Klar habe ich ein paar Wünsche und das ist auch gut so, denn nur mit klaren Zielen bewegen wir uns vorwärts und “wunschlos glücklich” zu sein, macht träge. Und so schaue ich mit einem Blick zurück nach vorne!

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Im Jahr, das heute zu Ende geht, hatten sich einige liebe Menschen aufgemacht, um uns und New York (da brauchen wir uns nichts vormachen!) zu besuchen. Den Anfang machten Eve und Edel aus Düsseldorf im bitterkalten Januar. Die beiden ließen sich aber trotzdem die Laune nicht verderben und durchstreiften bei Minusgraden die Stadt. Weitaus angenehmer hatten es da Natascha und Sascha im Juni, die gleichfalls aus Düsseldorf stammen. – Wo bleiben nur die MünchnerInnen?! – Die schönste Reisezeit, den Herbst, hat sich Gudrun, Olivers Mom ausgesucht. Die gemeinsamen Tage waren vollgepackt mit Erlebnissen.

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Nicht weniger lebhaft war die Zeit, die wir mit Wolfgang, Olivers Dad, und Uli im Oktober verbrachten. Die beiden kamen flugs unter anderem zu unserer (Geburtstags)-Party angeflogen und testeten das Downtown Holiday Inn. Sogar aus der Schweiz kamen Gäste angereist: Sean aus Basel hängte an seinen New York Besuch im gemieteten Apartment, noch zwei Tage bei uns dran. Prima! Damit uns nicht langweilig wird, bekamen wir erneut Besuch, diesmal von Sabine und Jürgen aus Düsseldorf. Iwo! Aus Weil der Stadt, aber Sabine kommt von irgendwo “da oben”. Ende Oktober lernten wir Janet mit ihrer Tochter Hayley aus San Diego kennen, und haben schon ein Urlaubsziel fuer 2004…

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Und Anfang November logierten auch Sonja und Markus für eine Nacht bei uns, die anderen hingegen in New Jersey, bei Markus Bruder. Okay, New Jersey freut sich sicherlich mehr über Gäste, als das Touristenverwöhnte New York. Übrigens sind diesen Dezember erstmalig wieder so viele Touristen wie noch nie zuvor in der Stadt.

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Und da so viele Menschen nicht nur Oliver und mich, sondern Manhattan besuchen, machten wir uns auf, um gleichfalls andere Orte zu besuchen. Den Auftakt machten wir mit Long Island. Nicht wirklich weit weg, gerade mal drei Stunden von der Penn Station entfernt, aber wunderschön am tosenden Atlantik gelegen. Im ziemlich verregneten Frühjahr und Frühsommer, waren uns vier relativ sonnige Tage vergönnt. An Olivers Geburtstag goss es zwar in Strömen, aber das tag unserer guten Laune keinen Abbruch. Montauk – wir kommen ganz sicher wieder!

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Der nächste Tripp war nun mein Geburtstagswunsch: Herbstfärbung in den Catskills! Mit den bunt gefärbten Blättern wurde es zwar nichts, da es dafür einmal wieder regnete, was die Blätter am gelb und rot werden hinderte, aber die Catskills sind sowieso mehr als nur eine Reise wert und von New York bequem in 2 Stunden mit dem (Leih)-Auto erreichbar. (Foto: das Luxus-Resort Mohonk). Anfang November stand Ken’s Einweihungsparty an, und so reisten wir per Zug nach Richmond, Virginia. Es galt einen neuen Staat und einen wunderschönen Südstaatenort zu entdecken.

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Nach zuviel Regen stand uns nun wirklich der Sinn nach Sonne und Sonne satt fanden wir auf Barbados. Acht sonnige Tage lang, sagten wir dem hektischen Treiben in New York Ade und machten es uns unter Palmen am weißen Sandstrand gemütlich. Die Vorsaison Mitte November ist für einen Karabikurlaub perfekt! Bei der Wiedereinreise in New York musste ich mich auch nicht mehr bei der Schlange für die Nicht-AmerikanerInnen anstellen, sondern konnte lässig mit meiner Green Card, die ich seit Januar 2003 endlich besitze, zurückkehren.

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Einen kleinen Ausflug unternahmen wir zu Susanne und Ulf, die uns zum Thanksgiving Turkey einluden. Da es wenig Spaß macht, nach Mitternacht von Scarsdale wieder nach Manhattan zu fahren, durften wir über Nacht bleiben.
(Foto made by Caroline W.)

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Um dieses fantastischen Jahr noch würdig abzuschließen, mieteten wir uns am zweiten Weihnachtsfeiertag ein Auto und verließen den Staat New York, um den Nachbarstaat Connecticut zu erkunden. Immer auf dem Highway 95 entlang, bis wir in Mystic angekommen waren. Dort wechselten wir auf den Highway Number One der bis runter nach Florida in die Keys reicht. Doch so weit wollten wir gar nicht, und ließen uns im Mystic Seaport in das 17. Jahrhundert versetzen. Unser spontan gemietetes Zimmer hätte nicht besser sein können: Kaminfeuer, Jacucci, Himmelbett… Zu Abend aßen wir im durch den gleichnamigen Film berühmt gewordenen Mystic Pizza .

Doch saßen wir nicht nur mit FreundInnen beisammen und ratschen die Abende hinweg, oder travelten sondern liessen uns 2003 auch gern vor grosser Leinwand (sprich Kino) unterhalten, mal besser, mal schlechter: Lord of the Rings II, Gangs of New York, Chicago, Catch me if You Can, Down with Love, Godfather II, Bend it Like Beckham, The Matrix Reloaded, Godfellas, Pirates of the Caribean, Freakey Friday, Whale Rider, Matrix Revolution, Lost in Translation, Master and Commander, Shattered Glass, Someone’s Gotta Give, The Last Samurai, Love Actually, Cold Mountain.

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Die beiden DiCaprio-Filme sowie LOTR liefen bereits 2002, ich schaute sie mir aber im ersten Fall noch (mehr) mals 2003 an und zu LOTR 2 ströhmten wir nicht schon gleich des Nachts hinein, ebensowenig dieses Jahr. Das Ende der Triologie werden wir wohl erst irgendwann 2004 sehen. Dass “Gangs of New York” für 10 Oscars nominiert worden war, doch am Ende leer ausging, tut mir noch immer leid. Jetzt erst recht, nachdem ich die Epen von Zwick und Minghella gesehen habe, die beide zur selben Zeit wie Gangs spielen, und Scorsese nicht das Wasser reichen können. Am 4. Dezember 2004 wird “The Aviator” anlaufen, Scorseses nächster Versuch den längst überfälligen Oscar einzustreichen. (Foto: ohne Bezug zum Text, aber schön! Aussicht vom Empire State Building vom September 2003.)

Wie es bei der am 29. Februar 2004 stattfindenden Oscar-Verleihung aussehen wird? Olivers und mein persönlicher Favorit ist: Lost in Translation. Sophia Coppola holte das Beste aus Bill Murrey raus und führt uns mit wunderschönen Bildern und ziemlich Komik durch Tokyo. Der Film ist, obwohl keine romantische Komödie, ein “Feel Good Movie”. Den Oscar für die beste männliche Hauptrolle würde ich an Bill Murrey (Lost in Translation) oder Russel Crowe geben. Der des Regisseurs ginge bei mir an Peter Weir (Master and Commander) oder warum nicht endlich mal an einen weiblichen Director? And the Oscar goes to: Sophia Coppola! Die beste weibliche Hauptrolle geht an Diane Keaton (Someone’s Gotta Give) oder Jamie Lee Curtis (Freaky Friday). Bester männlicher Supporting Actor an Ken Watanabe (Last Samurai) oder Peter Saarsgard (Shattered Glass). Bester weiblicher Supporting Actor geht an Renee Zellweger (Cold Mountain), sie ist gleichfalls längst überfällig und im Hause Nominikat-Bouchard laufen die Wetten, welcher der favorisierten Superstars zuerst mit einem Oscar heimgeht. Bisher ist’s noch unentschieden und Golden Globes zählen nicht (“tongue in cheek” in Richtung Oliver…). Im Übrigen gefiehl mir “Matrix Reloaded” im Gegensatz zu vielen anderen Menschen sehr gut (schaute ihn mir zweimal im Kino an), dafür der finale Teil weniger. Neben “Lost in Translation” waren die persönlichen Entdeckungen, sowie der britische Film “Bend it Like Beckham” und der neuseeländische “Wale Rider” – beides gleichsam Filme von Regisseurinnen. Women rule!

Doch noch wichtiger als Bild und Ton war uns dieses Jahr Musik! Es ging sehr verhalten los, und tat sich in der ersten Jahreshälfte nicht viel, doch dann reihte sich ein Konzertbesuch an den nächsten: Incubus in der Knitting Factory, Björk im Keyspan Stadium in Brooklyn, Psychedelic Furs in der Town Hall, Goldfrapp im Irving Plaza, Radiohead im Madison Square Garden, Billy Talent, Story of the Year und Jet im Irving Plaza, Placebo in der Webster Hall. Meine persönlichen Favoriten von 2003 – Persönliche “Neuentdeckung”: Incubus. Beste Platte sprich CD des Jahres: Radiohead. Beste Single des Jahres: “Just Because” von Jane’s Addiction.

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Eine andere Entdeckung von mir: das Musical! Gefallen mir Musical-Filme wie “Moulin Rouge”, “Singing in the Rain” oder “A Chorus Line” schon lange. So haben wir bisher um den Broadway (Höhe 42nd Street) aus unerfindlichen Gründen (okay, sie waren monitärer Natur) einen großen Bogen gemacht. Im September schauten wir jedoch mit “42nd Street”, einen wunderbaren Klassiker an. Im Oktober, am ersten Samstag nach dem offiziellen Start The Boy from Oz – ein Musical, das dem australischen Entertainer Peter Allen ein Denkmal setzt. Kritikerstimmen sind sich einig, dass der Star der Show, Hugh Jackman, das weitaus größere Talent ist und dem Broadway noch ein paar weitere Monate lang Glanzpunkte aufsetzt! (Einer meiner konkreten Wünsche für 2004, die Show noch mal zu sehen…)

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Neben all diesen Unternehmungen, schrieben Oliver und ich ein weiteres Computerbuch, das im Herbst veröffentlicht wurde und ein bisschen mehr Marketing und nicht zuletzt KäuferInnen brauchen könnte. Zudem basteln wir weiter an dieser Website, haben uns mit guter Fotoausrüstung bestückt und schreiben beide an unseren Romanen. (Ein weiterer konkreter Wunsch an 2004: mein Buch abzuschließen und einen Verleger zu finden…).

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schlicht mein allerliebstes Bauwerk!

All diese wunderbaren Erlebnisse ermöglichen uns unsere Jobs. Wer arbeitet, verdient Geld und das kann mensch wieder für Vergnügungen ausgeben und den Rest gut anlegen. Für später. (Noch ein konkreter Wunsch für 2004: ein Job, der mich anregt und erfüllt – I want to be inspired!). Vorsätze? Allgemeine Vorsätze a la “abnehmen”, oder “mehr Bücher lesen”, oder “mehr Sport treiben” mache ich keine. Ich weiß aber, dass ich, sobald es das Wetter wieder zu lässt, meine Joggingschuhe anziehen und am Hudson entlang laufen werde. Auch möchte ich pro Monat einen Roman lesen (nicht nur Fachbücher). Und für Oktober, wenn ich den 30igern endgültig Lebewohl sagen muss, nehme ich mir vor “wunderschön” zu sein. Ach nein, das funktioniert nicht. Konkrete Ziele! Also gut: ich würde gerne wieder in die Jeans passen, die ich mit 26 trug!
Und was sind deine konkreten Ziele Oliver? Liebe Leserin, lieber Leser?
Alles Gute und ein gesundes, glückliches 2004!

The Boy from Oz – Starring Hugh Jackman

Premiere am 16. Oktober 2003

von Elke, 19.10.03

Erkältung im Hochsommer. Eine bei der die Nase nicht läuft, sondern grässlich verstopft ist, und man Lust auf gar Nichts hat und sich nicht vorstellen kann, sich jemals wieder gut zu fühlen. An diesem vergrippten Tag, verließ ich meinen Job bereits am frühen Nachmittag, um mich Zuhause zu erholen. Und wobei kann ich mich am Besten entspannen? Bei einer romantischen Komödie! Welch ein Glück dass unser werbefreier Premium-Channel gerade eine bot und so sah ich mir die im Winter noch verschmähte Schnulze mit dem attraktiven Hauptdarsteller an.

Zugegebenermaßen gefällt er mir ja bereits einige Jahre, doch hatte ich bisher noch keinen Film mit ihm gesehen, sondern nur Zeitungsausschnitte gesammelt. Und heute halte ich ein persönliches Autogramm in Händen. Doch ich greife vor. An jenem Augusttag also schaute ich mir “Kate & Leopold” an und habe den Film seitdem noch ein paar Mal gesehen. Auf der Suche nach Fan-Sites und Messageboards stieß ich auf eine wertvolle Information: Hugh Jackmann spielt am Broadway! Hugh Jackman ist The Boy from Oz.

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Erzählt wird die Lebensgeschichte des australischen Entertainers Peter Allen, der aus seinem kleinen Dorf in die große Welt aufbrach, um Judy Garland kennenzulernen und ihre Tochter Liza Minelli zu heiraten. Mittlerweile reifte er zum Star, dessen Kompositionen auch von anderen Künstlern interpretiert wurden. War er in nun beruflich erfolgreich, so musst er sich doch eingestehen, sich zu Männern hingezogen zu fühlen. Er fand einen Lebenspartner, der für ihn auch in beruflicher Hinsicht bedeutsam wurde. Leider hält Glück nicht ewig und sein Partner stirbt an AIDS, dieselbe Krankheit die auch Peter ein paar Jahre für immer von der Bühne des Lebens holt. Das Musical zu dieser Lebensgeschichte feierte am Donnerstag, den 16. Oktober im Imperial Theater am Broadway Premiere.

Und The Boy from Oz mit Hugh Jackman in der Titelrolle habe ich gestern gesehen. Das Publikum reichte von jung bis alt, hetero- und homosexuellen Paaren, Hugh Jackman und Peter Allen Fans. Alle waren für einen Samstagabend-Event festlich gekleidet und verließen das Theater bester Stimmung. Die negativen Kritiken in den Zeitungen, allen voran die New York Times, stießen auf Unverständnis. Die Zuschauer johlten, freuten sich und drückten ihre positive Stimmung mit Bravo-Rufen aus. Es gab zwei Standing Ovations, einmal zur Ehrung Peter Allens, und dann am Ende der Show für Hugh Jackman, der uneingeschränkt der Star des Stücks ist. Er schafft es mit seinem unverschämten Strahlen, gekonntem Hüftschwung, ausdrucksstarker Gesangsstimme, Bühnenpräsenz und Talent die zusehenden Menschen in seinen Bann zu ziehen. Und als der letzte Vorhang fällt, versammeln sich alle, die noch einen persönlicheren Blick erhaschen wollen, vor dem Bühneneingang.

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These are my own pictures (stage door 10-24-03) and are not allowed to be taken, sold or reprinted without permission.
Vor der Stage Door wartet ein dicker SUV mit getönten Scheiben. Der kurze Weg zwischen Türe und Auto ist mit jeweils drei Absperrgittern gesichert, hinter denen sich Fans mit Programmheften und Stiften bewaffnet tummeln. Wir warten weniger als 30 Minuten in der angenehm warmen Oktobernacht und endlich geht die Tür erneut auf und es erscheint nicht irgendwer aus dem Enseble, sondern ER.

Hugh strahlt und lacht in die Menge, lässt sich fotografieren und von den Blitzlichtern nicht irritieren, sondern unterschreibt geduldig all die Playbills, die ihm unter die Nase gehalten werden. Zuerst kommt die Reihe links vom Eingang dran und nach etwa 15 Unterschriften wendet er sich den rechts stehenden zu. Ich drücke Oliver mein zartes Abendhandtäschchen samt meiner Playbills in die Hand und stürze mich mit einem Magazin mit Hugh auf dem Cover in die Menge. Mein Herz klopft und bleibt plötzlich beinahe stehen, als er dann vor mir steht. Er schaut mich an, wird ganz ernst, zögert, unterschreibt das Magazin und reicht es mir wieder und schaut mir dabei ganz tief in die Augen. Noch zwei weitere Unterschriften und dann ist er auch schon im Inneren des schwarzen Wagens verschwunden. Ich winke ihm nach und bin seelig.

Time-Lapse Consortium

Knitting Factory, New York

29. Juli 2003 von Elke

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Silberner Regen sprüht in den schwarzen Nachthimmel, dazwischen leuchten rote Funken, auf der Bühne spucken Feuerstrahler goldenes Licht und zieht die über siebentausend Besucher in den Bann. Intimität ist zu Hause geblieben. Zu sehen, was die Musiker so drauf haben, wie sie sich von Nahem so machen, wie sie es schaffen, mit dem Publikum zu kommunizieren das alles fehlte beim gestrigen Konzert. Am 22. August 2003 gab sich Björk in Brooklyner Baseball-Stadion die Ehre. Sie versuchte nahezu vergeblich, die Lücke zwischen Bühne und Publikum zu schließen!

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Dicht gedrängt hatte sich das musikalische Erlebnis hingegen am 29. Juli in der Knitting Factory, einem kleinen und legendären Jazzclub in Downtown Manhattan. Etwa zweihundert junge Menschen waren in die Leonard Street gepilgert, um einen Gig der besonderen Art zu genießen. Doch noch war es nicht so weit, da aus den Lautsprechern lediglich dumpf die Pausenmusik dröhnte. Um die Wartezeit zu verkürzen, holte uns Oliver zwei Bier, doch bekommt er die erst ausgehändigt, als ich vom Dunkeln ins Helle trete und mich die Barkeeperin sehen kann. Einen Ausweis brauche ich dann nicht mehr herzuzeigen, sie glaubt mir auch so, dass ich die für’s Alkoholtrinken erforderlichen Einundzwanzig schon erreicht habe.

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Um mich herum drängen sich immer mehr StudentInnen, die so aussehen, als würden sie sich schon mal einen Vorgeschmack auf das morgige Lollapalooza Festival am Jones Beach in Long Island abholen. Leider wird mir das nicht vergönnt sein. Doch dafür bin ich heute hier und werde immer aufgeregter, auf das, was da bald kommen soll! Auf der etwa zehn Meter breiten Bühne lässt sich immer wieder mal ein Roadie blicken, der einen Mikrophonständer ein wenig zur Seite rückt, eine Gitarre hin- und wieder wegträgt, Wasserflaschen und Handtücher bereit legt – eben den guten Geist gibt. Sieht gut aus da vorne, und nach bald zwei Stunden Wartezeit könnte es eigentlich losgehen! Der Abend von dem ich eines Nachts, kurz vorm Schlafengehen in einem Newsletter gelesen und sofort Tickets bestellt habe:
“TIME-LAPSE CONSORTIUM’s Michael Einziger (Incubus), Jose Pasillas II (Incubus), Ben Kenney (Incubus, formerly of The Roots) and Neal Evans (Soulive) will rock New York City’s Knitting Factory on Tuesday, July 29. This is a must-see show so come on out if you’re in the area.”

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Noch hoffe ich, dass der charismatische Sänger, Brandon Boyd auch dabei sein würde, der nicht im Line-up erwähnt wurde. Und als ich noch so drüber nachdenke, tut sich auch endlich was auf der Bühne und Neal nimmt hinten am Keyboard Platz und Jose an den Drums, Michael schnappt sich die Gitarre und Ben den Bass. In dem plötzlichen Gedränge zunächst nicht zu sehen, Brandon, der sich ganz nach links zu dem Percussion Set aufmacht. Die ersten Töne erklingen und sogleich ist klar, dies ist kein klassisches Incubus-Konzert sein wird, sondern diesmal würden Einziger & Co. etwas anderes abziehen. Jazziger präsentiert sich der Sound und mir unbekannt sind die Stücke, die ganz ohne Gesang, und dafür primär von Neils Keyboard- und von Mikes Gitarrensound getragen werden. Die Jungs da vorne schäumen über vor Spielfreude und ich sehe ihnen den Spaß an der Sache an.

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Die Harmonie zwischen den Musikern ist perfekt. Es ist so, als hätten sie in genau der Besetzung schon seit Monaten, ja vielleicht Jahren gespielt. Vollblutmusiker eben! Und nach einigen fetzigen, funkig jazzigen Stücken legt Brandon seine orangene Sonnenbrille weg, nimmt den Zahnstocher auf dem er unentweg kaute aus dem Mund und verläßt seine Bongos, um zum Mikrophon zu greifen. Die Band spielt einen Smooth-Jazz-Klassiker und Brandon singt dazu. Weiter geht es mit einer gekonnten Interpretation des Cole Porter Evergreens Night and Day. Das war’s dann auch nach gut Neunzig Minuten schon. Doch lässt das Publikum natürlich nicht locker und das Time-Lapse-Consortium kommt nochmal auf die Bühne. Neil erweckt bekannte Töne zum Leben, alle da oben auf der Bühne schmunzeln und liefern sich erstmal kleinere Solo-Einsätze, bis dann schließlich die eigentliche Melodie erklingt und Brandon die entscheidende Frage stellt: Are You In? Of course we are! Der Abend darf einfach noch nicht zu Ende sein! Das denken sich wohl auch die fünf da oben und lassen das intime Musikereignis mit Lionel Ritchies Hello ausklingen. – Hello, is it me You’re looking for? Definitely!

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von David Jacobs.

Tipp – die Deutsche Incubus-Fanseite.

Die Offizielle Incubus Seite.

Odyssee Green Card- letztes Kapitel!

30. Januar 2003 von Elke

“Do you swear to say the truth and nothing but the truth?” fühle ich mich nahezu ein wenig überrumpelt und antworte wahrheitsgemäß mit “Yes!” und darf mich setzen. In dem kleinen Büro, in das gerade einmal vier Stühle samt Schreibtisch sowie ein Aktenschrank passen, nahmen auch mein Anwalt und Oliver Platz. Mir gegenüber saß Mr. Francisco, der INS-Officer, der über mein weiteres Bleiben in den Vereinigten Staaten von Amerika befinden durfte. Dieselben Beamten der Immigrationsbehörde (INS), die am Flughafen alle Neuankömmlinge über ihre Absichten befragen, dürfen als “job enrichment” (= Bonus) auch immer mal wieder Dienst im riesigen INS-Gebäude am Broadway tun und BewerberInnen für die Greencard interviewen.

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Dort am Seiteneingang in der Worth Street, müssen alle Besucher die Metalldetektoren durchwandern und dürfen erst dann passieren, wenn diese grünes Licht geben. Im 8. Stock angelangt, begrüßt mich der am Eingang des Warteraums positionierte Beamte mit einem “good luck” und ich geselle mich zu etwa 200 Menschen, die hier bereits um 8 Uhr morgens versammelt sind. Doch wo bleibt mein Anwalt? Der da drüben? Nee, der gefällt mir nicht! Ich kenne meinen INS-Anwalt nämlich gar nicht, da mein eigentlicher Anwalt sowohl den weiten Weg von der Upper East Side nach Downtown scheut als auch sein schnuckeliges Büro nicht gegen Beamtenmuff einzutauschen gewillt ist. Der da? Oh nein, bitte einen, der ein bisschen mehr her macht! “Elke”? “Yes”? “Stay in line and wait!” – Aha, das wird also Mr. Bernstein sein, der sich erst mal gar nicht weiter um mich kümmert, sondern eifrigst mit seinen Kollegen fachsimpelt. Also warte ich, bis ich vorne am Schalter an der Reihe bin, um zu unteschreiben und meine Unterschrift mit einem Fingerabdruck zu besiegeln. Einen Abdruck aller zehn Finger musste ich bereits im November 2002 über mich ergehen lassen. Auch durfte ich nicht zu meinem heutigen Termin erscheinen, ohne zuvor bei einem vom INS genehmigten Arzt gewesen zu sein. Deshalb verbrachte ich einen Samstagvormittag im Januar damit, mich röntgen, gegen diverse Immunschwächekrankheiten untersuchen und gegen allerhand abwendbare Krankheiten impfen zu lassen.

Der Anwalt weist mich daraufhin, dass wir hier heute gut und gerne den gesamten Tag zubringen könnten und fängt an Shakespeare’s “King Lear” zu lesen. Nach einer Weile fragt er mich, ob gebildete Deutsche Schwierigkeiten beim Lesen von Goethe, Schiller, Schopenhauer hätten. Ich verneine, und ehe ich noch die Gelegenheit habe, das weiter auszuführen, höre ich, wie mein Name aufgerufen wird und Hoffnung macht sich breit, vielleicht doch gegen Mittag die wenig gastliche Stätte verlassen zu können. Die deutsche Frau mir gegenüber wünscht uns noch viel Glück und beim Betreten des Büros von Mr. Francisco nickt mir der Anwalt zu, soll heißen: alles wird gut.

Ab jetzt laufen die Ermittlungen des FBI und nur wenn diese wunschgemäß negativ verlaufen, gibt es abschließend den heißersehnten Stempel in den Reisepass. Die eigentliche Karte, die so grün gar nicht ist, wird von einer extra Behörde ausgestellt, und per Post etwa 4 bis 6 Monate nach dem Interview zugestellt. Hoffentlich klappt das diesmal mit der Adressänderung besser. Mein Anwalt hatte sich ja auch köstlich amüsiert, dass ich quasi einen Steinwurf von der Einwanderungsbehörde hingezogen bin. Dass dies gerade mal sieben Tage vor New Yorks größter Tragödie passiert war, verschweige ich ihm. Überhaupt wurde ich von eben jenem geschwätzigen Juristen gebrieft nur auf genau die mir gestellten Fragen mit “Ja” oder “Nein” zu antworten. Vielleicht auch mit einem bisschen mehr, sofern es die Situation erforderte, doch sollte ich meinen Rededrang heute zügeln, Und um das liebste Anti-Sprichwort eines alten Freundes zu bemühen: “Ein Bild sagt mehr als Tausend Worte”, (‚Anti’ deshalb, weil es eben nicht stimmt. Mit wohlgewählten Worten lässt sich durchaus gleichfalls eine bildliche Dichte erreichen!) sollte ich laut meines Anwalts die mitgebrachten Fotoalben auf den Schreibtisch des Officers legen.

Interessiert blätterte der grauhaarige Mitfünfziger mein kleines Reise-Fotoalbum durch. Mein edles, großes habe ich Zuhause gelassen. Fertig mit den Hochzeitsfotos, macht er sich an das große Album mit den Fotos aus den letzten zehn Jahren – eine bunte Mischung. Schließlich entscheidet sich der hoffentlich gütige Herr für ein Foto aus dem Standesamt: Oliver und ich unterschreiben die Hochzeitsurkunde. Er nimmt das Foto und legt es sorgsam zu den anderen Akten. Dann, völlig unvermittelt und so ganz unzeremoniell öffnet er seine Schreibtischschublade, bringt ein Stempelkissen mit Stempel zu Tage, holt meinen Reisepass aus den vielen Unterlagen hervor, schlägt ihn auf einer freien Seite auf, tunkt den Stempel ein und drückt ihn auf die freie Stelle. Da steht nun rot auf grün: “Processed for I-551. Temporary evidence of lawful admission for permanent residence valid until XXXX employment authorized.” Woohoo – das wars! Der Spuk ist vorbei und ich habe meinen Stempel und das ach so wichtige Kärtchen wird mir in den nächsten Monaten zugeschickt werden…

Ein bisschen weniger Hollywood als im Film “Green Card” ist’s bei mir zugegangen, doch aufregend genug war es auch, bis ich alle notwendigen Papiere, Belege und Beweise zusammen hatte und natürlich bis der ersehnte Termin Zustande kam. Jetzt aber endlich kann ich’s mit “Sting” ein wenig abgewandelt halten: “I’m an alien, I’m a legal alien, I am a German girl in New York”! And I LOVE it!

A Day in the City: T-Day

5.12.2002 von Oliver

Der amerikanische Feiertagskalender funktioniert anders als der deutsche. Zum einen gibt es kaum religiös motivierte Feiertage, weil bei der hier praktizierten, strengen Trennung von Kirche und Staat, keine Religion bevorzugt werden darf. Zum anderen sind Feiertage nicht „gesetzlich“, sondern eine Sache zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Jede Firma gibt jedes Jahr ihren eigenen Feiertagskalender heraus, der sich zwar an gewissen Standards, wie gewerkschaftlichen Regelungen oder den Börsenfeiertagen orientiert, aber letztlich der Großzügigkeit der Firma überlassen ist. So geben einige Firmen Fenstertage oder jüdische Feiertage frei, während andere knausriger sind, und sich auf die großen Feiertage wie July, 4th, Weihnachten beschränken. Auf einen Tag konvergiert der amerikanische Kalender allerdings für alle: Thanksgiving. Diese Tag hat für Amerikaner eine mystische Bedeutung als Familientag und als Auftakt für die Holiday Season, wie die Weihnachtszeit hier religionsfrei heißt.

Thanksgiving beginnt in New York mit der traditionellen Macy’s Parade, die sich von der 86th Street über Central Park West und Broadway bis zum Herald Square hinzieht. Marschieren tun neben verschiedenen, sorgfältig ausgewählten Marching Bands vor allem riesige, aufgeblasene Comicfiguren. Welche Figuren neu sind und welche ausgemustert werden, ist Gegenstand einer tagelangen Diskussion. Dieses Jahr hat Macy’s die Muppets wiederbelebt und so durfte Kermit, der Frosch, das erste Mal seit langer Zeit wieder über die New Yorker Straßen fliegen.

Letztes Jahr haben wir die Parade live miterlebt, dieses Jahr ziehen wir es wegen der beißenden Kälte vor, das Spektakel vor dem Fernseher mitzuerleben, was den großen Vorteil hat, dass man auch die Shows auf dem Herald und Times Square miterleben kann, was live nur extremen Frühaufstehern oder Macy’s Angestellten und deren Familien und Freunden möglich ist.

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Nach der Parade machen wir uns dann auf den Weg in die Upper Eastside wo wir erstaunt feststellen, das sich die Stadt, die niemals schläft, in einem erstaunlichen Zustand befindet: sie macht ein Nickerchen. Fast alle Geschäfte sind geschlossen, die Straßen sind menschen- und autoleer. Als wir völlig durchgefroren nach einer Kneipe suchen, stellen wir erstaunt fest, dass ein Großteil der Pubs und Cafes ebenfalls die Stühle auf die Tische gestellt hat.

In der 2nd Ave. finden wir dann schließlich Fitzpatricks Pub, in der eine äußerst freundliche Barkeeperin diejenigen bedient, die sich keinen Truthahn in Großmutter’s Haus servieren lassen können oder wollen. In den Fernsehern läuft das Thanksgiving Footballspiel, das ebenfalls zur Tradition des Festtages gehört. Genauso wie die Werbung in den Spielpausen (von denen American Football praktischerweise sehr viele hat), die auf die Sonderangebote am Freitag nach Thanksgiving hinweisen. An diesem Tag, an dem sehr viele frei haben, versuchen die Geschäfte die Leute teilweise schon um sechs Uhr morgens mit Early-Bird Angeboten in die Läden zu locken.

Nach einem Bier werden wir hungrig und weil wir alles richtig machen wollen, wollen wir natürlich wie alle anderen Turkey essen. Das ist nicht weiter schwer, denn alle Restaurants, die auf haben, bieten auch Truthahn an. Selbst das traditionelle, deutsche Lokal Old Heidelberg macht hier keine Ausnahme. Wir finden dann allerdings Viands Restaurant, einen Diner an der Ecke zur 86th St. doch passender.

Wie wir dann anhand von gerahmten Zeitungsartikeln feststellen, ist Viands eine Turkey-Oase für einsame Städter an Thanksgiving und Weihnachten. Für knappe $14 bekommt man eine riesige Portion saftigen Truthahn mitsamt Füllung und Soße, einem Teller Gemüse mit den unvermeidlichen Süßkartoffeln sowie einen Pumpkin Pie zum Nachtisch. Nach dem Essen geht es uns dann wie vielen Millionen Amerikaner: wir sind gestopft voll und können uns noch kaum bewegen. Als Deutsche kennen wir allerdings ein Heilmittel dagegen: zurück im Fitzpatrick trinken wir ein Stamperl Jägermeister, was uns zumindest ermöglicht, bis nach Hause zu kommen, wo wir dann das tun, was alle Amerikaner tun: auf das Sofa fallen und den Rest des Abends vor dem Fernseher verbringen.

100 Centre Street – ein Tag am Gericht

17.11.2002 – Von Oliver

Nach dem amerikanischen Rechtssystem hat jeder Angeklagte das Recht, die Verhandlung vor einer Jury „normaler Bürger“ auszutragen, ganz gleich, ob es sich um einen Autounfall oder eine Milliardenklage gegen einen Großkonzern handelt. Das erfordert natürlich eine riesige Anzahl von potentiellen Geschworenen, so dass jeder amerikanische Staatsbürger verpflichtet ist, alle vier Jahre die so genannte „Jury Duty“ zu schieben. Dabei handelt es sich um eine staatsbürgerliche Pflicht, die ähnlich wie die Wehrplicht, nur symbolisch bezahlt wird. Ob der Arbeitgeber den Lohn während der Jury Duty bezahlt, bleibt diesem überlassen, das einzige, was nicht passieren darf, ist, dass man den Job wegen Jury Duty verliert – ob man aber vielleicht durch den Verdienstausfall bankrott geht, das interessiert den Staat nicht.

Wir haben uns natürlich vorher bei unseren Freunden informiert, was da auf mich zukommen würde – und erfahren, dass es normalerweise nur ein paar Tage dauert – es kann aber auch Fälle geben, die ein, zwei, drei Wochen und, ja, auch in manchen Fällen Monate dauern. Als ich mich also am Morgen auf den Weg zu 100 Centre Street, in den Supreme Court des New York County (sprich Manhattan), mache, bewegen Elke und mich nur ein Gedanke: dass ich so schnell wie möglich wieder raus komme.

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Als potentieller Juror trifft man sich in einem Warteraum im 15. Stock des Gebäudes, der den typischen Charme von amtlichen Räumen ausstrahlt: abgewetztes Mobiliar und zahllose Schilder, auf denen steht, was man nicht tun darf und was man tun muss. Die Stühle stehen angeordnet wie im Wartesaal eines Flughafens und bieten Platz für etwa 300 Wartende. An einer Seite steht ein riesiges Pult, hinter dem der Jury Clerk agiert.

Und wir wären nicht in Amerika, wenn sich dieser nicht mehr als Master of Ceremony, denn als trockener Amtsschimmel versteht. Während ich mit 300 nicht besonders ausgeschlafenen (wir haben 8:30 am Morgen) Menschen jeden Alters, Hautfarbe und sozialer Schicht aufgeregt, genervt, erwartungsvoll oder angstvoll nach vorne blicke, begrüßt uns der Jury Clerk so, als ob es eine große Ehre ist, an diesem Tag, einen Beitrag zum Rechtsstaat zu liefern. Ja, das ist es auch, aber welchen Preis muss man dafür persönlich zahlen? Nach der Ansprache sehen wir ein Video zur Einstimmung, eine Geschichte des Gerichts, das – wir sind in Amerika – effektvoll mit einem nachgestellten mittelalterlichen Prozess beginnt, bei der die Unschuld des Angeklagten dadurch nachgewiesen wird, dass er mit gefesselten Händen in einem Fluss ertrinkt (der Film hat ein Happy End, da Freunde den Armen noch rechtzeitig aus dem Wasser ziehen können). Anschließend wird uns die Prozedur erklärt: ganz profan steht auf dem Pult eine Lostrommel, in der unsere Namen sind. Benötigt ein Richter eine Jury, dann werden Namen aus der Trommel gezogen je nach Prozess bis zu 100.

Eigentlich gewinne ich bei solchen Tombolas nie etwas, aber diesmal, bingo, bin ich bei den ersten 100 dabei, die zu Judge McLaughlin in den Gerichtssaal geschickt wurden. Der Court Officer führt uns in den Saal und weist uns die Plätze im Zuschauerraum an. Wie uns vorher erklärt wurde, führt der Richter in seinem Saal eine Art diktatorische Herrschaft und das Mittel dazu heißt, wie man aus den einschlägigen Filmen weiß, „Missachtung des Gerichts”, was mit saftigen Strafen belegt wird. So ist es auch möglich, dass der Richter 100 erwachsene Menschen mit einem recht langatmigen Vortrag über das Rechtssystem und die Aufgaben einer Jury strapaziert, ohne dass ein Muckser im Publikum zu hören ist.

Dann wird es konkret und die Jury wird ausgewählt, indem Staatsanwalt, Verteidigung und natürlich der Richter sich auf zwölf Personen einigen, die dann für den gesamten Prozess zur Verfügung stehen müssen. Und dieser Prozess dauert, nach einer groben Schätzung des Richters, ungefähr drei Wochen.

Um die Prozedur zu vereinfachen, werden aus den 100 bereits ausgewählten Menschen, Gruppen zu je 20 Leuten ausgelost, die dann echte Gerichtsluft schnuppern dürfen und es sich in der Jury Box, jene 2 reihige Tribüne auf der rechten (oder linken) Seite des Gerichtssaales bequem machen dürfen. Zu Beginn müssen wir reihum 10 persönliche Fragen beantworten, die den Anwälten einen ersten Eindruck vermitteln sollen.

Staatsbürgerliche Pflicht, Beitrag zum Rechtssystem hin oder her, das Spiel heißt für die meisten der 20 „Wie winde komme ich möglichst schnell wieder aus der Jury Box, ohne das Gericht zu missachten“. Der erste, ein arbeitsloser Programmierer, der gerade von der Uni abgegangen ist, hat einen 15 Tage alten Sohn – keine Chance. Ein anderer erwartet sein Kind in 15 Tagen, schon besser: „You are excused“, sagt der Richter und schickt ihn zurück in den Warteraum. Überhaupt keinen Grund hat der Journalist, der vor dem Abschluss eines wichtigen Projekts steht. Kein Englisch zu verstehen ist dagegen eine gute Entschuldigung. Oder sich dumm zu stellen (absichtlich oder unabsichtlich) und auf die Frage „Würden sie einen Angeklagten für schuldig erklären, wenn seine Schuld bewiesen ist?“ keine klare Antwort zu wissen.

Der Letzte in der Reihe findet dann den besten Weg zurück in den Wartesaal: er antwortet auf die Frage „Können sie fair und unparteiisch sein?“ mit einem klaren Nein und darf sofort gehen. Sein Ersatzmann, der sofort ausgelost wird, kann das auch. Erst der dritte nimmt seine Aufgabe ernst und erklärt sich als fair und unparteiisch.

Überhaupt ist das mit dem Ernst so eine Sache. Natürlich will keiner drei oder mehr Wochen mehr oder weniger unbezahlt im Gerichtssaal verbringen und sich mit Mord, Unglück und Elend beschäftigen. Und so ist die Versuchung groß, sich als dumm, charakterschwach, vorbelastet oder voreingenommen darzustellen, nur um so schnell wie möglich wieder draußen auf der Straße zu sein und mit seinem normalen Leben weiterzumachen.

Auf der anderen Seite sitzt allerdings die Angeklagte, ein mittlerweile 18-jähriges Mädchen, die mit dreizehn einen Taxifahrer in Harlem erschossen und beraubt hat. Für sie ist das alles kein Spaß, ob sie nach einer offensichtlich grauenvollen Kindheit irgendwann noch die Chance hat, ein halbwegs normales Leben zu führen, oder ob sie das Volk von New York für längere Zeit hinter Gitter steckt (die Todesstrafe steht hier nicht zur Diskussion). Und deswegen bin ich hin- und hergerissen zwischen dem Impuls, einem langen Prozess und den damit verbundenen persönlichen Schwierigkeiten einfach aus dem Weg zu gehen und der Hoffnung, dass die Angeklagte einen fairen Prozess erhält, auch wenn es mich als Geschworenen erfordert.

In der zweiten Runde sind dann die Anwälte dran mit einem Frage und Antwortspiel. Die Staatsanwältin weist darauf hin, dass es im wirklichen Gericht deutlich anders zugeht, als in Serien wie “Law and Order” oder “Perry Mason”. Stimmt nicht, finde ich: zwar wird natürlich der langwierige Prozess der Juryauswahl nicht gezeigt, aber der Richter, der den Verteidiger immer wieder mit Strenge und Sarkasmus maßregelt, könnte wirklich aus dem Fernsehen sein.

Auf jeden Fall gibt die zweite Runde nochmal genug Möglichkeiten dem Prozess zu entkommen. Der Junge mit dem 15-tägigen Sohn und mein Sitznachbar, versuchen nachzuholen, was sie bei der ersten Runde versäumt haben und erklären, dass ihnen jetzt doch noch eingefallen sei, dass sie eigentlich unfair und parteiisch seien. Ein Mädchen hat Probleme mit Gewaltverbrechen, weil eine enge Freundin von ihr bei einen bewaffneten Raubüberfall verletzt war. Ob wir Probleme damit haben, dass die Angeklagte dreizehn Jahre alt war, als das Verbrechen verübt wurde? Oder ob uns Bilder von einem Menschen etwas ausmachen, der durch einen Schuss in den Kopf getötet wurde.

Nach zwei Stunden ist es vorbei und wir müssen vor dem Gerichtssaal warten, bis uns der Court Officer mitteilt, wer ausgewählt wurde. Die zwanzig tigern aufgeregt vor der Türe herum, bis schließlich die Nachricht kommt: Keiner wurde genommen, wir sollen es aber nicht persönlich nehmen. Wir nehmen es nicht persönlich, eine Woge der Erleichterung geht durch die Reihen und alle gehen wieder nach Hause.

Zwei Tage später (das Gericht hat wegen des Wahltages in ganz Amerika einen Tag zu), sitzen wir dann alle wieder im Warteraum und warten. Der Jury Clerk ist wieder blendender Laune uns verspricht uns, dass es heute einige Verhandlungen geben wird. Nein, bitte nicht. Allerdings, sagt er eine Weile später, ist es ziemlich voll hier, also schickt er bald eine Menge Leute nach Hause. Tut er aber nicht, sondern lost zwei Mal 25 für eine Verhandlung aus. Ich bin nicht dabei. Nach der Mittagspause ist es erst ruhig, obwohl uns der Jury Clerk verspricht: „We’re soon bursting into action“. Und so ist es auch: eine Auswahl nach der andern, die Lose schlagen links und rechts, vor mir und hinter mir ein, aber ich bleibe verschont.

Das war’s dann auch: Unter heftigem Beifallklatschen verteilt der Jury Clerk die Zertifikate, die einen von der Jury Duty für 4 Jahre befreien. Wir verlassen den Warteraum so schnell wie möglich und verteilen und auf der Straße in alle Richtungen.

Nochmal einen Blick zurück auf das wuchtige Gebäude an der 100 Centre Street: ich bin froh, dass ich draußen bin, aber auch dankbar, einmal einen Einblick in eine Welt zu bekommen, mit der die meisten Menschen nichts zu tun haben wollen. Eine Welt, die vielleicht Recht im Sinne der Gesetze bringen kann, doch merkwürdigerweise nichts gegen die Ungerechtigkeit des Lebens ausrichten kann, die eine 13-jährige dazu treibt, für ein paar Dollar einen Menschen umzubringen.

Places to Be: Lolita Bar

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Wenn wir die Lolita betreten, meistens am frühen Abend nach einem besonders erfolgreichen oder frustrierenden Tag, ist es eine Art Heimkommen in ein gemütliches Wohnzimmer. Zwischen den Wänden aus unverputzten Ziegelsteinen stehen flache Tische, eine Vielzahl verschiedener Stuehle sowie Sessel und Sofas. Auf den Tischen und auf der Bar stehen Kerzen, an der Mauer hängen Bilder (von wechselnden Kuenstlern) und aus den Lautsprechern kommt Musik, die auch in unserem Plattenschrank stehen könnte.

Die Lolita Bar ist am frühen Abend eine Neighborhood Bar, die die meisten Gäste als Erweiterung ihrer eignen, engen New Yorker Appartments betrachten. Man trinkt ein Bier oder einen Drink, liest ein Buch oder chattet mit Bartender Ken ueber Musik oder flirtet mit den Barfrauen Anna und Sue. Mark, der Manager aus dem Museumshop des Lower East Side Tenement Museum, in dem für beide Teile von Men in Black gedreht wurde, ist fast jeden Abend da – manchmal mit Kollegen aus dem Museum, manchmal alleine, wo er Gedichte schreibt, liest oder sich mit den anderen Stammgästen unterhält.

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Gegründet wurde die Lolita Bar von Leah, Katie und Clyde in der Absicht, eine Bar zu betreiben, die garantiert nicht hip ist. Und was hip ist, wussten zumindest Katie und Clyde von ihren Jobs in der Musikindustrie. Die Lolita sollte genau das werden: ein Ort zum Wohlfuehlen, mit guter Musik und gelegentlichen Events mit DJ und Livebands. Die Lolita ist ein Ort fuer kleinere Feiern und wird gelegentlich für eine größere Ereignis wie die Lauchparty der Rap-Band Jurassic 5 gebucht.

Nach Ende der Happy Hour um 8 Uhr lässt die Gemuetlichkeit allerdings rapide nach. Das Publikum wird – vor allem am Wochenende – jünger und es wird oft unmöglich einen Platz zu finden. Die sonst so gelassenen Barkeeper rennen immer hektischer hinter der Bar hin und her und raus, um die Tische wieder abzuräumen.

Wie es alle diese Leute in die Lolita zieht, bleibt für uns allerdings ein Geheimnis, denn der Ort an der Ecke von Broome und Allen Street ist doch ein paar Blocks vom Zentrum des Nachtlebens der Lower East Side entfernt. Clyde hat uns erzählt, dass er darauf spekuliert, dass sich das Kneipenviertel nach Süden hin über die Delancey Street ausbreitet. Ob das nach eineinhalb Jahren wirklich der Fall lässt sich schwer sagen – zwar öffnen auch südlich der Delancey die eine oder andere Boutique, aber es dominiert immer noch die einmalige Mischung zwischen jüdischen Groß- und Einzelhändlern, spanischen Lebensmittelgeschäften und den Ausläufern des sich ständig vergrößernden Chinatown.

Uns verbindet mit der Lolita ein Stück gemeinsamer Geschichte, denn die Bar hat ein paar Wochen aufgemacht, bevor wir in unsere provisorische Wohnung im selben Block, in der Orchard Street um die Ecke gezogen sind. Trotzdem hat es einige Zeit gedauert bis wir die Lolita entdeckt haben, weil wir in dem doch für New-York-Neulinge recht bedrohlichen Viertel unsere Kreise nur langsam erweitert haben und uns hauptsächlich in den belebteren Nordern der Lower East Side und das East Village orientiert haben. Als wir dann doch eines Nachmittags die Broome Street entlangschlenderten, fielen uns die zwei jungen Frauen auf, die heftig ueber eine Standtafel diskutierten, die eine späte Happy Hour um 10 Uhr abends ankündigte. Das haben wir am selben Abend auch noch ausprobiert und habe seitdem die Lolita Bar zur Erweiterung unserer kleinen Wohnung erklärt.

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Seitdem haben wir dort eine Menge erlebt: zum Beispiel unser erstes Barbeque am Memoria Day, der traditionellen Eröffnung der Sommersaison, eine feuchtfröhliche Geburtstagsfeier bis um 4 Uhr Morgens, eine Independence-Day-Feier und ein lauschiger Heiligabend-Nachmittag.

Kneipen wie die Lolita scheinen sich übrigens zu lohnen – schon seit längerer Zeit kuemmern sich Clyde und Katie nur noch um die Verwaltung, so dass sie leider nur noch selten in der Bar zu finden sind. Genauso haben wir unsere Immigrantenwohnung in der Orchard Street verlassen und sind Richtung Downtown gezogen. Trotzdem, die Lolita besuchen wir noch regelmäßig und wer dort am Freitagabend hingeht, hat gute Chancen, uns zu treffen.

Die Stadt, in der die Hilfsbereitschaft niemals schläft

11.9.2002, von Elke

Kaum habe ich die Bar betreten, da umarmt mich Clyde und freut sich riesig, Oliver und mich wohlauf zu sehen. Als Wirt unserer Stammkneipe wusste Clyde, dass mein Mann Oliver und ich vor gerade mal neun Tagen in die unmittelbare Nähe des World Trade Centers gezogen sind. Nur einen Block entfernt. Und was macht ein echter Wirt an solch einem irrsinnigen Tag wie dem 11. September? Er öffnet seine Bar und stellt seinen Gästen Freidrinks auf den Tresen. „Holy Shit, das ist das Wenigste, was ich für meine Gäste tun kann!“.

Denn Clyde Rennies Erwachen an diesem Tag verlief anders als sonst. Zwar schaltete er aus Gewohnheit den TV ein, doch rieb er sich sogleich die von der Spätschicht noch müden Augen: bei dem, was er sah, konnte es sich nur um den neuesten Emmerich oder Cameron handeln. Godzilla und King Kong machen gemeinsame Sache und New York City dem Erdboden gleich. Ohne den ersten Schluck Kaffee interessierte sich Clyde nicht sonderlich für Hollywoods neueste Phantasiegeschichten und zappte durch die anderen Programme. Er versuchte es zumindest, doch blieben die anderen Kanäle dunkel und lediglich Channel 2 sendete Bilder vom brennenden World Trade Center. Dass die anderen Kanäle fehlten, musste mit der Antenne zu tun haben, die sich auf dem Nordturm des World Trade Centers befand. Clyde wusste, dass etwas Schreckliches passiert sein musste und er nicht untätig zu Hause rumsitzen konnte. Also sprang er unter die Dusche und in seine Klamotten und machte sich auf den Weg. In der Broome Street angekommen, nicht weit vom Financial District entfernt, öffnete er seine eigentlich bis 17 Uhr geschlossene Bar bereits um elf Uhr morgens. Und von diesem Moment an strömten Menschen unaufhaltsam in das gemütliche Lokal: sie haben Durst, brauchen eine Toilette, wollen telefonieren, suchen nach Information oder einfach nur nach Gesellschaft. Auch wenn die „Lolita Bar“, die Clyde gemeinsam mit Geschäftspartnerin Katie betreibt am 11. September nicht derart stark frequentiert wurde, wie die vielen Lokale in Midtown, so herrschte auch hier ein aufgeregtes, fassungsloses Kommen und Gehen von älteren und jüngeren Menschen verschiedenster Herkunft. Ganz New York ist nach den Tagen des Unglücks ein gutes Stück näher zusammengerückt.

Einen halben Tag früher bevölkern mit mir zusammen Tausende von Menschen die Straßen von Lower Manhattan, anstatt im Büro zu sitzen und die ersten E-Mails zu beantworten. Für gewöhnlich preisen die Fischhändler in der South Street ihre auf Eis gelegten Muscheln, Schwertfische und Seebarben an, doch an diesem Tag händigen sie Wasserflaschen und feuchte Tücher an die vielen vorüberziehenden Menschen aus. Die Fischhändler geben sich alle Mühe, so was wie Zuversicht auszustrahlen und den Fliehenden zu helfen, die von Asche und Schutt beschmutzt nahe des East River, fernab der hohen Wolkenkratzer Schutz suchen. Ob jemand von ihnen bemerkte, dass es nicht nach Fisch, sondern nach Staub roch? Und wie riecht eigentlich Bauschutt? Der Geruch widersetzt sich jeglicher Beschreibung, da in Krisensituationen das Gehirn den Sinnen befiehlt, alle unnötigen Informationen auszufiltern und Energien für Wichtigeres parat zu halten.

Ich nehme keinen Fischgeruch war und rieche absolut nichts, als ich inmitten der vielen verstörten Menschen auf der mittlerweile für den Verkehr gesperrten South Street vorwärts eile. Über uns ist der „Elevated Highway“ des F.D.R. Drive nur mehr für Polizei- und Rettungsfahrzeuge freigegeben.

Obwohl mich eine innere Stimme weiter drängt, bleibt Oliver auf Höhe der Brooklyn Bridge plötzlich stehen, und schaut zurück. Auch ich drehe mich um. Vom Lower Manhattan dominierenden World Trade Center kann ich nur den immer großflächiger brennenden Nordturm erkennen. Links daneben verdeckt eine fette, milchigweiße Wolke, den Südturm und nimmt ihn vollständig für sich ein. Ich weiß nicht, was die Riesenwolke zu bedeuten hat. Auch kann ich zu dem Zeitpunkt gar nicht wissen, dass der Süd-Tower bereits eingestürzt ist und sich in der korpulenten Wolke seine pulverisierten Überreste befinden.

Alles und jeder wurde von gewaltigen Kräften zermahlen: Glühbirnen, Laserdrucker, Kopiergeräte, Schreibtische, Kühlschränke und auch Menschen. Über 100.000 Menschen halten sich für gewöhnlich pro Tag auf dem Gelände des World Trade Centers auf. Frauen und Männer aus New York, New Jersey sowie vielen anderen Städten und Staaten, die in den Bürotürmen arbeiten. Geschäftsleute und Touristen, die im „Windows on the World“ im 104. Stock Aussicht und Menü genießen. Menschen, die in den World Financial Centern shoppen oder sich im Wintergarten bei einem Snack von den Strapazen des Alltags erholen.

Plötzlich muss ich daran denken, wie mir im Kino damals die Augen überquollen und die Tränen unaufhaltsam strömten, als es hieß “und dies war das letzte Mal, dass die Titanic Tageslicht sah”, doch blieben meine Augen jetzt trocken – von Staub und Schmutz geradezu ausgetrocknet. Woher sollte ich auch wissen, dass ich das World Trade Center soeben zum letzten Mal in Natura gesehen habe? Es bleibt keine Zeit, so lange zu verweilen, bis sich die Wolke am Südturm lichten könnte, da diese innere Stimme, der Wille zum Überleben, zum Weiterziehen aufruft.

Am 2. September 2001 erst haben Oliver und ich unser frisch renoviertes Apartment mit Blick auf das World Trade Center bezogen. Fünf Tage danach feierten wir mit unseren New Yorker Freunden eine lebenslustige Party und nur weitere vier Tage später flüchten wir aus unserem Paradies. Wir schätzen uns glücklich, unsere bisherige Studentenbude in der Lower East Side noch bis zum Ende des Monats gemietet zu haben und genau dorthin wollen wir, um Unterschlupf zu finden.

Eine Dreiviertelstunde vorher hielt ich mich noch unter dem schweren Mahagonischreibtisch in Olivers Büro verkrochen, weil das Gebäude in der 44 Wall plötzlich durchgeschüttelt wurde. Erst Stunden später würde ich erfahren, dass die Erschütterung vom einstürzenden Südturm verursacht worden war. Um zu wissen, was denn eigentlich los ist, muss ich aber den vermeintlich sicheren Platz verlassen und aus dem geschlossenen Fenster schauen: draußen ist es neblig grau und es sieht so aus, als ob die gesamte Straße brennen würde. Doch ich will nur eines, ich will hier raus! Das dachten sich auch die vielen Menschen, die im World Trade Center arbeiteten. Und unter denjenigen, die es geschafft haben, dem Inferno zu entkommen, befinden sich nicht wenige, die auch neun Monate später die Subway meiden und stattdessen Manhattan nur mehr per Bus durchqueren. Dass sie das aber noch immer tun können, verdanken sie ihrem Instinkt, dem “ich will hier raus!”. Nicht alle, die im Südturm arbeiteten, rannten zu den Fenstern und starrten fassungslos auf die Geschehnisse des Nordturms oder ließen sich von Abteilungsleitern wie brave Schafe zurück an die Arbeitsplätze scheuchen. Viele waren ziemlich bockig und nahmen ihr Schicksal selbst in die Hand und haben sich dadurch gerettet.

Wo einen Tag zuvor noch Chaos und Verderben herrschte, dominiert am 12. September die Stille: der südliche Teil von Manhattan ist wie ausgestorben. Kein Motor heult am Washington Square, kein Auto quält sich durch die Straßen, keine Studenten plappern munter, selbst die sonst fröhlich zirpenden Amseln halten ihren Schnabel. In dieser Idylle wohnt Doris Lambertz in einem Apartment eines alten Brownstone Hauses. Auch wenn wir mittlerweile gute Freundinnen sind, so waren wir am 11. September bloß flüchtige Bekannte und trotzdem wollte Doris etwas tun. So bot sie mir und Oliver eine Unterkunft bei sich an. Also verbrachten Oliver und ich die Nacht vom 11. auf den 12. September zwar in unbekannter, doch uns wohlgesinnter Umgebung. Am nächsten Morgen erfahre ich aus den TV-Nachrichten, dass sehr viele Gebäude rund um das World Trade Center gleichfalls zusammengestürzt oder zumindest schwer beschädigt sind. Doch hoffe ich, dass mein um 1890 gebautes Büro- und Apartmentgebäude noch steht, das sich lediglich einen Block von der Katastrophe entfernt befindet. Das Fernsehen zeigt Bilder, die wenig erkennen lassen. Die Südspitze Manhattans versinkt unter einer alles verdeckenden, monströsen schwarz-grauen Wolke aus Rauch, die entsetzlich stinkt, doch ist Geruchs-TV noch nicht erfunden.

Da sie noch immer mehr tun will, als nur Oliver und mir ein vorübergehendes Zuhause zu bieten, bricht Doris am Morgen des 12. September zeitig auf. Mit „Ich gehe Blut spenden“ entschwindet sie in ein nahegelegenes Krankenhaus. Dass überhaupt keine Blutkonserven benötigt werden, weiß sie genauso wenig, wie die vielen Krankenstationen die sich für Hunderte von Verletzten rüsten. Doch gab es keine Verletzten. In dieser Katastrophe ging es ausschließlich um Leben oder Tod. Dazwischen gab es nichts! Ohne über TV oder Internet weitere Informationen zum neuesten Stand der Dinge erhalten zu haben, verlasse ich gemeinsam mit Oliver die herbstliche Ruhe am Washington Square. An vielen Stellen sind Wachposten positioniert und die Nationalgarde macht ihrem Ruf alle Ehre und schützt Lower Manhattan vor seinen Bewohnern und die Bewohner vor Situationen, auf die sie nicht gefasst sind. Gleichgültig wie schwer die Gründe eines jeden Einzelnen wiegen mögen, es gibt kein Durchkommen, dafür aber was anderes: „Can I get you something? Coffee, Soda, Bagels, something else?“ ruft eine Mit-Vierzigerin aus ihrem dicken Geländewagen den Polizisten und Soldaten zu. Und sie ist nicht die einzige, die für die Diensthabenden etwas tun möchte. Die Anonymität der Großstadt hat einer großflächigen Hilfsbereitschaft Platz gemacht.

Nach einigen Stunden in denen Oliver und ich mehrfach von West nach Ost und umgekehrt gelaufen sind, schaffe ich es schließlich zwei Polizisten in der Lower East Side mittels einer an mich gerichteten Postkarte und Olivers amerikanischen Pass davon zu überzeugen, dass sie uns zu unserer vorherigen Bleibe in der Orchard Street lassen. Unser eigentliches Ziel ist es aber, zu unserer zwölf Blocks weiter südlich liegenden neuen Wohnung zu gelangen, um uns mit frischen Klamotten, Waschzeug, Kosmetika sowie anderen persönlichen Dingen zu versorgen.

Einige „You can’t get through” und noch mehr Meilen später, hilft uns Sergeant „Wunder“ weiter. Und einem Wunder kommt es auch gleich, dass wir endlich unter Geleitschutz zweier drahtiger Streifenpolizisten zum Eingang unseres Gebäudes eskortiert werden, das wir einen Tag zuvor gegen 9:15 Uhr morgens im Eiltempo verlassen hatten.

Vergleiche drängen sich mir auf und mir ist, als befinde ich mich am Morgen des 11. September abwechselnd in einem Hollywood-Thriller oder in einer Zeitmaschine mit Ziel Dresden Frühjahr 1945! Doch gibt es kein Entrinnen aus dem Horrorszenario, keinen Knopf, um den Film auszuschalten, keinen Hebel, um die Maschine zu stoppen. Zwar nur Komparsin, muss ich mitspielen und das Beste aus der Situation machen. Die parallel zum Broadway verlaufende Nassau Street ist mit Papier gepflastert. Überall liegen Schriftstücke herum, die aus dem World Trade Center herausgeschleudert wurden. Gedankenverloren hebt Oliver eines der Blätter auf und steckt es in die Tasche seines Laptops, um es einen Monat später wieder herauszukramen. Die Balkendiagramme auf dem absurderweise fast druckfrisch wirkenden Papier waren vermutlich von einem Mitarbeiter einer der beiden großen Versicherungsmakler, die sich im World Trade Center befanden, errechnet worden. Hatte es der Verfasser und ursprüngliche Besitzer dieses Excel-Sheets geschafft, dem Inferno zu entfliehen? Ist er aus einem der Tower gesprungen, um nicht bei lebendigen Leib zu verbrennen? Das Stück Papier schweigt beharrlich und gibt die Geschichte seines Schöpfers nicht preis.

Doch schon am Nachmittag des 12. September stehe ich endlich vor meinem neuen Zuhause und werde überschwänglich von unserem Doorman begrüßt, der einen schlichten Atemschutz aus Zellstoff trägt.

Roop Bhoodai freut sich riesig, Oliver und mich zu sehen. Über drei Stunden hat er gebraucht, um an seinen Arbeitsplatz zu gelangen, wozu er sonst gerade mal dreißig Minuten benötigt. Doch Pflichtbewusstsein und Hilfsbereitschaft gingen ihm, wie vielen anderen seiner Mitmenschen dieser Tage über die persönlichen Bedürfnisse. Wie selbstverständlich war Roop morgens aufgebrochen, um seinen Kollegen Nic Reeger abzulösen. Nic hatte das Gebäude nicht verlassen, das vom World Trade Center lediglich durch die kleine Saint Paul’s Kapelle getrennt ist. Er fühlte sich für das Haus, sein Building, verantwortlich und durchpflügte jedes einzelne der 24 Stockwerke, klingelte und klopfte an alle 200 Türen und vergewisserte sich, dass alle Bewohner evakuiert waren. Nur er blieb und wartete bis sein Kollege kam.

Der südamerikanische Cop sperrt die Türe zu unserem Apartment auf und vergewissert sich mit seinem Kollegen, dass wir nicht mit einer unliebsamen Überraschung konfrontiert würden. Nach diesem Sicherheitsscheck, durften auch wir in unsere Wohnung, die sich genauso präsentierte, wie wir sie verlassen hatten. Der blonde Polizist postiert sich am Fenster, während der dunkelhaarige seinen Lunch verzehrt. Unser Apartment sieht gut aus und es ist lediglich ein wenig Staub durch eines der Fenster gedrungen, der das Sofa sowie einen Teil des Fußbodens überzogen hat. Was das bisschen Staub wirklich ist, welche Substanzen der graue World Trade Center Puder enthalten würde, kann ich zunächst nur erahnen. Die Polizisten waren über den kurzen Moment der Ruhe froh und verschafften sich von unserem 18. Stock aus, einen Überblick über das darunter liegende Chaos.

Wie jedes Jahr im September beginnt um diese Zeit das neue Semester an den vielen New Yorker Universitäten und Tausende junger Menschen warten darauf, ihrer angestrebten Karriere ein Stück näher zu kommen. Da viele seiner Kollegen außerhalb von New York festsitzen und New York nicht erreichen können, muss schließlich Tom Taylor mehrere Einführungsvorlesungen halten. Am Freitag, den 14. September 2001 steht er vor vielen jungen, fragenden, verängstigten Gesichtern und muss das Erklären, was keiner erklären kann. Als Professor für Psychologie kommt er nicht umhin, zu den Geschehnissen des 11. September Stellung zu nehmen.

Während die einen jungen Menschen in Vorlesungen sitzen, versammeln sich andere an markanten Plätzen und halten Mahnwachen ab. Der Union Square an der Grenze zum abgesperrten Gebiet wurde ebenso wie der Washington Square kurzerhand zur Gedenkstätte erklärt. Der Fußballfeld große Union Square war übersät mit Schnittblumen, Friedhofskerzen, Gedichten, amerikanischen Flaggen, Suchmeldungen, Vermisstenportraits sowie Opfergaben und Erinnerungsstücken. Auf dem Platz, an dem sonst Mütter ihre Kinderwägen vorwärts schieben, an dem drei Mal die Woche die Farmer von außerhalb Markt abhalten und wo Hundebesitzer ihre Lieblinge innerhalb einer Abzäunung frei laufen lassen können, auf diesem Platz war auf einmal alles anders. Auf Filmrollen und Speicherkarten festgehalten, fand sich die Szenerie ein paar Wochen später auf schaurig-schönen Postkarten wieder, die ein wenig an die 68er Studentenbewegung erinnerten.

Für gewöhnlich sagt man den New Yorkern eine gewisse Ruppigkeit im Umgang miteinander nach. Alle sind so beschäftigt und kaum jemand hat Zeit für den anderen. Manhattan verlangt es seinen Bewohnern ab, dass sie immer vorwärts streben und nicht nachlassen. Und obwohl gerade New York wegen seiner Anonymität von vielen geschätzt wird, so sind seine Bewohner in den Tagen nach dem 11. September 2001 für einige Zeit zusammengewachsen. Es war fast so, als ob jeder einen jeden kannte und jeder sprach mit jedem oder hätte es einfach tun können. Klar ist auch, dass so ein Zustand in einer 8 Millionen-Stadt nicht andauern kann, weshalb dieses Zusammenhaltsgefühl auch bald wieder dem geschäftigen Treiben gewichen ist.

Möglicherweise war jedoch gerade hier die Hilfsbereitschaft größer als an den meisten anderen Orten dieser Welt, oder wie es Clyde auf den Punkt bringt: „New Yorkers are rude, because that’s such a busy town, which makes you go. But if someone really needs help, people help.” New York treibt mit seiner Geschäftigkeit einen jeden an, doch wenn jemand wirklich Hilfe braucht, ist ein jeder bereit zu helfen und etwas zu tun!

Schließlich können wir am 20. September nach elf Tagen der Vertreibung wieder zurück in unser Apartment. Die Untersuchungen hinsichtlich Luftqualität und Gebäudestabilität haben ergeben, dass wir wieder einziehen können. Also mache ich mich Richtung Downtown auf, um wieder “Zuhause” zu wohnen. Ich schleppe die schwere Tasche die vielen Stufen der Station “Brooklyn Bridge” nach oben, wo es mir fast den Atem raubt. Diese nach Verbranntem stinkende Luft wurde als gesundheitlich unbedenklich deklariert? Doch das Schlimmste ist gar nicht einmal so sehr das, was man riecht, sondern die Partikel, die sich dem Geruchssinn verschließen, denn Asbest, Quecksilber, Metalle und andere pulverisierte Teile kann man nicht riechen, sehr wohl aber einatmen. Und die Staubteilchen, die den Fußboden meines Apartments überziehen, stammen vom World Trade Center, das nicht mehr existiert. Von Wahnsinnigen zerstört und über 3000 Unschuldige aus ihrem Leben gerissen und getötet. Ich aber darf mich glücklich schätzen, zu leben und die Tragödie nicht nur überstanden, sondern auch miterlebt zu haben. Auch wenn seit dem Terroranschlag neun Monate vergangen sind, vergeht kein Tag, an dem ich nicht mehrfach an den Tag erinnert werde, der nicht nur mein Sicherheitsdenken für immer ins Wanken gebracht hat. Zwar gilt noch immer, dass die Zeit alle Wunden heilt, doch für uns in Downtown New York ist das vom ehemaligen Bürgermeister Giuliani beschworene „back to normal“ noch immer nicht Realität. Wenn ich aus meinem Fenster schaue, werde ich nie wieder die stolzen World Trade Center Türme sehen. Zwar sind die abgebrannten Stümpfe und rauchenden Überreste einem seit kurzem sauber aufgeräumten Baugrund gewichen, doch wird es ein „normal“, so wie wir es kannten, nie mehr geben. Und trotzdem gilt für Menschen wie Clyde Rennie oder mich noch immer: „New York City is where I am happy and this is where I want to live“. Auch trinke ich ein Glas Whiskey am Liebsten in Clyde und Katie’s „Lolita Bar“ und ungebrochen ist meine Liebe zur Stadt New York und seinen Menschen trotz alledem: I love NY more than ever!

At the Beach

21.8.2002, von Oliver

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Am 2. September, Labour Day, wird definitiv Schluss sein: Die Lifeguards packen ihre Stühle, ihre Sonnenbrillen und die Amerika-Flagge ein und die New Yorker benutzen den Strand nur noch in herbstlicher Kleidung zum Spazierengehen. Zum Baden fliegt man dann nach Florida oder in die Karibik. Herbst und Winter dauern dann exakt bis zum 26.5.2003, Memorial Day, wenn die Lifeguards wieder an den Strand zurückkehren und Baden somit erlaubt ist.

Niemand würde natürlich wegen den Stränden nach New York reisen, aber die über 10 Millionen, die schon mal da sind, genießen es, dass Long Island ein paar der schönsten Strände der Welt bereit hält. Und als ob es die Natur geahnt hätte, sind die Strände auch so lang und breit, dass die Sonnenhungrigen einer Megametropole unterkommen, ohne dass man sich direkt auf die Füße tritt.

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Vor dem Strandvergnügen muss man allerdings die LIRR, die Long Island Railroad, bewältigen. Diese bietet mehrere Strandpakete an, die man bequem am Automaten kaufen kann und die neben der Bahnfahrt auch den Transfer bzw. die Strandbenutzungsgebühren (bspw. Long Beach) beinhalten. Die LIRR selber zeichnet sich jedoch mehr durch schmuddelige Züge (die Toiletten sind angeblich berüchtigt, wir haben das aber noch nie ausprobiert) und ein rechtes organisatorisches Chaos aus. Meistens kommt man auch nicht umhin, in Jamaica, Queens und/oder Babylon umzusteigen, was gar nicht so einfach ist. Die Züge tragen leider keinerlei Hinweise, wo sie denn hinfahren und die Durchsagen unverständlich, weil der Ansager entweder gerade keine Lust hat oder die Lautsprecher kaputt sind. Da hilft es nur einen der Schaffner, die mit einer Engelsgeduld einer langen Schlange von Menschen immer wieder dieselbe Auskunft geben.

Von Manhattan aus ist man am Long Beach am Schnellsten angelangt. Long Beach befindet sich auf einer Insel, die Long Island vorgelagert ist und auf der die LIRR eine Haltestelle unterhält. Long Beach selber ist ein Ort mit einer netten Strandpromenade und Geschäften, die fast günstiger als in Manhattan sind – Vorräte mitbringen lohnt sich also nicht. Bei unserem Besuch waren wir gegen 10 Uhr morgens am Srand und freuten uns schon, da der gigantische Strand nur spärlich besetzt war. Das änderte sich leider schnell und zum Mittag war schon fast kein Flecken Strand mehr frei. Ärgerlich aus unserer Sicht, dass wir mit der Flut gerechnet haben und uns dementsprechend weit nach hinten gelegt hatten. Leider zog sich das Wasser aber zurück, so dass sich vor uns Reihe um Reihe von Strandbesuchern aufbauen konnten. Das nächste mal werden wir vorher einen Tidenplan studieren.

Der Strand ist durchgehend von Lifeguards besetzt, die mit Pfeifen und heftigen Armbewegungen versuchen, die Badenden daran zu hindern, Richtung Europa zu schwimmen. Manchmal muss man das Wasser auch komplett verlassen, warum wissen wir bis jetzt nicht: ein Hai kann es ja nicht gewesen sein…

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Die nächste Station wäre Jones Beach, bei dem es das Jones Beach Theatre gibt, in dem im Sommer große Open Airs (die Tommy Hilfiger Konzerte) veranstaltet werden. Jones Beach haben wir bisher ausgelassen, dafür waren wir zwei Mal auf Fire Island, das man von den LIRR-Stationen Sayville oder Patchogue erreicht.

Von Sayville kann man nach Fire Island Pines oder Cherry Grove mit der Fähre fahren. Beides sind Gay-Communities und von daher nicht eines jeden Sache. Von Patchogue fährt die Fähre nach Watch Hill, einem kleinen Yachthafen und einem Campingplatz. Normalerweise sollte es dort auch eine Snackbar, ein Restaurant und einen Supermarkt geben, die allerdings 2001 und 2002 geschlossen wurden. Dafür gibt es einen kleinen Laden, der das Nötigste zum Überleben anbietet: Getränke, Konservendosen und Nudeln.

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Fire Island ist ein unglaublich schöner Platz: eine schmale Insel, eigentlich mehr eine Sanddüne im Meer. Nördlich glitzert das ruhige Wasser des Long Island Sound, südlich rollt der Atlantik an einen breiten, feinsandigen Strand. Während Long Beach deutlich der Strand einer Millionenstadt ist, könnte Fire Island auch gut in einer abgelegeneren Ecke der Welt liegen und Aussteigern eine Heimat bieten. Dass dem so nicht ist, das verraten die teueren Yachten und Speedboats im Hafen und die Flugzeuge, die regelmäßig Werbebanner an der Südküste entlang ziehen.

Wenn man auch nicht extra nach New York reist, um sich an den Strand zu legen, so ist es trotzdem gut zu wissen, dass man der mörderischen Sommerhitze in schlichten ein, zwei Zugstunden entfliehen kann…

Listening to the City

Ein Tag des Zuhörens und Gehörtwerdens im Javits Center am 20. Juli 2002

31. Juli 2002, von Elke

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In der Subway morgens um 8 Uhr sitzt mir eine Frau gegenüber und strickt. Sie steigt wie Oliver und ich an der Penn Station aus und marschiert mit energischen Schritten in die Richtung, in der die Avenues höhere Zahlen tragen: 8th, 9th, 10th und schließlich die 11th Avenue. Zu dieser frühen Stunde ist das Ziel klar! Wir treffen uns im “Jacob Javits Center” wieder, um mit weiteren rund 4.500 Menschen die Stimme der Stadt zu bilden. Trotz notwendiger Vorab-Registrierung lässt der Menschenauflauf nichts Gutes erwarten, doch sind meine Sorgen schnell vorbei, als ich innerhalb weniger Minuten im Kongresssaal stehe und in die Ausstattung bewundere. Gut 100 runde Tische wurden hier für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer hergerichtet, übersichtlich in Farb- und Nummerncodes unterteilt, um sich leichter zurecht zufinden. Während Oliver an einem blauen Tisch Platz nimmt, stelle ich mich an dem mir zugeteilten weißen Tisch Nummer 65 vor und werde sogleich von Bob begrüßt. Bob ist extra aus Kentucky angereist, um diesem Mega-Event beizuwohnen. Doch nicht als Teilnehmer, sondern als sogenannter Facilitator. So wie überhaupt jeder Bundesstaat der USA freiwillige “Facilitator”, so eine Art “Diskussionsleiter” – für jeden Tisch einen – entsannt hat. Foto: Logo von Listening to the City

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Nach einem kleinen Frühstück geht’s auch schon los mit den ersten Begrüßungsreden. Wer dem nicht lauschen will, schmökert derweil in der eigenen mit Informationen prall gefüllten Teilnehmermappe oder sieht sich in dem inspirierend geschmückten Raum ein wenig um. Die Initiatoren haben sich durchaus etwas einfallen lassen und das Multimedia-Zeitalter am 20. Juli 2002 im Jacob Javits Center Einzug halten lassen. Auf jedem Tisch steht ein vernetzter Laptop und für jeden einzelnen Teilnehmer gibt es ein drahtloses Gerät zur Stimmabgabe. Schließlich erklärt uns Carolyn Lukensmeyer, die Präsidentin und Gründerin von America Speaks, was es mit der ganzen Elektronik auf sich hat. Wenn wir in unserer kleinen Gruppe diskutieren, dann sollen die Gedanken schriftlich, im Laptop festgehalten und gleichzeitig verschickt werden. Die verschickten Beiträge werdenn dann wiederum von einer unabhängigen Gruppe von Freiwilligen ausgewertet und zu allgemeineren Aussagen zusammengefasst. Diese Aussagen schließlich bilden die Grundlage zur individuellen Stimmabgabe. Foto: Kameramann im Hintergrund sowie TeilnehmerInnen

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Ich finde es faszinierend, mich mit etwa gleichviel Frauen und Männern unterschiedlichster Hautfarbe und Herkunft mich auszutauschen. Damit dies überhaupt über alle Sprach- und sonstigen Grenzen hinweg möglich ist, gibt es Simultan-Dolmetscher für spanisch und chinesisch sowie Dolmetscher für die amerikanische Taubstummensprache. Um die tollen Multimedia-Geräte gleich mal zu testen, werden unsere demographischen Daten erfragt und die ergeben, dass die Teilnehmenden wohl auch den offiziellen statistischen Durchschnittsdaten hinsichtlich Geschlecht, Alter, Einkommen, Herkunft und Verteilung innerhalb des Tri-States (New York, Connecticut und New Jersey) entsprechen. Foto: Bob, Yukako und Allon

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Ziel der heutigen Veranstaltung ist es, Meinungen zu den sechs Plänen öffentlich zu machen, Gedanken für ein würdiges “Memorial” zu sammeln sowie Ideen zum Wiederaufbau einer lebendigen Downtown-Gemeinde zu diskutieren. Nach und nach werden uns die sechs Pläne von Frank Lombardi, dem Chief Engineer der Port Authority von New York und New Jersey vorgestellt. Die Port Authority (PANYNJ) hat gemeinsam mit der Lower Manhattan Development Corporation (LMDC) letztendlich das Sagen über das, was auf dem Gelände des ehemaligen World Trade Center passieren wird. Foto: Carolyn Lukensmeyer auf der Großbildleinwand

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Am Ende des diskussionsreichen Tages sind sich alle einig, dass noch viel nachgedacht werden muss, bevor mit dem Bau von was-auch-immer angefangen werden kann. Doch der Anfang wurde gemacht und die Für und Wieder der einzelnen Elemente eines jeden aus dem Architekturbüro von Beyer, Blinder und Belle kreierten Plans erörtert. So war die überwiegende Mehrheit dafür, den Standort der der World Trade Center Türme unangetastet zu lassen und bestenfalls dadrauf das Memorial zu errichten. Anderen sind es zu viele Bürogebäude, wobei sich die Frage stellt, ob das Joe und Jennifer überhaupt beurteilen können. Einig jedoch sind sich alle, dass die vorgestellte Architektur schlichtweg langweilig ist und nicht das ersetzt, was wir verloren haben. Hoffen wir, dass die Verantwortlichen gut zugehört haben und visionäre Kreativität beweisen. – Die Ergebnisse der Veranstaltung gibt’s hier zum Nachlesen. Foto: Am Ende eines ereignisreichen Tages